Wirtschaft : Geb. 1922

Joachim Schwahr

David Ensikat

Dass es finster war in seiner Wohnung, die Wände braun vom Zigarettenqualm, niemals gestrichen, dass Staub lag auf den Dingen, das war egal, solange nur die Dinge blieben, wie sie sind.

Wer kannte schon Herrn Schwahr? Die Nachbarn? Die haben ihn in den letzten Jahren nie zu Gesicht bekommen und davor nur selten, kurz vielleicht im Treppenhaus. Was der für einer war? Keine Ahnung. Sah komisch aus. Ein Asozialer? Da gab’s doch die Sache mit dem Balkon.

Auf Herrn Schwahrs Balkon lebten und starben die Tauben. Viele Tauben. Das stank, und die Nachbarn beschwerten sich bei der Wohnungsverwaltung: Der Schwahr füttert die Viecher, der soll hier weg. Ein Anwalt, engagiert vom Sozialpsychiatrischen Dienst, vermittelte, es wurde ein Taubennetz angebracht, und die Sache war erledigt. Nie wäre Herr Schwahr auf die Idee gekommen, Tauben zu füttern. Womit auch? Brot gab es bei ihm nicht. Wie auch? Er ging niemals auf seinen Balkon, die Tür dorthin hatte er mit einer komplizierten Vorrichtung gesichert. Er konnte noch nicht einmal hinaussehen auf den Balkon. Von alldem ahnten seine Nachbarn nichts.

Wer also kannte ihn? Verwandte? Es gibt da eine Cousine und einen Neffen, die haben mit Herrn Schwahr ein paar Mal telefoniert.

Freunde? Herr Schwahr war ein Einsiedler. Ende der Fünfziger Jahre hat er sich zurückgezogen, ist in seine Einzimmerwohnung in Lankwitz eingezogen, hat die Vorhänge zu- und nie wieder aufgezogen und hat die Welt nur noch in Form von Zeitungen und Zeitschriften an sich herangelassen.

Aber halt. Es gibt jemanden, der sagt, wenn auch etwas zögerlich: Doch, eigentlich war Herr Schwahr so etwas wie ein Freund für mich. Es ist der Anwalt, der damals die Sache mit den Tauben geregelt hatte. 15 Jahre ist das jetzt her, seitdem war er „Gerichtlich bestellter Betreuer“ des Herrn Schwahr und hat ihn einmal in jedem Monat besucht.

Da hat Herr Schwahr die blaue Arbeitsjacke übergezogen, trug seine braune Hose und die schwarzen Lederschuhe – alles billig, alt, doch sauber. Da hat er zwei Stühle in die Mitte seines dunklen Zimmers gestellt, den rechten für den Anwalt, damit er mit dem etwas besseren Ohr ihm nahe war.

Dann wartete Herr Schwahr aufs Klingeln. Er wusste, wenn es diesmal klingelt, dann ist es der Vertraute; am Telefon haben sie den genauen Termin ausgemacht. Ohne Voranmeldung hat Herr Schwahr die Tür niemals geöffnet.

Den Anwalt ließ er gern hinein und nahm erstmal die Lebensmittel in Empfang. Seit er nicht mehr so gut zu Fuß war, besorgte ihm der Anwalt alles. H-Milch, Sardinen in Büchsen, Corned Beef, Schokolade, Zigaretten, Tabak und Zigarren und eine Flasche Wermut für den Monat – das war’s, wovon Herr Schwahr sich ernährte. Genug immerhin, um eine ganze Weile damit befasst zu sein, es in der Küche zu verstauen. Für Herrn Schwahr war die gute Ordnung das Wichtigste im Leben. Alles an seinen Ort. Alles so, dass Überraschungen unmöglich waren. Dass es finster war in seiner Wohnung, die Wände braun vom Zigarettenqualm, niemals gestrichen, dass Staub lag auf den Dingen, das war egal, solange nur die Dinge blieben, wie sie sind.

Nachdem er fertig war, die Lebensmittel zu verstauen, setzte sich Herr Schwahr neben den Anwalt, der auf dem rechten Stuhl im Zimmer wartete. Dann sprachen sie. Über die Welt da draußen, über die Familie des Anwalts. Und Herr Schwahr erzählte, worüber er so nachgedacht hat in den Wochen. Über die Französische Revolution erzählte er sehr gerne, auch über die aktuelle Politik, von der er, seit er selbst das Haus nicht mehr verließ, noch aus den Zeitungen erfuhr, die ihm der Anwalt brachte. Eine Taz, ein Tagesspiegel, eine Zeit, ein Spiegel – das war genug für einen Monat.

Manchmal, nicht sehr oft, erzählte Herr Schwahr aus seinem Leben. Von seinen Eltern in Leipzig, deren einziger, geliebter Sohn er war, von seinem Studium, der Einberufung in den Krieg, von der kurzen glücklichen Zeit nach dem Krieg. Da hat er sein Studium an der Uni Leipzig wieder aufgenommen, hat sich politisch engagiert – und hat für den amerikanischen Geheimdienst im Osten Bücher eingekauft, um sie nach West-Berlin zu liefern.

Jemand hat ihn verraten, er kam vors Sowjetische Militärtribunal: Spionage, 25 Jahre Arbeitslager.

Von seiner Zeit im Gefängnis, sechs Jahre Bautzen, zwei Jahre Torgau, erzählte Herr Schwahr dem Anwalt so gut wie nichts.

Wenn der Anwalt fragte: Herr Schwahr, sollen wir nicht Ihre Wohnung renovieren, wollen Sie nicht mal ein neues Bett, was Besseres zu essen?, dann sagte er: Ach, wissen Sie, verglichen mit der Zeit in Bautzen lebe ich so gut.

Er war 26, als die Russen ihn ins Lager steckten, und 34, als die DDR meinte, nun sei’s genug. Acht Jahre, in denen man was wird. Acht Jahre, in denen Herr Schwahr wurde, was er war.

Er ging, als man ihn entlassen hatte, sofort nach West-Berlin. Er versuchte, sein altes Leben fortzusetzen, begann noch einmal zu studieren, verlobte sich – doch er hielt all das nun nicht mehr durch. 1958 bezog Herr Schwahr das gerade neu gebaute Haus in Lankwitz, darin die kleine Wohnung, in der er 45 Jahre blieb. Bis sie ihn hinausgetragen haben.

Herr Schwahr, können wir ein wenig Luft hineinlassen?

Wenn’s sein muss. Machen Sie die Balkontür einen Spalt breit auf.

Herr Schwahr löste eine Schraube an der Tür, der Anwalt öffnete sie ein wenig. Dann fiel ein kleiner Streifen Sonne in die dunkle Wohnung, die sonst nur von zwei 40-Watt-Glühlampen Licht bekam.

Natürlich hat der Anwalt auch gefragt: Warum das alles? Warum geht einer nicht mehr vor die Tür? Warum lässt er kein Licht in seine Wohnung?

Weil es draußen Leute gebe, er habe sie erkannt, die böse seien. Leute von früher. Verwandte von welchen aus Bautzen und auch andere. Leute, die ihn vergiften wollten.

Ihm da zu widersprechen, hatte keinen Sinn. Er war sich sicher. Herr Schwahr war einer, dem man nichts vormacht. Kein bisschen wirr. Er wusste, was er wollte und was nicht.

Glück? Was heißt schon Glück? Für Herrn Schwahr war es ein Glück, dass er den Anwalt hatte, der es ihm ermöglichte, in seinem dunklen Zimmer zu bleiben, nicht unter Menschen zu müssen, denen er nicht trauen konnte. Den Anwalt, der ihn besuchte, mit ihm sprach, und der die Balkontür wieder schloss, bevor er ging. Dann fiel kein Streifen Sonne mehr in die Wohnung des Herrn Schwahr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar