Wirtschaft : Geb. 1918

Günter Krüger

Thomas Loy

Er war ein Kunstbesessener. Und ein begeisterter Schreibtischmensch.

Zur Theorie des Schlüsselerlebnisses ist zu sagen, dass sie stimmt. Unter besonderer Berücksichtigung von Günter Krüger stimmt sie sogar hundertprozentig. Man schrieb das Jahr 1934, als Herr Stadtamtmann Wilhelm Feige, seines Zeichens Leiter der „General-von-Spankeren-Stiftung“ im Rathaus Schöneberg, dem 16-jährigen Günter den schönen Vorschlag machte, eine Ausstellung zu den Kunstdrucken von Albrecht Dürer zu organisieren. Günter machte sich begeistert an die Arbeit und führte später ganze Schulklassen durch die Ausstellung. Er machte seine Sache so gut, dass er nicht mehr von ihr lassen wollte, ein Leben lang.

Seine Mutter hatte ihm die schönen Künste nahe gebracht. Dann gab es noch diese Zigarettenbildchen, die damals viele Jungen sammelten. Die meisten handelten vom Weltkrieg oder von der deutschen Geschichte. Günters Favoriten waren die Bilder zu den Epochen der Kunstgeschichte. Später kaufte er sich Originalgrafiken aus Kunst-Zeitschriften – für 30 Pfennige pro Blatt. Selbst Werke von Liebermann und Munch hingen in seinem Jugendzimmer – Künstler, die unter den Nazis verfemt waren.

Dass Günter Krüger Kunstgeschichte studieren würde, lag auf der Hand. Nur kamen Reichsarbeitsdienst und Krieg dazwischen. Erst 1947, mit 29 Jahren, kann er sein Studium an der Humboldt-Universität aufnehmen. Als er zusammen mit seinem Professor zu einem Protest gegen die Stadtschloss-Sprengung aufruft, muss er die Uni verlassen und bekommt dafür von der französischen Kommandantur einen Sommeraufenthalt an der Pariser Sorbonne spendiert. 1959, inzwischen promoviert, organisiert Krüger als Volontär der Berliner Museen die Ausstellung über das Frühwerk des Expressionisten Max Pechstein – sein zweites Schlüsselerlebnis.

Pechstein und die Brücke-Maler lassen den Kunsthistoriker nicht mehr los. 1988 veröffentlicht er ein Gesamtverzeichnis zur Druckgrafik von Max Pechstein - eine wissenschaftliche Fleißarbeit, die Ewigkeitsstatus beanspruchen kann. Genau darauf kam es Günter Krüger im Leben an: Etwas unumstößlich Gültiges schaffen, das noch in 150 Jahren gelesen wird. Dafür ackerte er tagein, tagaus ohne Rücksicht auf den Feiertagskalender. Er war ein „Kunstbesessener“, sagt seine Frau. Und ein „begeisterter Schreibtischmensch“.

Ihn von seinem Arbeitsplatz wegzulotsen, war sehr schwierig. Da mochte ruhig das Essen kalt werden oder die Türklingel läuten. „Aha, soso“, brummelte Vater Krüger, wenn profane Dinge dieser Welt an ihn herangetragen wurden. Kamen die Töchter jedoch mit Fragen zur mittelalterlichen Baukunst, so war das ein großes Glück, und er hörte gar nicht mehr auf zu erzählen. Zum Geburtstag erhielten die Kinder Bücher über Malerei auf den Gabentisch. Im Kunstunterricht durften sie mit ausgefeilten Diavorträgen aus Papas Feder glänzen. Und im Urlaub ging es nicht an die langweilige Riviera, sondern unter fachkundiger Führung durch die fränkisch-deutsche Kulturlandschaft. Günter Krüger konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Kirchenbesuche einem heranwachsenden Menschen zur Last werden.

Von sich selbst sprach Günter Krüger eigentlich nie. Eine Selbstbiographie beginnt mit den Worten: „Der am 18.7.1918 geborene Günter Krüger…“ Wenn es um seine Künstler ging, konnte er dagegen hinreißend erzählen, da blühte er auf. Die schöne Baritonstimme streichelte das Trommelfell seiner Zuhörer. Diese schöpferische Welt war ihm alles. In einem Dutzend Kunst-Vereine, -Gesellschaften und -Stiftungen war Krüger Mitglied. Ehrungen erhielt er zuhauf, auch das Bundesverdienstkreuz. Im Keller stehen noch Teile seiner großen Bibliothek, sauber geordnet und inventarisiert. Im Nebenraum war früher die Fleischmann-Eisenbahn aufgebaut, mit den Faller-Miniaturhäusern. Sein einziges profanes Hobby. Weil Krüger auf der technischen Seite des Bastelns weniger bewandert war, kam es immer wieder zu Störungen des Zugverkehrs.

Günter Krüger rauchte viel und hielt es auch sonst mit Churchill: No sports! Nach dem ersten Schlaganfall verzichtete er aufs Nikotin, aber damit musste sich sein Körper denn auch zufrieden geben. Er hatte Glück: Auch der zweite Schlaganfall hinterließ kaum Spuren. Am Stock zu gehen und später im Rollstuhl sitzen zu müssen, kann einen Schreibtischmenschen nicht aus der Bahn werfen. Schlimmer waren die vom Arzt verordneten Spaziergänge. Erst als das Gedächtnis nachließ und das Bett zum wichtigsten Möbel wurde, musste Günter Krüger die Musen der Kunst bitten, ihn von seinen Pflichten zu entbinden.

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