Wirtschaft : Geb. 1915

Chen-Kuen Lee

Brigitte Grunert

Chen-Kuen Lee

Im Zug nach Basel zog er seinen Brillantring zum Hände waschen ab – und vergaß ihn, ließ ihn liegen. Seinem fassungslosen Begleiter erklärte er, man dürfe solchen Dingen nicht nachweinen. Er war steinreich, er war bettelarm, er passte sich immer der Macht des Schicksals an. Er war Taoist.

Sein Vater in Schanghai verdiente als Bankier viel Geld, sein Großvater als Seidenfabrikant. Chen-Kuen Lee aber befreite sich aus dem Kokon der Tradition. Als er 16 war, man schrieb das Jahr 1931, ließ ihn der Vater nach Berlin ziehen, wo ein Onkel lebte, und schenkte ihm zum Abschied den Brillantring. Es war ein Abschied für immer. Erst nach 60 Jahren besuchte Lee wieder China. Da lebten in der Prachtvilla seiner Kindheit 50 Familien.

Nachdem er Deutsch gelernt hatte, studierte Lee an der Technischen Hochschule Architektur. Am liebsten hätte er danach bei Mies van der Rohe gearbeitet. Doch der saß schon auf gepackten Koffern, die Nazis waren an der Macht. So wurde Hans Scharoun zur Vaterfigur; er prägte Lees Stil. Die beiden arbeitete von 1937 bis 1953 zusammen, anfangs wohnte Lee sogar bei den Scharouns. Sein Lehrmeister hatte seit 1933 nur noch private Aufträge und im Krieg selbst die kaum mehr. Aber er erkannte Lees Talent und interessierte sich für fernöstliche Kunst. So philosophierten, planten, entwarfen sie gemeinsam – und gründeten einen „Deutsch-Chinesischen Werkbund“ – vier Mitglieder hatte der.

Wenn es ums Private ging, so war Lee wenig auskunftsfreudig. Fragte man ihn nach seinem Befinden, so konnte es vorkommen, dass er mit einem Kompliment für das Teegeschirr antwortete. „Ah, Walter Gropius!“ Und damit wurde er sehr gesprächig.

Design und Baukunst waren seine Themen und sonst gar nichts. Deshalb war er gern Gast in den Häusern, die er selbst gebaut hat. Er wollte das Wohngefühl erkunden. Solche Teestündchen zogen sich oft drei, vier Stunden hin.

Traumvillen hat er gebaut, die edelsten in der Umgebung von Stuttgart und Karlsruhe. Und seine Auftraggeber mussten außer viel Geld auch Stilgefühl haben. Er baute wie Scharoun – leicht, licht, luftig, viel Glas, wenig Türen und Wände, viel Durchblick. Und immer achtete er auf die „fließende Harmonie von innen und außen“, wie er sagte. Jedes Haus passte er der Landschaft an, jedes baute er nur einmal. Und man merkt seinen Häusern an, woher er stammte. So liebte er die fächerförmigen Grundrisse. Betonfassaden, die er entwarf, wirken biegsam wie Bambus. Mitunter ging Lees Ästhetik allerdings auf Kosten des Praktischen: eine kleine Küche mit konvex gebogener Längswand, überaus originelle Fensterteile, die man nicht öffnen kann. Die praktischen Einwände nahm er kommentarlos lächelnd hin.

Für sich selbst baute er mehrere Häuser in Westdeutschland. Doch der kleine, schmale Herr Lee konnte auch mit winzigem Platz auskommen, obendrein in genialischer Unordnung. Mozart komponierte manchmal am Billardtisch – Lee skizzierte am Küchentisch der Cousine seines Bauleiters die ersten seiner fünf Hochhäuser fürs Märkischen Viertel. Ein Großauftrag mit mehr als 1500 Wohnungen.

So ein bürgerlicher Bohemien braucht eine Lebensstütze. Die war ihm der robuste, blonde Werner Engel. Der 26 Jahre Jüngere war sein Bauzeichner, Chauffeur, Haushälter und Lebensgefährte – 44 Jahre lang, bis dass der Tod sie schied. Engel weiß auch, dass Lee schon in den dreißiger Jahren, als ihm der Vater noch viel Geld schicken konnte, ein Lebemann und Charmeur war. Es musste unbedingt London sein, wo er seine Garderobe und Jazz-Platten kaufte. Einen zierlichen Lee-Frack aus dieser Zeit hegt Engel wie ein Museumsstück: „Den gebe ich nicht her.“

Seit den fünfziger Jahren verdiente Lee endlich selbst viel Geld. Und er verkehrte auch ganz privat bei seinen reichen Bauherren, die ihn als Exoten herumreichten. Mit seinen Erzählungen über die Architektur konnte Lee ganze Damenkränzchen unterhalten.

Einen Kometenschweif junger Männer hatte Lee auch sehr gerne um sich. Noch im hohen Alter tanzte er in seinem letzten, beengten Berliner Zuhause mit Studenten in eleganten Bewegungen zur Jazz-Musik. Dabei erklärte er ihnen, wie harmonische Architektur funktioniert.

In guten Zeiten war er sehr spendabel. Aber ein Organisator und spitz rechnender Geschäftsmann war er nie. Als in den siebziger Jahren die Aufträge rar wurden, belieh er die eigenen Häuser so lange, bis sie den Banken gehörten. Schließlich musste er auch seine Wohnung im Drei-Familien-Haus Am Schlachtensee 144 verkaufen, das er selbst entworfen hatte.

Chen-Kuen Lee war 64 und längst deutscher Staatsbürger, als er mit seinem Lebensgefährten in Taiwan ganz von vorne begann. Er war Professor und plante wieder viele Häuser, baute aber nur noch zwei. Ein eigenes nicht mehr; die langen Reisen jedes Jahr samt Abstecher nach Berlin waren teuer genug. Seine Studenten verehrten ihn. Sie waren seine Schüler, die den verehrten Lehrer mit tiefen Verbeugungen und aneinander gelegten Händen grüßten. Der alte Herr nahm die unterwürfige Geste mit den Händen in den Hosentaschen zur Kenntnis. Die chinesischen Professoren mochten seine „deutsche Art“ überhaupt nicht. Wenn ihm etwas nicht gefiel, so sagte er das ganz direkt. Hier, in Taiwan, galt das als grob und unhöflich.

So zog es ihn wieder zurück nach Berlin, Lee war inzwischen 81. Und wieder bewohnte er mit Werner Engel eines „seiner“ Häuser – zwei Zimmer in der 14. Etage am Senftenberger Ring mit weitem Blick übers Märkische Viertel. Er war total verarmt, aber das störte ihn nicht. Schöne Buddhas und Bilder sind ihm geblieben und die Beschäftigung mit der Architektur. „Wir haben doch alles“, tröstete er den Freund. Lee schwor auf Tee für und gegen alles, auf seine schwebenden gymnastischen Tai-Chi-Übungen – und auf Königsberger Klopse. Zu seinem 88. Geburtstag schenkte ihm die Baugesellschaft, der „sein“ Hochhaus gehört, eine Jahresmiete. Doch so viel Lebenszeit blieb ihm nicht. Bei sanftem Jazz trugen ihn deutsche Freunde und Schüler aus Taiwan zu Grabe – vor der Kulisse des Märkischen Viertel.

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