Wirtschaft : Geb. 1916

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Mit acht Jahren gewann sie einen Aufsatzwettbewerb aller Berliner Schulen zum Thema „Mein schönstes Wochenende“. Die Urkunde hing in der Aula ihrer Schule in der Schwedter Straße. 1933 wurde sie abgenommen.

Ruhig ging es zu bei den Bürgers. Sehr ruhig. Man stelle sich eine kleines Häuschen vor, im bürgerlichen Tempelhof, auf dem ehemaligen Flughafengelände, Anfang der sechziger Jahre, als es dort noch keine Hochhäuser gab. Der Vater hatte als Arzt eine Praxis und kam um zwölf zum Essen und anschließenden Mittagsschlaf für zwei Stunden nach Haus. Die Töchter Renate und Monika marschierten morgens zur Schule, und wenn sie einmal das Pausenbrot vergaßen, brachte es die Mutter ins Klassenzimmer hinterher. Wenn es später wurde in der Schule, stellte Hilde Bürger das Essen übers Wasserbad, und die Kinder aßen zu Hause, ganz still, damit der Vater nicht aufwachte.

Hilde Bürger hielt das Haus mit Garten, Hund, zwei Meerschweinchen in Ordnung; sie achtete darauf, dass es sich nicht von den anderen Häusern in der Straße unterschied. Sie ging nicht ins Theater und nicht in die Oper, und am Abend ging sie früh ins Bett. In ihrem kleinen Ferienhaus am Lago Maggiore tauten die Bürgers auf. Dort waren sie „Federico und Hilde“, lernten Italienisch, waren heitere und gern gesehene Feriengäste. Mit den Nachbarn in Berlin blieben sie beim förmlichen Sie. Selten kam Besuch in das Haus am Bundesring.

Zweimal im Jahr bekam Hilde Bürger ein Magengeschwür, im Frühjahr und im Herbst. Dann sagte der Vater zu den Töchtern: „Ihr müsst lieb zu der Mama sein, sie hat es einmal schwer gehabt.“ Die Kinder wussten: Ihre Mutter war früher Krankenschwester. Im jüdischen Krankenhaus. Danach war sie in einem Lager. Manchmal schnappten sie Worte auf: Tuberkulose, Theresienstadt, Flecktyphus, Hunger. Worte aus einer fremden, schrecklichen Zeit, die unendlich lang zurückzuliegen schien.

Die Töchter waren längst aus dem Haus, selbst Mütter und weit über dreißig, da kehrte die Vergangenheit zurück. Hilde Bürger war mit ihrem Mann nach der Pensionierung in den Schwarzwald gezogen. Dort hatte sie sich eines Tages an einen Tisch gesetzt und aufgeschrieben, was sie fast vier Jahrzehnte zu vergessen versucht hatte. Im Jahr 1984 waren 88 Seiten fertig – ein richtiges Buch. Sie gab ihm den Titel: „Bezwingt des Herzens Bitterkeit“. Ein Schillerzitat, das seit 1947 ihr Lebensmotto war.

Damals entschied sich Hilde Pohlmann, Tochter einer Jüdin und eines Franzosen deutsch-armenischer Herkunft, Überlebende des KZ Theresienstadt, mit halber Lunge und dem Herzen voll Leid, den Deutschen Friedrich Bürger zu heiraten. Seinen Eltern zu Liebe trat sie zum katholischen Glauben über. „Verrat“ sagten damals andere Überlebende, Hilde Bürger hielt dagegen: „Sollte denn der Hass immer weitergehen? Muss es nicht Menschen geben, die zur Versöhnung bereit sind?“

Sie blieb in Deutschland, bei den Tätern, aber die Bitterkeit wirklich zu bezwingen, das war eine lange und schwierige Angelegenheit, ein Kraftakt, ein Lebenswerk, eine Sache von fast 40 Jahren. Jahre, die geprägt waren von Vorsicht, Zurückhaltung, dem Wunsch, nicht aufzufallen. Und dann hatte sie zur Überraschung ihrer Töchter, die nie zu fragen gewagt hatten, plötzlich dieses Buch geschrieben und wurde Zeitzeugin, hielt Vorträge in Schulen, blühte auf, wenn sie über die Vergangenheit sprach.

Als Juden in Deutschland nicht mehr auf das Gymnasium gehen, studieren, die Tanzschule besuchen, Bus fahren oder auf einer Parkbank sitzen durften, als jede Woche Freunde das Land verließen, blieben Hilde, ihre Mutter und Großmutter in Berlin. Seit 1938 arbeitete Hilde im jüdischen Krankenhaus, einer Art Insel im Meer der Ausgrenzung, wo auch noch Ende der dreißiger Jahre so etwas wie „normales Leben“ für Juden möglich war. Es war die letzte Möglichkeit. Von dort aus erlebte sie, wie sich das Netz täglich enger zog: 1942 kam ihre Mutter „auf den Transport“ und wurde kurze Zeit später in Riga erschossen, die Großmutter starb aus Kummer. Und am 17. Juni 1943 wurde Hilde Bürger selbst nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte nur, weil sie Krankenschwester war, weil man sie brauchte. Einmal bewahrte eine drohende Flecktyphusepidemie sie vor dem Tod. Sie war schon im Waggon nach Ausschwitz, als plötzlich das Kommando ertönte, sie solle wieder aussteigen.

„Rückblickend“, schreibt Hilde Bürger am Ende ihres Buches, „war es ein erfülltes Leben“. Erfüllt wegen der Töchter, der Enkelkinder, dem Ehemann. Wegen des unerwartet langen Lebens, das noch folgte auf die Jahre der völligen Hoffnungslosigkeit. Ein Leben, das mit einer glücklichen Kindheit auf den Hinterhöfen um den Zionskirchplatz begann, wo die Kinder zwischen den Müllkästen mit Murmeln spielten. Hilde lebte mit ihrer Mutter, ihrer Großmutter und zahllosen Vögeln in einer kleinen Wohnung. Ein Foto zeigt sie als kleines Mädchen mit Spitzenkragen, das selbstbewusst in die Kamera schaut, mit großer weißer Schleife auf dem dunklen Lockenkopf. Ein kluges, begabtes, von den beiden Frauen vergöttertes Kind. Mit acht Jahren gewann sie einen Aufsatzwettbewerb aller Berliner Schulen zu dem Thema „Mein schönstes Wochenende“. Die Urkunde hing in der Aula der 89. Gemeindeschule in der Schwedter Straße, bis 1933.

Auch ein anderes Foto zeigt Hilde Bürger glücklich, fast wie zu Kinderzeiten. Gemeinsam mit ihrem Mann Friedrich sitzt sie auf einer Bank, beide hochbetagt, die Augen von Falten umkränzt. Sie hält zärtlich sein Gesicht in ihren Händen, versinkt in seinem Blick. Seit Anfang der neunziger Jahre hatten die beiden Alzheimer – und mit einigermaßen sanftem Verlauf. Jetzt ist Hilde Bürger gestorben, drei Jahre nach ihrem Mann.

Sie war noch oft fröhlich, freute sich über Besuch, las und sprach sogar noch einzelne Worte Italienisch. Sie lebte im Moment. Und an alles, was vergangen war, egal ob es Stunden oder Jahrzehnte zurücklag, konnte sie sich nicht mehr erinnern. Kirsten Wenzel

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