Wirtschaft : Geb. 1925

Luzie Haase

David Ensikat

60 Jahre hatte sie gelebt, als sie mit dem Studium begann. 17 Jahre folgten – 34 Semester.

Was tut man, wenn ein Leben zu Ende ist? Man beginnt ein neues, am besten ein ganz anderes, eines, das man zuvor viel lieber gelebt hätte.

Am 1. August 1985 wurde Luzie Haase 60, und damit beendete sie, wie es sich gehört, ihr Arbeitsleben bei der Firma Bosch. Sie lief zum Immatrikulationsbüro und begann ihr Studentenleben an der Technischen Universität. Luzie Haase meldete sich zum nächstmöglichen Termin an: Wintersemester 1985/86, Gasthörerkarte 4870, Vorlesung Nr. 1: „Einführung in die Literaturwissenschaft, Vorlesung Nr. 2: „Einführung in die Kunstwissenschaft“.

Die Hochschulreife hatte sie nicht, ihr Vater fand damals, als es darum ging, sie solle etwas Anständiges werden. Leute wie Luzie Haase, Rentner ohne Abitur, dürfen sich an den Berliner Hochschulen unters Studentenvolk mischen, dürfen endlich lernen, was ihnen früher verwehrt geblieben war. Das klingt gut, ist aber so eine Sache: Die Seminare sind schon mit den Jungen übervoll, und nun nutzen immer mehr Alte die späte Chan- ce, eine Uni zu besuchen, einfach so, für die Bildung, fürs Leben – für die Karriere bestimmt nicht mehr. Dabei verwandeln sich nicht wenige der Spätstudenten in Spätdozenten: „Also zu meiner Zeit sah das ja so aus…“ Was sollen die richtigen Dozenten da schon sagen? Man ist ja höflich im gehobenen Bildungswesen. Deshalb gibt es immerhin die Regel, dass Gasthörer nicht mehr als drei Veranstaltungen pro Woche besuchen dürfen.

Auf Luzie Haases Immatrikulationsbescheinigungen, den Zetteln fürs Amt, standen zumeist nur zwei Vorlesungen oder Seminare, auf ihrem Stundenplan viel mehr. Im Wintersemester 2001/2002 besuchte die runde Dame mit dem freundlichen Lächeln und den kurzen grauen Haaren die Briefkultur-Vorlesung, dann die Übung zur Walser-Prosa, das Seminar über Rainer Kunze und außerdem ihre Lieblingsveranstaltung: das Theaterseminar. Da gehörte es zum Programm, in alle möglichen Vorstellungen der Berliner Bühnen zu gehen, alle gemeinsam, die Studenten, der Dozent und Luzie Haase. Ihr hat das großen Spaß gemacht – und auch der Dozent hatte sie sehr gerne dabei. Nicht nur, weil sie ihm bei der Beschaffung der Theaterkarten half. Luzie Haase war überhaupt eine sehr aufmerksame Studentin, noch dazu eine, die im Seminar nur sprach, wenn man sie fragte. Sie gab dann kompetente Antworten, Auskünf- te, auf die sich der Dozent verlassen konnte, wenn er mal ein Problem hatte mit den unvorbereiteten und lustlosen Jung-Studenten.

Wenn es darauf ankam, konnte Luzie Haase aber auch ganz hemmungslos sein. Wie zum Beispiel damals in der Kantine des Berliner Ensembles. Die Theaterseminaristen hatten sich nach der Vorstellung von Heiner Müllers „Quartett“ dort niedergelassen – und erblickten an der Bar Marianne Hoppe, die da ihre Schnäpse kippte. Die Marianne Hoppe, die alte Schauspielerin, die Legende. Mensch, traut sich jemand, die anzusprechen? Klar, Luzie Haase traute sich: „Sagen Sie doch mal, wie war denn das damals mit dem Ödön von Horvath? War das richtige Liebe? Mit Sex und allem, was dazugehört?“, rief sie. Es hat sie eben interessiert.

Luzie Haase musste nichts mehr lernen, sie durfte es. Vielleicht hat sie deshalb in den Lehrveranstaltungen so gewissenhaft mitgeschrieben wie sonst kaum ein Student. Nicht, dass sie ihre Aufzeichnungen noch zum Auswendiglernen brauchte – Luzie Haase legte keine Prüfungen ab, und um Seminarscheine musste sie auch nicht bangen. Aber manchmal waren die Mitschriften doch zu etwas gut: Für Studenten, die mal fehlten, schrieb sie ihre Erkenntnisse mit der Schreibmaschine ab. Eine Kopie hätte wenig genutzt, denn sie beschrieb ihre linierten Blätter stets mit einer kaum nachvollziehbaren Mischung aus Stenografie und Schreibschrift.

Den Dozenten und Professoren war Luzie Haase ebenso gerne behilflich. Wenn einer mal ein wenig heiser war, hatte sie, ganz Mutter, die doch nie selbst Kinder hatte, einen Hustenbonbon zur Hand. Und hin und wieder konnte sie auch mit dem Erbe ihres ersten Lebens weiterhelfen: Einem Professor, der neu in Berlin war und sich hier ein Haus baute, verhalf sie zu einer verbilligten Bosch-Küche. Die bei Bosch sehen das mit dem zweiten, neuen Leben nämlich etwas anders: Einmal Bosch-Mitarbeiter, immer Bosch-Mitarbeiter, also gibt’s auch für die berenteten Boschianer den Mitarbeiterrabatt.

Zu Luzie Haases Beerdigung kamen viele Menschen, die sie an der Uni kennen gelernt hatte, auch Studenten aus ihrer letzten Lehrveranstaltung, dem Fontane-Seminar, Sommersemester 2002. Die 77-Jährige hatte das erste Referat gehalten.

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