Wirtschaft : Geb. 1916

Ulf Torberg

Stefan Jacobs

Als Wachsoldat schoss er regelmäßig auf Bäume. Als Rentner legte er täglich 10 Kilometer auf dem Balkon zurück.

In diesem Winter werden sich die Schmargendorfer Vögel nach einem neuen Futterplatz umsehen müssen. Sie konnten sich auf den alten Herrn mit der Weide vorm Haus verlassen. Regelmäßig kam er hinaus und hatte einen Meisenfutterring an einer langen Schnur dabei. Er warf ihn über einen Ast und freute sich, wenn die Meisen wie Akrobaten an dem schaukelnden Ring herumturnten. Und er erschreckte die Krähen, die den Meisen das Futter streitig machen wollten: Ihnen zog er mit einem Ruck den Ring vorm Schnabel weg.

Der große Sommerorkan verbog die Vogelweide; ein paar Tage später war sie weg. Dafür hatte Ulf Torberg nun freien Blick beim Radfahren. Wenn ihm schon das Laufen immer schwerer fiel, so absolvierte er doch jeden Tag seine Zehn-Kilometer-Tour auf dem Balkon. Im Sommer ließ er sich von der Morgensonne wärmen; im Winter vom Heizstrahler, den seine Frau ihm hinstellte.

Noch mehr Zeit als auf dem Balkon verbrachte Ulf Torberg in seinem ledernen Wohnzimmersessel, in dem er sich dem Arbeitsplatz, dem Kaffeetisch, der Stereoanlage oder dem Fernseher zuwenden konnte. Auf dem Gerät stehen vier Flaggen: die von Schweden, Spanien, Österreich und Griechenland. Die schwedische hat es nur knapp auf Ulf Torbergs Fernseher geschafft, denn den warmen Süden hatte er eigentlich viel lieber. Aber die Schwester seiner Frau lebte dort, und in den Sechzigern hatte er seine Tochter nach Stockholm zur Schule geschickt, weil er sie zu Zeiten von Mauerbau und Kubakrise an einem ruhigeren Ort als Berlin wissen wollte.

Die österreichische Fahne hatte ihren Ehrenplatz auf Ulf Torbergs Fernseher, weil die Familie ein Ferienhaus in Tirol besaß. Seine Mutter war ihm Vorbild – weil sie mit knapp hundert Jahren noch in der Augenarztpraxis ihres verstorbenen Mannes aushalf. Sie ist 103 geworden. Ein schönes Alter, fand Ulf Torberg, auch für sich selbst. Als er jung war, ist ihm so viel Zeit gestohlen worden.

Dabei hatte die Geschichte noch einigermaßen gut begonnen. Die Wehrmacht hatte Ulf Torberg von der Schauspielschule weggeholt. Der vom Vater, dem Arzt, attestierte Herzfehler bewahrte ihn zwar nicht vor dem Kriegsdienst. Aber sein Sprachtalent verschaffte ihm einen erträglichen Posten: Als der Kommandeur fragte, ob jemand Griechisch kann, meldete sich Ulf Torberg. Er konnte Altgriechisch. Ulf Torberg kam nach Griechenland, wo er als Dolmetscher in einer Möbelfabrik arbeiten und Waldarbeiter beaufsichtigen sollte. Neugriechisch studierte er nebenbei, und mit den Waldarbeitern verstand er sich bestens. Ärger bekam er nur mit seinen Vorgesetzten, denen suspekt war, dass der Wachmann nie zum Maschinengewehr griff. Von da an schoss er regelmäßig: auf die Bäume, die sich leichter fällen ließen, wenn er sie vorher perforierte.

So überstand Ulf Torberg die finstersten Zeiten im sonnigen Griechenland, verliebte sich in Francesca, ein Mädchen aus Athen, und überzeugte seine Vorgesetzten, dass er, obwohl ausgebildeter Offizier, zum Einsatz in Frankreich ebenso wenig tauge wie zum Afrika-Kämpfer unter Rommel.

1944 geriet er in britische Kriegsgefangenschaft und wurde in ein Lager nahe Kairo verfrachtet. Als auf der Überfahrt ein deutscher U-Boot-Angriff und damit Panik an Bord des britischen Schiffes drohte, sprang Ulf Torberg auf eine Kiste und rezitierte Ringelnatz vor versammelter Mannschaft. Weil Ringelnatz fast immer hilft, wenn sonst gar nichts mehr hilft. Der Kapitän lobte Ulf Torberg für seinen Einsatz. Doch die Gefangenschaft dauerte noch fünf lange Jahre. Nur seine nimmermüde Arbeit als Regisseur und Schauspieler sowie die Presseschau für seine 10 000 Mitgefangenen brachten Ulf Torberg ein wenig Abwechlung im Wüstencamp.

Auch die Liebe zu Francesca verblasste in der Zeit der Trennung – am Ende blieb nur ein rätselhafter Briefwechsel auf Griechisch.

1953 heiratete Ulf Torberg in Berlin seine Schauspielerkollegin Annegret. Ein Foto erzählt, wie glücklich die Ehe war: Mit sehnsuchtskrankem Blick sitzt der Mann auf der gefliesten Treppe einer Finca in Südspanien. Die rechte Hand stützt das Kinn, die linke hält García Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“. Ulf Torberg schickte die Liebeserklärung im Format 10 x 15 seiner daheim gebliebenen Frau nach Berlin.

Die spanische Fahne auf dem Fernseher steht für die Finca und ihren Besitzer, einen Freund von Ulf Torberg aus der Kriegsgefangenschaft. Ulf Torberg hat ihn oft besucht und wollte ihn noch oft besuchen. Auch deshalb fuhr er täglich zehn Kilometer Rad. Aber in diesem Spätsommer, der Kilometerzähler stand bei knapp 7000, war es, als gingen die Balkontouren nur noch bergauf. Ulf Torberg kam ins Krankenhaus und starb am nächsten Morgen.

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