Wirtschaft : Geb. 1922

Hildegard Weiße

Gregor Eisenhauer

„Ich geh doch nicht auf Reisen!“, hatte sie gesagt. Schlimmer: Sie verschwand.

Steigen Sie ein!“ Der Offizier hielt die Wagentür auf. Die Frau zögerte, gewarnt von der barschen Stimme, sah sich hilfesuchend um. Da war niemand, der helfen konnte.

26. April 1949. Hildegard Weiße war auf dem Weg zur Sowjetischen Kommandantur, folgte einer Vorladung, als sie von der russischen Spionageabwehr von der Straße weg verhaftet wurde. Eine Falle.

Untersuchungshaft. Verhör auf Verhör, zunächst im Gefängnis Hohenschönhausen, dann in Lichtenberg: die berüchtigte Magdalenenstraße, die spätere Stasi-Zentrale.

Hildegard Weiße hatte Glück, geriet nicht an einen prügelnden Aufseher, obwohl sie kein Geständnis ablegte. Was hätte sie auch gestehen sollen?

Dass ihre einzige Dummheit darin bestanden hatte, bei ihrer Mutter im Ostsektor wohnen zu bleiben, obwohl sie selbst eine Stelle im Westteil der Stadt gefunden hatte, in Frohnau, auf der Poststelle der französischen Militärverwaltung. Ostagenten hatten versucht, sie für die Spionage anzuwerben. Sie hatte abgelehnt. Vermutlich war sie deshalb bei den Sowjets denunziert worden.

Am Morgen hatte ihr die Mutter nicht wie sonst zugewunken, Hildegard hatte es sich verbeten: „Ich geh doch nicht auf Reisen!“ Schlimmer, sie verschwand einfach, schien gar nicht mehr zu existieren, selbst für ihre Peiniger nicht. Denn das war das Schrecklichste im Gefängnis – das Gefühl, vergeblich zu warten, vergessen worden zu sein. Morsegespräche, mit dem Kamm gegen die Zellenwand geklopft: Dum spiro, spero – so lange ich atme, hoffe ich, morste eine russische Inhaftierte zurück.

Dann endlich die Verhandlung: kein Anwalt, keine Beweise, dennoch ein Urteil gemäß § 58 Absatz 6. Der russische Spionageparagraph. 25 Jahre Haft in russischen Lagern.

Dum spiro, spero – die Neugier hielt Hildegard Weiße am Leben, hinderte sie am Selbstmord. Wo würde man sie hin verschleppen? Brest-Litowsk, Moskau und dann, nach Tagen, Ankunft in Workuta.

Ein Arbeits-Gulag. Polarzone, 70 Kilometer vom Eismeer entfernt. Der Winter dauert hier acht Monate. Nicht selten herrschen 60 Grad Kälte. Schneestürme kommen vom Eismeer her über die Tundra, im Sommer taut der Boden nurwenige Zentimeter auf. Kaum Vegetation, aber Kohle!

Aus allen Kerkern des sowjetischen Geheimdienstes waren Gefangene hierher gebracht worden. Sie gruben Bergwerke aus, bauten Häuser für die Bewacher, Lager und eine Eisenbahnlinie, die noch heute „Der erste Friedhof von Workuta“ genannt wird.

Dann, während des Krieges, kamen die deutschen Kriegsgefangenen dazu, nach dem Krieg die politischen Häftlinge, Hunderttausende, politisch, religiös Verfolgte, darunter drei- bis viertausend Deutsche.

Ein Arbeits-, kein Vernichtungslager. Die Frauen erhielten ausreichend Kleidung. Telagreka und Buschlat, Watteweste und Wattemantel. Nur an Schapkas, den Mützen, mangelte es oft. Dann wurden aus alten Fußlappen große Kopftücher zusammengenäht.

Jedes Halbjahr war Kleiderwechsel: Die besseren Arbeiterinnen bekamen neue Sachen, die anderen mussten die getragene Wäsche aufbrauchen.

Hildegard Weiße war Hilfsarbeiterin, ihre Brigade war im Häuserbau eingesetzt. Aber für schwere Arbeiten taugte sie nicht. Das merkten die anderen Frauen rasch. Auf deren Drängen hin wurde sie zum Küchendienst versetzt. Das große Los: Wärme, Essen, leichte Arbeit. Aber sie meldete sich zurück. Sie wollte sein, wo die anderen waren. Da musste sie wieder Schnee schippen, Eis hacken, meterhohe Verwehungen abtragen, die Straße räumen für die Laster, Schienenwege mit Schotter auffüllen.

Hildegard Weiße lernte Russisch im Lager. Rettende Neugier. Sie, die einst schüchterne Frau, verstand sich durchzusetzen, suchte und fand Freundschaften und Freude an den Dingen, die hoffen ließen.

Das Nordlicht im Winter, die Mittsommernacht, ein neues Tuch, das gegen die Zuckerration eingetauscht worden war, eine Spiegelscherbe, die beim Schminken half. Alle sechs Monate ein Konzert. Und dann: Romane, gegenseitig erzählt. Gedichte, die deutsche Kriegsgefangene am Lagerzaun auf Notizzetteln zurückgelassen hatten.

Hildegard Weiße wurde 1955, nach sechseinhalb Jahren Haft aus der Gefangenschaft entlassen. Sie galt als Kriegsgefangene, wie die deutschen Soldaten, die Adenauer freiverhandelt hatte. Aber als sie heimkehrten, sie und die anderen politischen Gefangenen, wurden sie nicht als Befreite begrüßt: In der DDR sprach man nicht über so etwas.

Hildegard Weiße übersiedelte gemeinsam mit ihrer Mutter nach West-Berlin, arbeitete wieder als Sekretärin, tat viel für den Kulturaustausch in der deutsch-französischen Gesellschaft. Sie heiratete, ohne je Kinder zu bekommen und wurde glücklich.

Aber nie wieder hat sie Bilder gesehen wie damals. Das Nordlicht über den gewaltigen Kohlehalden. Die sternengleich glühenden Blumen auf den Weiten der Tundra. Die zusammengekauerten Leiber auf den Wäschebündeln. Die Kriegsgefangenen hinter den Zäunen der Kohleminen.

Auch Bilder der Hoffnung und des Heimwehs, Bilder wie dieses: Ein freier Tag im Lager. Ihre Freundin Sonja, die ehemalige Balletttänzerin, sitzt still auf ihrer Pritsche. Sie hat sich geschminkt und fein angezogen. Sie sagt, dass sie auf etwas wartet, auf etwas Überraschendes. Sei es schön oder grausam.

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