Wirtschaft : Geb. 1919

Werner Eberlein

Kerstin Decker

Das ehemalige SED-Politbüromitglied taugte nicht zu einem Betongesicht. Es entsprach einfach nicht seinem Naturell. Sein Verleger schätzte ihn als proletarischen Witzeerzähler, und selbst ein DDR-Bürgerrechtler fand ihn auf Anhieb sympathisch.

Das Jahr 1990 war kein gutes Jahr für ein Ex-Politbüromitglied. Schon gar nicht, um krank zu werden. Politbüromitglieder behandeln wir hier nicht!, beschied das Krankenhaus am Friedrichshain dem Operationskandidaten. Da drohte Werner Eberleins Bruder dem Krankenhaus wie ein Prediger des Jüngsten Gerichts mit der Bibel, und Werner Eberlein erlebte zum ersten Mal in seinem Leben die Wirksamkeit der Heiligen Schrift. Man operierte ihn doch. In seiner Jugend in Moskau hatte er Kirchen und Klöster gesehen, die waren gerade „Museen für streitbaren Atheismus“ geworden, oder man hatte sie von allen Seiten mit Schnellstraßen umgeben, da sahen sie ziemlich ohnmächtig aus. Werner Eberlein brauchte einen Herzschrittmacher. Er bekam ihn – und gleich eine Querschnittslähmung dazu. Vereiterter Herzschrittmacher, vereiterte Wirbelsäule, Lähmung. Die linke Hand konnte er noch bewegen. Immerhin, dachte Werner Eberlein und überlegte, was er mit diesem Stück Freiheit anfangen könnte. Er beschloss, ein Buch zu schreiben in der Nachfolge der 11. Feuerbachthese von Karl Marx: Wir haben die Welt immer nur verändert, wir sollten sie mal wieder interpretieren!

Das Ex-Politbüromitglied Eberlein nahm die Erinnerungen der alten Zeit und einen Computer der neuen Zeit und fing an. Außerdem war er noch immer ehrgeizig. Die Ärzte hatten ihm prophezeit, dass er den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen werde, aber wozu hatte er, Eberlein, Sibirien überlebt? Wozu ist er im Winter zu Fuß durch die Taiga gelaufen? Um sein Leben in einem Rollstuhl zu beenden? Als Vierzehnjähriger stand er allein in Moskau. Als Siebzehnjähriger abenteuerte Werner Eberlein – wie einst Jack London durch Amerika – durch die postrevolutionäre Sowjetunion. Er hatte kein Geld, keinen Pass und war außerdem der Sohn eines Verräters. Über Nacht waren die Fotos seines Vaters, des Mitbegründers der KPD und der Kommunistischen Internationale, aus dem russischen Revolutionsmuseum verschwunden. Niemand nahm den Namen Hugo Eberlein mehr in den Mund. Stalin hatte ihn aus dem Hotel Lux abholen und erschießen lassen. Da adoptierten die härtesten russischen Arbeiter, Kartenspieler und Wodkatrinker den Jungen.

Davon hat doch keiner gewusst, sagt Matthias Oehme, Werner Eberleins Verleger. Denn die DDR hatte den Brauch aus Stalins Tagen fortgesetzt: Darüber spricht man nicht. Nun hat das Ex-Politbüromitglied seinem Verleger einen Beinahe-Bestseller geschrieben. Eberlein fiel ihm schon früher auf. Schon zu der Zeit, als das DDR-Volk seine Partei-und Staatsführung nur von Fotos kannte, die immer gleich aussahen. Nur Eberlein nicht. Er war zeitlebens außerstande zu einem veritablen Betongesicht. Es entsprach nicht seinem Naturell. Eberlein war der geborene proletarische Witzeerzähler, sagt Oehme. Eigentlich viel zu lebendig für ein Politbüro-Mitglied.

Wahrscheinlich hat er auch deshalb in den letzten zehn Jahren Stück für Stück den Panzer seiner Querschnittslähmung aufgebrochen. Sie entsprach einfach nicht seinem Naturell. Den Panzer seiner Weltanschauung dagegen zerbrach Eberlein nie. Vielleicht war das auch unmöglich. Ich bin als Kommunist auf die Welt gekommen, sagte Werner Eberlein und meinte es kein bisschen ironisch. Sein Buch heißt genau wie der berühmteste Tom-Cruise-Film „Geboren am …“. Nur dass Werner Eberlein nicht am 4. Juli, sondern am Schicksalstag aller Deutschen Geburtstag hatte: „Geboren am 9. November“ in Berlin Neukölln. Dem Vater schrieb sogar Lenin persönlich Karten schrieb. Die Mutter und alle ihre Schwestern: Kommunistinnen. Die erste Demonstration seines Lebens erlebte Werner Eberlein auf den Schultern eines Rot-Front- Kämpfers. Die erste Zeitung, die er las, war die „Rote Fahne“.

Nur einmal wäre der Junge Werner Eberlein beinahe vom Wege abgekommen. Da half er auf dem Rummelplatz einem Karussellbesitzer. Er schob das Karussell an und durfte dann umsonst mitfahren – wenn er es rechtzeitig wieder abbremste. Eberleins Mutter war entsetzt und legte ihrem Sohn anhand des Karussellbesitzers das Wesen der kapitalistischen Ausbeutung dar. Der Sohn war verwirrt. Von ihm aus hätte die „kapitalistische Ausbeutung“ nie mehr aufhören müssen. Trotzdem erklärte Werner Eberlein später an seinem Neuköllner Gymnasium, den Hitlergruß nicht leisten zu können, weil der seinen politischen Überzeugungen widerspreche. Da sollte er in ein nationalsozialistisches Erziehungsheim – und floh, allein, nach Moskau. Seine Mutter brachte ihn zum Bahnhof Friedrichstraße.

1948 kam Werner Eberlein zurück nach Deutschland und machte Politikkarriere im Osten. Vor allem wurde er Dolmetscher. Wer schwer zu dolmetschen war, dem erfand Eberlein mit dem Temperament des proletarischen Witzeerzählers einfach eine leicht verbesserte Rede. Bei Chruschtschow tat er das regelmäßig. Als Eberlein gerade in Rente gehen wollte, teilte Erich Honecker ihm mit, dass er nun Chef der SED-Bezirksleitung Magdeburg werden müsse – damit er eine Perspektive habe. Ich habe eine Perspektive: Rentner, antwortete Eberlein. Umsonst, die Partei hatte ihn noch einmal gerufen. Ein paar Jahre später eröffnete Werner Eberlein das Verfahren gegen Honecker: Erich, du bist uneinsichtig gewesen… Das Politbüro setzte Honecker ab, wie kurze Zeit später das ganze Land das Politbüro absetzte.

Auf den Mitbegründer des „Neuen Forums“, Hans-Jochen Tschiche, machte Eberlein den Eindruck „eines älteren, gütigen, leicht resignierten Superintendenten“. Und der Bürgerrechtler fand, was keine Logik vorsah, schon gar nicht die der Stunde, das Politbüromitglied „auf Anhieb sympathisch und beeindruckend“.

Eben sind Werner Eberleins Erinnerungen als Taschenbuch erschienen. Vor einer Woche gab er dem „Neuen Deutschland“ ein Interview über seinen Vater und das Schweigen, er traf sich mit seinem Verleger, er las in Cottbus und Frankfurt aus seinem Buch, um schließlich nach Art aller Menschen, die sehr einverstanden mit sich sind, in seinem Garten den Rasen zu mähen. Von wegen Rollstuhl! Er kam nicht mehr zurück ins Haus.

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