Wirtschaft : Geb. 1920

Ursula Ihlow

Till Hein

Als junge Frau hatte sie einen Arbeitsunfall. Beim Blumenbinden. Später wurde sie Trichinen-Beschauerin.

Es passierte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Ursula Ihlow wählte ein paar Rosen aus, und band sie zu einem Strauß. Dabei stach sie sich an einem Dorn. Nicht weiter schlimm. Erst als der Finger immer dicker wurde und sich langsam blau verfärbte, ließ sie sich vom Chef zum Arzt schicken. Blutvergiftung, der rechte Mittelfinger musste amputiert werden. Die junge Frau ließ sich den Finger im Krankenhaus abschneiden, und ging direkt nach der Operation zu ihrer kleinen Tochter nach Hause. Anita war ihr Ein und Alles. Sie sollte es einmal besser haben.

Ursula hatte schon mit 13 ihre Lehre als Blumenbinderin beginnen müssen. Ihr Vater war Hausmeister, die Mutter Dienstmädchen. Geld war wenig da. Sie lebten in einer Charlottenburger Arbeitergegend.

Ursula liebte Blumen, doch die Lehre war knochenhart. Morgens musste sie um vier Uhr aufstehen, um in der Blumenhalle die neue Ware abzuholen, den Tag über band sie Sträuße zusammen, und Abends musste sie den Kunden die Bouquets nach Hause bringen. Als Lohn bekam sie zwölf Mark die Woche. Einmal hat sie sich Lederhandschuhe gekauft. Auf die hatte sie monatelang gespart.

Ursula ging gerne tanzen. Mit ihrer Schwester Gertrud stritt sie sich dann im Winter immer, wer die Lederhandschuhe anziehen durfte. Am Potsdamer Platz stand damals das „Haus Vaterland“ mit den großen Tanzsälen und den Cabaret-Bühnen. Auch Georg Thomalla trat dort auf. Der war im Blumenladen ein Stammkunde, und Ursula hat ihn sehr verehrt.

Während des Zweiten Weltkriegs lernte sie auf einer Tanzveranstaltung Kurt kennen. Er war 14 Jahre älter als sie, und kam aus gutem Hause. Kurt war gelernter Kaufmann, doch er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. 1946 haben die beiden geheiratet, und bald darauf kam Anita zur Welt.

Es war die Zeit der Blockade. Alles war rationiert. Für Milchpulver, Brot, oder einen Strampelanzug für ihr Baby musste Ursula stundenlang Schlange stehen. Sie wohnten zu dritt in einer Einzimmerwohnung in Charlottenburg. Ein ziemliches Loch, im Kriege demoliert. Kurt hat unter dem mangelnden Status gelitten, Ursula war die Armut gewohnt.

Nach ihrem Arbeitsunfall suchte sie sich einen neuen Job. Einen ohne Rosen. Sie ließ sich zur „Trichinen-Beschauerin“ ausbilden. Mit dem Mikroskop analysierte sie nun Gewebeproben von Fleischlieferungen aus dem Ausland. Das machte ihr großen Spaß.

Kurt kam später beim Gesundheitsamt unter. Ein echter Aufstieg. Und Ursula wechselte schließlich in ein medizinisches Labor. Sie musste dort Blutuntersuchungen für Spitäler und Arztpraxen machen. Einmal hat sie sich dabei mit Hepatitis angesteckt. Das einzige Mal in ihrem Berufsleben, dass sie längere Zeit krank war.

Ursula liebte die Oper und das Theater, und sie las Romane. Kurt konnte mit solchen Dingen nichts anfangen. Er war mit Leib und Seele Kaufmann. Zum Geburtstag hat er ihr einmal eine lange Wollunterhose geschenkt, und war sehr erstaunt, dass sich ihre Freude in Grenzen hielt.

Kurt träumte von einem Haus mit Garten, doch Ursula war dagegen. Einen Kredit aufzunehmen, erschien ihr viel zu riskant. Die Existenzängste aus der Kriegszeit ließen sie auch im Alter nie ganz los. Immerhin haben sich die beiden schließlich eine bessere Wohnung in Neukölln geleistet. Zwei Zimmer mit Zentralheizung und einem richtigem Bad.

1989 ist Kurt gestorben. Doch auch als Witwe hat sich Ursula ihre Lebensfreude bewahrt. Sie fuhr mit ihrer Tochter Anita nach Norwegen und Ungarn. Und gemeinsam mit ihren Enkeltöchtern guckte sie gerne „Wer wird Millionär?“. Fast immer wusste sie die richtigen Antworten.

Selbst im hohen Alter war Ursula noch sehr beweglich: Nicht selten tanzte sie am Heiligen Abend noch zu später Stunde mit ihrem Schwiegersohn. Die ganze Familie war zu Weihnachten bei ihr eingeladen. Sie konnte hervorragend kochen: Rindsroulade mit Rotkohl, Königsberger Klopse oder Bauern-Ente, Hauptsache deftig. Manchmal erzählte Ursula dann beim Nachtisch, wie sie als junges Mädchen am Heiligen Abend Blumen austragen musste und nicht zu Hause feiern durfte wie alle ihre Freundinnen. Das waren die einzigen Erinnerungen, bei denen sie sentimental werden konnte.

Über 60 Jahre lang war Urusula leidenschaftliche Raucherin. Schließlich erkrankte sie an Lungenkrebs und erlitt einen Schlaganfall. Kurz vor der Einlieferung ins Krankenhaus bat sie Anita noch, ihr eine letzte Zigarette anzustecken.

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