Wirtschaft : Geb. 1923

Hans Jacobus

Kerstin Decker

Wöchentlich bezog er beim Zentralkomitee die Prügel für das, was seine jungen Schönen veröffentlicht hatten. Er war der Patriarch eines weltläufigen Blattes in einem nicht weltläufigen Land.

Die Zeit“ der DDR hieß „Sonntag“. Der sah so ähnlich aus und war mindestens genauso gut geschrieben. Auch verfügten die Redakteure – es waren vor allem Redakteurinnen – über ein vergleichbares Selbstbewusstsein. Sie waren jung, schön und begabt. 1976 bekam der „Sonntag“ einen neuen Chefredakteur. Hans Jacobus betrat in Begleitung des stellvertretenden DDR-Kulturministers Klaus Höpcke die Redaktionsräume, gewärtig der ministerialen Lobesrede, die nun zu seiner Amtseinführung gehalten werden würde, und bereit, seine künftigen Mitarbeiter mit wohlwollenden Blicken zu bedenken. Er hatte Übung darin, er machte das jede Woche im Fernsehen, wenn er mit Professoren über Themen der Zeit sprach. Hans Jacobus’ „Professorenkollegium“ lief vornehmlich am Wochenende und mittags, vielleicht, um das gebildete DDR-Volk von Werner Höfers „Frühschoppen“ abzulenken. Es war ein aussichtsloser Versuch, was Hans Jacobus aber wahrscheinlich nicht merkte. Doch dass die Runde, der er sich jetzt gegenübersah, anders war als seine Professoren-Versammlung, merkte er sofort. Die Jungen, Schönen und Begabten trugen ausnahmslos Schwarz. Zum Zeichen ihrer Gemütslage. Zum Zeichen ihrer Trauer, einen neuen Chefredakteur zu bekommen und dann noch diesen. Sie wahrten streng das ihrer Kleidung entsprechende Temperament. Denn wer war dieser Hans Jacobus?

„Bekannt aus Funk und Fernsehen.“ Erst spätere Zeiten würden das als außerordentliche Legitimation anerkennen. Reden, fanden die trauernden Redakteurinnen, reden kann schließlich jeder, aber schreiben? Hans Jacobus war Schlosser, wurde aber trotzdem einer der bekanntesten Journalisten der DDR. Er war dabei, wenn in Genf und Helsinki internationale Verträge verhandelt wurden. Aber brauchte man so einen wirklich beim „Sonntag“? Als Literat war Hans Jacobus nie aufgefallen.

Als Literat würde der Schlosser nie auffallen. Und trotzdem. Regina General, eine der Damen in Schwarz von damals, findet es noch immer bemerkenswert, dass man niemals ein Wort von Hans Jacobus über seinen ersten Tag beim „Sonntag“ gehört hat. Er war nicht jung, nicht schön, nicht begabt – also wurde Hans Jacobus Patriarch. Beschützer. Er bezog wöchentlich beim Zentralkomitee die Prügel für das, was die jungen Schönen wieder veröffentlicht hatten. Nur manchmal sagte er: „Ach, könnt ihr nicht vorher mal nachdenken, bevor ihr etwas schreibt?“ Überhaupt war ein Patriarch sehr nützlich für eine Zeitung wie den „Sonntag“, denn der „Sonntag“ war ein weltläufiges Blatt in einem nicht weltläufigen Land, und Redakteure eines weltläufigen Blattes müssen trotzdem verreisen, auch in den Kapitalismus – um solche Dinge kümmerte sich Hans Jacobus. Manchmal kritisierte der Chefredakteur einen Mitarbeiter, wenn dieser sich mit knallbunter Westtüte dem Redaktionshaus näherte – könne er die Tüte nicht wenigstens umdrehen? – , worauf der Mitarbeiter verlangte, dann müsse der Chef seinen Peugeot aber auch umdrehen.

Es gibt ein wunderbares, ironisches Buch über den „Sonntag“ und den höheren Journalismus in der DDR, „Das Pissoir“ von Wolfgang Sabath. Der „Sonntag“ heißt bei Sabath „Mittwoch“ und wird vorgestellt als „philosophisches Wochenblatt für Guppykunde, Zeitgeschehen und Kultur“, was seiner überlegenen Freigeistigkeit gerecht wird, die zu verhindern der Kommunist Hans Jacobus letztlich keinen Ehrgeiz zeigte. Hans Jacobus selbst ist bei Sabath „der Glöckner“ und seine DDR-Talk-Show heißt „Keiner fragt – Professoren antworten“. Sabath vergisst nicht zu erwähnen, dass die „Mittwoch“-Redakteure sich nicht mal Mühe gaben zu vertuschen, dass sie die Sendung ihres Chefs fast nie sahen. Der Chef war ein Chef und also egal. Bis zu dem Tag, Ende der Achtziger, als er mit großer Schüchternheit einen eigenen Text anbot. Ein eigener Text von Hans Jacobus? Beglückt war von solcher Ankündigung keiner, aber dann lasen die Mitarbeiter die Geschichte einer Berlinerin, einer jüdischen Mutter, die 1938 ihre beiden Söhne in einen Zug nach England setzt. Allein.

Am 15. November 1938 hatte der britische Premierminister Neville Chamberlain britische Juden empfangen. Sie erbaten nach der deutschen Pogromnacht die zeitweilige Aufnahme von Kindern und Jugendlichen aus Deutschland. Das Kabinett entschied, dass Kinder unter 17 Jahre ohne Begleitung nach Großbritannien kommen dürfen. Hans Jacobus war gerade noch sechzehn, der Bruder fünfzehn. Noch im Dezember 1938 verließen Hans Jacobus und sein Bruder mit einem der ersten „Kindertransporte“ Berlin. „Kindertransport“. Die Engländer übernahmen dieses Wort.

Die Rettung war ein Abschied. Abschied von der Kindheit, von der Mutter, von zu Hause, von der Sprache. Es war ein Abschied in nur vier Tagen. So lange hatten die meisten Zeit, ihre Koffer zu packen, wenn sie auf „der Liste“ standen. Sie bekamen eine Nummer. Die banden sie um den Hals und an ihren Zehn-Kilo-Koffer. Es waren drei Zahlen für ein neues Leben. Monate später gab es für Juden in Deutschland nur noch die Zahlen zum Sterben. Hans Jacobus, das Kind aus Berlin-Mitte, hat seine Mutter nie wiedergesehen. Keinen aus der Familie.

Eine solche Geschichte lasen die „Sonntag“-Redakteure, redigierten sie wie alle anderen Chef-Texte, und sahen ihren Chefredakteur, den Schlosser, den Professoren-Talker, der nie studiert hatte, nun mit anderen Augen. Eine Heimat ist England dem Jungen aus Berlin-Mitte nicht geworden. Auch Australien nicht, wohin er als „enemy alien“ gleich nach Kriegsausbruch gebracht wurde. Irgendwann, zurück in England, begegnete Hans Jacobus deutschen Exil-Kommunisten und machte eine irritierende Erfahrung: Die interessierten sich für ihn. Sie meinten wirklich ihn, wenn sie mit ihm sprachen. In England haben deutsche Kommunisten Hans Jacobus adoptiert. 1941 trat er in London in die „Freie Deutsche Jugend“ ein. Mit deutschen Kommunisten kam er zurück in die Stadt seiner Jugend und fand eine Heimat – in der DDR. Er hat die DDR nie hinterfragt. Auch nicht, als sie ihn 1953 verhaftete, als „feindlichen zionistischen Westemigranten“. Hans Jacobus hatte eine Heimat gesucht. Er hatte Angst, sie wieder zu verlieren.

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