Wirtschaft : Geb. 1917

NAME

Sie wuchs in Rumänien in großbürgerlicher Familie auf und heiratete den Nachkommen eines alten Hugenottengeschlechts. Bei Kriegsende holte sie im Kinderwagen Ahnenporträts seiner Familie aus dem Französischen Dom, um sie vor den Bomben zu retten.

Ihr Mädchen war Willems, erst später wurde sie eine Dufour-Feronce, und vielleicht hatte sie sich von dem Namen mehr versprochen, als sie je zugab. Ein wenig ließ man es sie spüren, dass sie nicht aus hohem Hause kam, sondern eine Angeheiratete war.

Immerhin eine Großbürgerliche, der Vater besaß in Rumänien eine Fabrik zur Entschärfung von Munition. 1921 siedelte die Familie von Uelzen ins Ausland über, wohnte komfortabel mit Dienstboten und Köchin, pflegte Gesellschaft und ließ den drei Kindern die entsprechende Erziehung angedeihen: Deutsch, Französisch und Latein in der Schule, Rumänisch bei den Freunden, Benehmen und Akkuratesse zu Hause bei Tisch. Maria-Theresia lernt schnell, vor allem Sprachen fallen ihr ein Leben lang zu. Das kommt vom Latein und dem tiefen Verständnis für Grammatik. Fünf Sprachen sprach sie perfekt. Und oft genug habe sie anderen deren laxe Sprachhaltung mit Verbesserungsgestus aufs Butterbrot geschmiert, erzählen Annette und Peter, die Kinder von Maria-Theresia und Marc Dufour-Feronce.

Ein Name wie aus einer anderen Zeit. In Leipzig ist eine Straße nach den Dufour-Feronces benannt, einem alten hugenottischen Adelsgeschlecht, das im 18. Jahrhundert von Lyon nach Sachsen zog. Goethe war im Hause Gast, und wie dieser ließ sich auch der Auswanderer Jacques-Ferdinand Dufour-Feronce vom Klassizisten Tischbein porträtieren – wenn auch nicht in Campagna-Pose. Diese Zeit jedoch ist längst Geschichte, als Maria-Theresia Willems ihren Mann kennen lernt. Da tobt in Europa der Krieg, und es wird an zwei Fronten gekämpft. Auch der Erbteil des künftigen Gatten ist perdu, verloren im Spekulationsgewirr zu Anfang des Jahrhunderts, nicht aber sein Name, die Verwandtschaftsbeziehungen, die Geschichte und die vielen Bilder der Familie.

In einer Nacht- und Nebelaktion holt Maria-Theresia Ende des Krieges einen Großteil der Ahnenporträts aus dem durch Brandbomben bedrohten Französischen Dom und befördert sie im Kinderwagen quer durch Berlin. Große Ganzkörper-Formate auf einem kleinen wackeligen Gefährt, in dem sonst der jüngste Nachfahre schlummert. Spätestens mit dieser Rettungsaktion ist die Geschichte der Dufour-Feronces auch ihre Geschichte.

Maria-Theresia ist durch Europa gekommen; vor dem Krieg, weil es sich für eine höhere Tochter so gehörte; nach dem Krieg, weil der warme Süden das Fernweh zu stillen vermochte. Oft ist sie auf sich allein gestellt, als 20-Jährige kommt sie von einer Deutschlandreise zurück, als die Mutter an den Folgen einer Tollwutinfektion stirbt. Sie bricht das Abitur ab und kehrt Rumänien den Rücken, geht nach Krakau und dann nach Brüssel, wo sie ihren Mann kennen lernt. Noch während des Krieges heiraten die beiden. Er gerät in Gefangenschaft, sie zieht mit dem Sohn von Verwandtschaft zu Verwandtschaft, nächtigt in verlassenen Schlössern ohne Wasser, ohne Heizung, erreicht schließlich die alte Junggesellenwohnung ihres Mannes, eine Mansarde am Schlachtensee.

Eine neue Zeit beginnt, die Mittel sind rar, der Blick richtet sich nach vorn. Wiederaufbau. Wenn Maria-Theresia auch nicht viel zu essen auftischen kann, so isst die Familie doch von großartigen Tellern. Silber gehört auf den Tisch, auch wenn es nur Suppe aus Kartoffelschalen gibt. Doch die war hervorragend, erinnert sich der Sohn. 1950 kommt Tochter Annette zur Welt, der Mann findet nach einem Intermezzo als Müllmann zurück ins Bankgewerbe. Maria-Theresia kümmert sich um die Kinder und arbeitet halbtags als Chefsekretärin in einer Klinik. Im Bewerbungsschreiben sagt sie über sich, sie sei zwischenzeitig „Nurhausfrau“ gewesen. Als die Studenten 1968 auf die Straße gehen, marschiert sie in den Hörsaal und lässt sich über Vietnam aufklären. An den Wochenenden besucht die Familie die Philharmonie. Am Sonntag Punkt 11 Uhr schaltet sie das Radio ein, dann kommt Friedrich Luft mit seiner Theaterkritik, anschließend wird die „Musikstimme der Welt“ gehört, Klassik, Beethoven, denn Schallplatten sind teuer.

Die Kinder ziehen aus, den Mann befällt schleichend eine Krankheit, lange Zeit bedarf er ihrer Pflege. Um mobil und unabhängig zu sein, macht sie über fünfzigjährig noch den Führerschein. Nun sitzt sie am Steuer und lenkt das Campinggespann über den Brenner nach Italien oder Süd-Frankreich. Dem stets in englischen Tweed gekleideten Gatten drückt sie Kunstbände in den Schoß, sie vertraut der Obacht der Campingnachbarn, dann zieht sie los auf eigene Faust.

Als es gar nicht mehr gemeinsam geht, bereitet sie noch einmal einen Wechsel vor. Sie ist bereits über siebzig Jahre alt, organisiert einen Pflegeplatz für ihren Mann, packt zwei Koffer, kauft sich einen kirschroten Opel Ascona und verlässt Berlin in Richtung Hessen. Drei Monate lang lebt sie in einer Pension in Bad Wildung, um in aller Ruhe und mit ästhetischem Bedacht ein neues Domizil zu suchen. Den Kindern teilt sie ihre Entscheidungen spät mit - wenn sie es überhaupt tut. Sie bleibt agil, geht täglich schwimmen, liest vier Bücher pro Woche, Biographien, Belletristik, Geschichte.

Und sie hat den ungebrochenen Willen, niemals alt zu werden. Als sei Altern unfein, schaffe Abhängigkeiten und raube den anderen und einem selbst die Freiheit. Tatsächlich gelingt es ihr, sich auf außerordentliche Art aus dem Leben zu verabschieden. Sie blickt auf die Uhr, immer wieder blickt sie zur Armbanduhr, als sei da ein Datum, ein besonderer Zeitpunkt, auf den es ankommt, den es auf jeden Fall zu erreichen gelte. Sie kann das Ziffernblatt schon nicht mehr klar erkennen, die Krankheit fordert ihren Tribut, und trotzdem hebt sie wieder und wieder das Handgelenk und sieht nach der Zeit. Dann endlich ist es geschafft, es ist der Tag ihres fünfundachtzigsten Geburtstages, die Familie kommt zu Besuch, sie kann loslassen und geht. Stephan Reisner

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