Wirtschaft : Geb. 1925

Marianne Lipinski

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Als 1944 Phosphorbomben in die alte Philharmonie regneten, war sie zum ersten Mal fassungslos.

Klavierlehrerin? Nein, so wollte sie nicht genannt werden. Sie war Pianistin! Auch wenn sie die ganze Nachbarschaft das Klavierspielen lehrte, erst die Kinder Zehlendorfs, dann die Erwachsenen. Sie war eine geborene Diburtz, umhegter Spross einer Musikerdynastie. Der Großvater wie der Vater ein bekannter Geiger, der Ehemann Kapellmeister und Musikprofessor an der Universität der Künste. Über ihrer Couch im Reihenhaus hing ein in Gold gerahmter Brief Wilhelm Furtwänglers an den „lieben Georg“, ihren Vater, 43 Jahre lang Mitglied der Berliner Philharmoniker, ununterbrochen über die Weltkriege hinweg, von der Jugend bis zur Pensionierung, von 1910 bis 1953.

Seit sie ein kleines Mädchen von vier Jahren war, saß sie fast jeden Abend neben ihrer Mutter im Konzerthaus. Toscanini, Furtwängler, Karajan, das war der Standard. Die alte Philharmonie war das zweite Wohnzimmer der Familie Diburtz, damals noch in der Bernburger Straße, neben dem Anhalter Bahnhof. Heute steht dort ein Studentenwohnheim, neben den Mülltonnen erinnert eine Bodenplatte an die untergegangene Pracht aus korinthischen Säulen und Gipsgöttinnen. In der Halle, halb Neorenaissance, halb Gründerzeit, rollten die Berliner erst mit Rollschuhen übers dicke Parkett, bevor die Philharmoniker die Akustik des Raums entdeckten, damals noch keine Staatskapelle, sondern ein Orchester, das sich selbst verwaltete und bezahlte. Dieses Orchester spielte jeden Tag. Es spielte zur Eröffnung der Olympiade, beim Reichsparteitag der NSDAP, zu Hitlers Geburtstag. Es spielte Mozart, Brahms, Beethoven, auch noch 1943, als die Bombenangriffe auf Berlin begannen und die Häuser rechts und links in der Bernburger Straße in der Asche versanken.

In dieser Zeit machte Marianne Diburtz gerade ihr Abitur. Sie war ein begabtes Mädchen, mit 13 Einsen auf dem Zeugnis, einem perfekten Gedächnis für Sprachen, n, Partituren. Ganze Opern konnte sie nachsingen. Nach der Schule als „Arbeitsmaid“ in die Landwirtschaft, Straßenbahnschaffnerin im Arbeitsdienst, das machte ihr wenig aus. Doch als am 30. Januar 1944, elf Jahre nach der „Machtergreifung“, Phosphorbomben in die Stuckdecke der alten Philharmonie regneten, war sie zum ersten Mal in ihrem Leben fassungslos. Der Ort tiefster Erlebnisse, von Ergriffenheit und Begeisterung – nur noch ein Steingerippe, überzogen von einer stinkenden Rußschicht.

Doch die Musik spielte weiter, immer weiter. Die Philharmonie trat nun in Dahlem auf, im Titaniapalast, im Beethovensaal, sie ging auf internationale Konzertreisen, bis zum Tag der Kapitulation.

Als Marianne Diburtz 1945 an der Hochschule für Musik ihr Klavierstudium begann, waren die leeren Fensterlöcher mit Pappe und abgewaschenen Röntgenplatten, die etwas Licht durchließen, zugeklebt. Auch jetzt kannte die junge Frau keine Not.Von ihrem Vater mit Geld und Monatskarte ausgestattet, konnte sie sich ganz auf die Musik, von der deutschen Klassik bis Strawinsky und Berg, konzentrieren, der bekannte Name eilte ihr voraus. Doch nach ihrer Heirat und einer Nervenentzündung am Rücken entschied sie sich gegen das Leben als Berufsmusikerin. Obwohl gerade ein italienischer Tenor mit ihr auf Welttournee gehen wollte.

Ihr Mann machte Karriere, sie wurde Mutter und seine Managerin. Sie bangte bei den Premieren mehr als er, entschied am Telefon auf eine spontane Anfrage, ob er ein paar Stunden später den Zauberlehrling von Dukas dirigieren könne. Natürlich kann er, sagte sie. Vier Abende in der Woche saß sie im Konzertsaal, ihr Leben lang an der Seite des Musikers. Nun war es der Ehemann, auf den sie stolz war, später die Tochter, die ebenfalls Geigerin wurde.

Sie war eine Frau mit großem Talent und in glücklichsten Bedingungen, ohne den Zwang, sich oder anderen etwas zu beweisen. Es war ein Leben im Duett, sagt ihr Mann, voll Kultur und vornehmer Zurückhaltung. Ein Luxus. Marianne Lipinski starb nach einer Herzoperation an einem unentdeckten Tumor. Kirsten Wenzel

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