Wirtschaft : Geb. 1923

Claus Werner

Katja Füchsel

Der Doktor guckt immer so. So intensiv, in die Augen, auf den Mund. Der Charme der Nicht-Perfekten.

Er hört sie gar nicht, die Helferinnen, die alle drei Minuten den Kopf in die Tür steckten. Das Telefon, das nicht aufhört zu klingeln. Im Wartezimmer sind die Stühle seit langem belegt, da sitzt das zahlende Publikum mit den Pudeln, Persern, Settern und Siams, jeder natürlich ein Notfall, die Leute im Vorraum werden immer aggressiver. Und der Doktor? Beugt sich in seinem Zimmer geduldig über den Tisch, darauf ein zerrupfter Spatz, daneben die Kinder, die den Vogel gefunden haben. Claus Werner tastet und prüft, klebt mit zärtlicher Geduld den gebrochenen Flügel stabil. „Alles zu seiner Zeit“, murmelt er.

Seine Kollegen sagen, das „Cläuschen“ sei noch einer aus der alten Garde. Als er anfängt, an der Humboldt-Universität zu studieren, interessiert sich hier keiner für Hund und Katz und Streichelzoo. Volksernährung, Volksgesundheit – darum geht’s im Studium der Tiermedizin. Im Fach „Schlachthofkunde“ lernen die Studenten nach Kriegsende, dass auch die Professoren Talent zum Schauspiel haben. Auf den Fahrten über die Schlachthöfe in und um Berlin nehmen sie zuweilen einen Brocken Frischfleisch in die Hände, schnuppern, prüfen – um ihn dann streng zu konfiszieren: Da ist der Leberegel drin! Am Abend trifft sich der Kurs wieder im Labor, einer wirft den Bunsenbrenner an, der Professor bringt die Zwiebeln. Ein Festbraten, Ende der vierziger Jahre im darbenden Berlin.

Nach dem Staatsexamen fängt Werner an der Humboldt-Uni an, Sektion Geflügel-Ambulanz. Er fährt auf den Höfen umher, impft und behandelt Hühner, Enten, Gänse, Puten, Tauben, wenn sie von der Stange kippen, unter Durchfall leiden oder Eier ohne Schale legen. Als er seinen Facharzt in der Tasche hat, lässt sich Werner als Tierarzt nieder – ohne große Konkurrenz. Drei Tierärzte gab es damals in Spandau, heute sind es dreißig.

Die alte Garde – die sieht man nie im bunten Hemd zur Arbeit gehen. Werner trägt am liebsten grau, manchmal hellgrau oder braun, niemals Jeans, immer Schlips. Ein Hörgerät? Ach,was! Da gibt er sich schon als junger Mann wie eine alte Diva. In der Welt wird ohnehin zu viel Mist geredet, sagt Werner. Und lächelt, wenn die Damen in der Praxis beim Abschied tief erröten. Der Doktor guckt immer so. So intensiv, in die Augen, auf den Mund. Der Charme der Nicht-Perfekten, sagt ein Freund. „Er hat damit nur versucht, seine Schwerhörigkeit auszugleichen.“

Es gibt so Leute, die setzen sich zum ersten Mal aufs Sofa, schon springt die Katze dazu, lässt sich schnurrend nieder, und die Familie ruft: „Das macht sie sonst doch nie!“ So einer ist Claus Werner, ihn kratzen die Katzen eben nicht. Niemals hektisch, niemals laut – und fast nie pünktlich. Den Arbeitstag beginnt er am liebsten gegen Mittag, macht seine Hausbesuche dann noch bis Mitternacht. Einen Kaffee, Herr Doktor? Danke, immer gern!

Heute kennt jeder Tierarzt die Krankheiten mit den merkwürdigen Abkürzungen. Die feuchte FIP, die trockene FIP, die Leukose FELV – Todesurteile für jede Katze. Doch Ende der sechziger Jahre sind die Viren noch nicht entdeckt, der Ausgang offen, wenn das ratlose Herrchen mit seinem Tier in die Praxis kommt. Weil das Fell so struppig ist, die Katze nicht mehr richtig frisst. Werners Kollegen geben oft viel früher auf, der Spandauer Tierarzt kämpft, bis das Tier nur noch kraftlos auf der Seite liegt. Versucht es mit Infusionen, verschreibt Spezialpräparate. Werner spricht es nie aus, doch es ist sein Prinzip: Nicht ich kann entscheiden, wann ein Leben zu Ende geht. Ich kann den Schluss nur leichter machen.

Manche Spandauer Familien begleitet Werner über Generationen. Das Mädchen, das erst mit dem Meerschweinchen im Arm vor ihm steht, kommt als Jugendliche mit einer Katze zu ihm, schiebt später als Mutter Kinderwagen und Hund in die Praxis. Mit den Menschen verändern sich auch die Haustiere, werden mit wachsendem Wohlstand fetter, bekommen früher Probleme mit Herz, Leber und Kreislauf. Auch die überzüchteten Hunde rafft es früher dahin, weil die Menschen sie so riesig wünschen wie die Dogge, den Irischen Wolfshund und den Neufundländer oder so winzig wie den Chihuahua und den Yorkshire.

Hier ein Häppchen, da ein Leckerli. Oft nimmt Werner sie ins Gebet, seine widerborstigsten Patienten, die Herrchen und Frauchen. Als Werner längst in Rente ist, ruft er einen jungen Spandauer Kollegen: Hilf, mein Hund ist krank! Will nicht mehr fressen! Der goldbraune Pudel, der den Tierarzt dann an der Haustür empfängt, strotzt nur so vor Kraft, springt und spielt. Gestern erst gab’s Rindergulasch, dann noch etwas Leckerli, nur drei Stückchen, und heute rührt der Pudel das Büchsenfleisch nicht an, klagt Werner. „Cläuschen“, tadelt ihn der Kollege da. „Du bist so ein guter Tierarzt und machst bei deinem eigenem Hund alles falsch!“ Claus Werner sagt darauf gar nichts. Claus Werner lacht.

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