Wirtschaft : Geb. 1917

Gertrud Klara Futh

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Für die Kinder verfasste sie den Bericht aus der schlimmen Zeit. Nicht alles schrieb sie auf, denn nicht alles schickt sich.

Sie hat nie viel erzählt von früher, aus der schlimmen Zeit. Da hatte sie Dinge erlebt, die kein Mensch erleben darf, schon gar nicht ein feiner Mensch von Würde und Anstand, Dinge, die man besser verdrängt, wenn sie das Gemüt nicht für immer verdunkeln sollen. Gertrud Klara Futh war ein glücklicher Mensch. Und ein Meister der Verdrängung, wenn man das so sagen darf. Und doch vergaß sie nichts. Vor acht Jahren kursierten dann plötzlich „diese Blätter“ in der Familie, der „Lebensbericht Gertrud Futh“.

Meine Heimat war Schlesien, wohnte seit 1936 in Berlin und habe dort 1939 geheiratet. Mein Mann war seit 1938 Soldat und ist im Sept. 1944 an der Front gefallen.

Gertrud Futh hieß damals Prüfer und hatte zwei Söhne. Weil sie in Berlin ausgebombt wurde, ging sie zurück nach Schlesien und geriet dort im Mai 1945 in die Wirren des Kriegsendes. Die Russen brachten sie nach Prag, wo sie durch die Straßen getrieben wurde, den einen Sohn an der Hand, den anderen, gerade 10 Monate alt, auf dem Arm.

Dann begann etwas Schlimmes. Über Prag und Umgebung kamen nochmals deutsche Tiefflieger. Wir rannten noch schneller, kamen auch in einen Keller, aber die Tschechen kamen mit Knüppeln auf uns zu und wir mussten die Keller wieder verlassen, sonst hätten sie uns erschlagen.

Gertrud Prüfer kam mit den Kindern in ein Lager aus Holzbaracken, zusammen mit acht Frauen und deren Kindern in einem Raum. Alle zwei bis drei Tage gab es ein Brot für alle.

Die Säuglinge hatten keine Milch. Mein Junge lebte drei Wochen nur von Wasser und schwarzem Kaffee. Das Kind ist lebendig verhungert und starb nach diesen drei Wochen. Es war schlimm mit anzusehen, wie er schrie und abgemagert war.

Vier einfache Sätze für das Trauma einer Mutter. In einem weißen Sarg wurde das Baby begraben. Die Lager-Kinder, die später starben, bekamen nur noch Säcke.

Gertrud Futh hatte früh gelernt, mit ihren Gefühlen sparsam zu umzugehen. Gefühle muss man sich leisten können – und Geld war nie genug da. Als uneheliches Kind einer „Köchin und Kaltmamsell“ war sie zuerst im Kinderheim und dann im Hause des Vaters aufgewachsen, der eine andere geheiratet hatte. Dort nahm Gertrud in der Familienhierarchie den untersten Rang ein, wurde geschlagen und musste barfuß zur Schule laufen. Damals gab es für sie nur ein Ziel: einen Mann finden und eine Familie gründen, für die sie sorgen würde. Mehr wollte Gertrud nie und für dieses Ziel war sie bereit zu kämpfen. Sie musste jahrelang kämpfen.

Gertruds zweiter Mann hieß Franz Dobiasch, ein geschickter Handwerker, der aus Schrott Lastwagen zusammenflicken konnte und alle nötigen Möbel für die Mietwohnung selbst baute. Franz war ein Lieber, ein Sanftmütiger. Zum Sonntagsfrühstück backte er Pflaumenkuchen. Wenn die kleine Wohnung in Neukölln wieder vor Gästen zu bersten drohte, sagte er allerdings: „Das Trudchen macht das schon“.

Dann passierte der Unfall. Franz, der bei einer Futtermittelfirma arbeitete, fiel beim Abladen vom Hänger und brach sich den Schädel. Tagelang lag er im Koma.

Franz erholte sich wieder, musste danach aber viel trinken. Er trank viel Alkohol. Wenn er mal wieder spät von der Arbeit nach Hause kam, wussten alle im Haus, was los war. Er kam torkelnd die Treppe herauf, traktierte das Türschloss und platzte mit einem lauten „Na, und?“ in die Runde der wartenden Familie. Manchmal kam die Polizei und meldete, Franz sei gefallen und liege im Krankenhaus.

Gertrud hatte keine Chance gegen den Alkohol. Einmal ging sie zur Pächterin der Trinkstube, in der Franz mit den Kumpels seine Unfallrente durchbrachte, und machte ihr Vorwürfe. Die Pächterin sagte, vom Franz hinge ihre Existenz ab. Mit 51 Jahren starb er, von einem Tag auf den anderen: Gehirnblutung. Zurück blieb wieder Gertrud mit ihren drei Kindern.

Sie trauerte, aber nicht zu lange. Per Kontaktanzeige fand sie einen neuen Mann, einen, der als Heizer gut verdiente, und hieß bald Gertrud Futh. Die Kinder waren nun groß, verließen das Haus, und Gertrud merkte zum ersten Mal in ihrem Leben, wie schön es sein kann, wenn das Geld länger reicht, als der Monat lang ist. Mit dem dritten Mann feierte sie sogar silberne Hochzeit. Ein Jahr später starb er.

Nun war es mit den Männern genug, beschloss Gertrud, obwohl sie – mit 72 immer noch eine stattliche Person, stets offenherzig und guter Dinge – durchaus noch umworben wurde. Ihre Kinder und Enkel waren ihr wichtiger.

Für sie verfasste sie den Bericht aus der schlimmen Zeit. Nicht alles schrieb sie auf, denn nicht alles schickt sich. „Sie war genant“, sagt die Tochter. Vor zwei Jahren bekam Gertrud Futh Brustkrebs. Zwar bösartig, aber nicht so schlimm in Ihrem Alter, sagte der Arzt. Dann wurde es plötzlich doch ganz schlimm. Thomas Loy

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