Wirtschaft : Geb. 1921

Joachim Piefke

Klaus Kurpjuweit

Man fuhr nicht BVG, man fuhr „mit Piefke“. Aber sein Verdienstkreuz bekam er als Chorpräsident.

Der BVG-Fahrer hatte seinen Bus am Funkturm falsch geparkt und wurde von einem Unbekannten zur Rede gestellt. Nach einigem Hin und Her wollte er wissen, mit wem er es zu tun habe. „Mein Name ist Piefke“, stellte sich der Unbekannte vor. Und der Fahrer drauf: „So sehen Sie auch aus“.

Joachim Piefke war der Vorgesetzte des Fahrers, der allerhöchste. Aber eine Institution, mit deren Namen nicht nur jeder Busfahrer etwas anfangen konnte, wurde Piefke erst später. Zum Schluss stand er für die BVG. Man fuhr damals „mit Piefke.“

Er hat es verstanden, sich und seine Verkehrsbetriebe zu verkaufen. Sein Markenzeichen war die Fliege. Viele hundert Schleifen hatte er, ohne trat er nie auf. Auf den Zehenspitzen wippend erzählte er dann am liebsten „frei Schnauze“. Auf dem BVG-Ball ebenso wie vor einer Kamera. Im Fernsehen trat er besonders gerne auf.

Ursprünglich wollte er wie der Vater Jurist werden. Aber da kamen der Krieg und die Gefangenschaft bei den Franzosen dazwischen. Schließlich, 1948, ging er zu den Verkehrsbetrieben – auf Wunsch des Vaters, der auch mal dort gearbeitet hatte.

Piefke war ehrgeizig, und machte schnell Karriere. 23 Prüfungen hatte er in der Ausbildungszeit zu bestehen und wurde noch 1949, kurz nach der Spaltung der BVG in Ost und West, Abteilungsleiter. Wenige Jahre später war er für den „Oberflächenverkehr“ verantwortlich – also vor allem für den Bus. Dass die Straßenbahn nicht länger durch West-Berlin fahren sollte, war da schon längst beschlossen.

Während nun die U-Bahner ihren Direktor auch mal anflunkern konnten, weil er sich für die Dinge im Untergrund nicht so interessierte, waren die Busverantwortlichen gut beraten, vorbereitet in Gespräche mit ihrem Chef, dem Piefke, zu gehen. Ihm waren aber nicht nur die Details wichtig, sondern auch der große Wettbewerb: Dass mehr Leute Bus fuhren als U-Bahn. Mit dem Ausbau im Untergrund änderte sich das, und für Piefke war es hart, zu akzeptieren, dass die U-Bahn den Bus nun überholte.

Einen Finanzsenator überzeugte er schon mal locker beim Bier am Abend, dass die BVG für dies und das Geld brauchte. Er bekam es prompt. Seine Nachfolger träumen davon nicht einmal. Dafür hatte Joachim Piefke seine Probleme, wenn es galt, eigene Entscheidungen zu korrigieren. Zum Beispiel, als es um die Busse auf der neuen Stadtautobahn ging. Die sollten parallel zur S-Bahn fahren, weil diese damals von der DDR-Reichsbahn betrieben wurde. Ein „Ostprodukt“, dem der West-Berliner Piefke nicht traute. Nun stellte sich aber heraus, dass es kreuzgefährlich war, Busse an der Autobahn halten zu lassen, also sollte die Sache wieder aufgegeben werden. Piefke sträubte sich lange dagegen, er fürchtete, dass man ihm – ihm, Piefke! – eine Fehlinvestition vorwerfen könnte.

So weit kam es zwar nicht. Aber die S-Bahn im Westen musste er 1984 nach vergeblichem Widerstand in die BVG integrieren. Das hatte der Senat veranlasst. Mitarbeiter, die sich für die S-Bahn einsetzten, waren nicht gut angesehen bei „DP“. „DP“ stand für „Direktor Piefke“.

Frauen waren zunächst noch selten bei der BVG. Der Einsatz von Straßenbahnfahrerinnen im Osten hatte 1953 sogar dazu geführt, dass die West-BVG den Verkehr über die Sektorengrenze hinweg einstellte. Aber in seinem Vorzimmer schätzte Joachim Piefke schöne Frauen über alles. Er wusste: „Wenn mir jemand an den Kragen will und im Vorzimmer von hübschen Frauen empfangen wird, ist der Zorn verflogen.“ Seine Mitarbeiter hätten sich ohnehin nicht getraut, bei Piefke aufzumucken.

Dafür sangen sie für ihn. Lange Jahre war er nicht nur Vorstand des BVG-Chores, sondern auch Präsident der Chöre aller Verkehrsbetriebe. Dafür erhielt Piefke das Bundesverdienstkreuz, auf das er sehr, sehr stolz war.

Zu Hause bei den Piefkes waren Busse und Bahnen nicht das große Thema. Hier entspannte „DP“. Besonders gut konnte er das auf dem Wasser. Schon vor dem Krieg segelte er, und 1957 kaufte er sich ein Motorboot, das heute noch im Besitz der Familie ist und am Stößensee liegt. Am liebsten verbrachte er, oft mit der ganzen Familie, den Urlaub an der Ostsee in Grömitz. Dort ist Piefke nun gestorben. 48 Stunden vor seinem Tod war er mit seinem Sohn Holger noch schwimmen.

Der wollte übrigens nie zur BVG. „Das wäre bei dem Namen nicht möglich gewesen.“

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