Wirtschaft : Geb. 1925

Hans-Hermann Kleiner

Kerstin Decker

1954 sagte der Steglitzer zur Steglitzerin: „Lass uns in die DDR gehen!“ Auf solche Ideen kam sonst kaum einer, und auch er wäre nie von selbst darauf gekommen.

Am Hackeschen Markt stand noch 1943 die alte Garnisonskirche. Hans-Hermann Kleiner wohnte in Steglitz, auch war sein Vater gar kein Militär, sondern Organist und hatte schon im Berliner Dom die Orgel gespielt. Trotzdem fuhr Hans-Hermann Kleiner immer zum Hackeschen Markt in die Kirche. Das lag natürlich auch an dem Mädchen, das er dort traf. Sie war wie er aus Steglitz und sie hatten jedesmal den gleichen Rückweg. Da waren beide sechzehn. Aber sechzehnjährige Mädchen finden sechzehnjährige Jungen meist sehr albern, so auch die Offizierstochter Eva-Dörte. Hans-Hermann Kleiner beschloss, seinen Heiratsantrag zu verschieben. Der Krieg hatte immerhin den Vorteil, dass man mit einem Mädchen fast unbeobachtet auf leeren Straßen durch Berlin laufen konnte – und man konnte recht einfach Pilot werden.

Dass sein künftiger Beruf irgendetwas mit dem Himmel zu tun haben musste, wusste Hans-Hermann Kleiner schon immer. Entweder Pfarrer oder Pilot. Das sagte er auch an der Fliegerschule. Natürlich hatte auch Bach, wenn ihn sein Vater spielte, etwas mit dem Himmel zu tun, aber Hans-Hermann Kleiner fand das Fliegen doch direkter. Bevor er direkt in den Krieg fliegen musste, war der Krieg zu Ende. Plötzlich gab es keine Flugzeuge mehr und Hans-Hermann Kleiner wandte sich dem zweiten Himmelsberuf zu. Jetzt wurde er Pfarrer.

Denn er hatte nicht vergessen, dass diese Eva-Dörte aus Steglitz unbedingt einen Theologen heiraten wollte. Von Piloten oder Bach-Spielern hatte sie nichts gesagt. Und da er auch nicht mehr sechzehn war, heiratete sie ihn wirklich. Vielleicht war das unvorsichtig von ihr, denn kurz darauf hatte ihr Mann eine Idee. Der Steglitzer sagte zu der Steglitzerin: „Lass uns in die DDR gehen!“ – Auf solche Ideen kam sonst kaum einer, und auchHans-Hermann Kleiner wäre nie von selbst darauf gekommen. Der Vorschlag stammte von seiner Kirchenleitung.

Es war das Jahr nach dem Aufstand im Osten. 1954. Ein paar Monate lang ließ die kreuzatheistische DDR Pfarrer aus dem Westen ins Land. Kaum waren Hans-Hermann Kleiner und seine Frau in Groß Breese bei Wittenberge angekommen, war das Pfarrerschlupfloch schon wieder zu. Aber sie waren drin.

Hans-Hermann Kleiner unterhielt schon immer vielseitige Verbindungen zu dem Himmel über uns – und so auch jetzt. Seine erste Amtshandlung war, die größte Kiefer im Wald fällen und sie in seinem Pfarrgarten aufstellen zu lassen, dass ihre Spitze geradewegs in die Wolken piekte. Das war nicht unbedingt eine Glaubenshandlung – es galt dem besseren Westempfang. Hans-Hermann Kleiner war ein Antennenpionier. Möglicherweise hat schon das den Rat des Kreises misstrauisch gemacht. Aber dass der Pfarrer eine Patenschaft zwischen der Gemeinde Wittenberge und einer Schwarzwaldgemeinde herstellte mit Berlin-Steglitz als alljährlichem Treffpunkt, das hat ihr erst recht missfallen.

„Dabei hatten wir gar nichts gegen die DDR, jedenfalls nicht so direkt“, sagt Dörte Kleiner noch heute. „Wir waren die linkesten im ganzen Dorf.“ Die DDR hat das nur nie gemerkt. Pfarrer Kleiner riet seinen Bauern sogar, sie sollten das mit der LPG nicht nur schwarz sehen. So ein Pfarrer, dachten die Bauern, versteht eben nichts von der Landwirtschaft, und sie verziehen ihm. Aber sonst waren sie überzeugt von ihrem Pfarrer. Wahrscheinlich hätten sie schon deshalb an seinen Gott geglaubt, weil dessen Gesandter nicht nur Antennen bauen konnte, sondern auch Elektrogeräte reparieren. Alles, was im Dorf kaputtging, Lampen oder Bügeleisen, brachte man zu Pfarrer Kleiner.

Der kümmerte sich auch um die Jugendarbeit. Um 1961 war das eine nicht unbedenkliche seelsorgerische Tätigkeit. Als ein 19- Jähriger ein antikommunistisches Flugblatt verteilte, verhaftete man ihn und Pfarrer Kleiner gleich mit. Wegen geistiger Urheberschaft. Dabei hatte er mit dem Flugblatt gar nichts zu tun.

Zuerst kam Hans-Hermann Kleiner ins Zuchthaus und dann ins Arbeitslager. Aber hier sind ja noch viel mehr Jugendliche als in meiner Gemeinde, sah Kleiner gleich. Mit fünfunddreißig Jahren war er mit Abstand der Älteste, die meisten saßen wegen missglückten Republikfluchtversuchs. Es war der Herbst 1961, und Hans-Hermann Kleiner begann gleich wieder mit der Jugendarbeit. Abends wurden immer Geschichten erzählt, jeder war mal dran, aber meist hörten doch alle Hans-Hermann Kleiner zu. Er erzählte biblische Geschichten. Man entwickelt im Gefängnis dafür eine besondere Empfänglichkeit.

Als seine Frau endlich wusste, wo er war und beide sich Briefe schreiben konnten, ließ der Pfarrer sich von ihr Mathematikbücher schicken. Denn es ging ja nicht, dass so junge Leute im Arbeitslager nur arbeiten und nichts lernen. Später erklärte er die Zeit seiner Haft zur mitbesten seines Lebens. Seelsorgerisch gesehen.

Nach der Haft wurde Familie Kleiner nach Friesack versetzt, obwohl sie nun fand, dass es genug war mit der DDR. Zehn Jahre hatten sie bleiben sollen. Wenn ihre Kinder größer wurden, wollten sie zurückgehen, denn was sollten Pfarrerskinder werden in der DDR? Sie durften nicht mal das Abitur machen. Aber auch die Kleiners erfuhren, dass es viel leichter war, in die DDR reinzukommen als wieder raus. Dass sie es schließlich doch schafften, verdankten sie dem Zufall und dem beharrlichen Einsatz von Freunden.

Hans-Hermann Kleiner war dann noch zwanzig Jahre lang Pfarrer in der Wilmersdorfer Lindenkirche. Um wieder mit dem Fliegen anzufangen, war es zu spät. Aber der einstige Bügeleisen- und Lampenwundertäter Kleiner begann doch noch eine zweite Laufbahn. Er als Computerspezialist. Endlich selbst Bach spielen können wie sein Vater! Man braucht nur das richtige Tonstudio. Eine Roland XP-50 Music-Workstation und den Sequenzer Cakewalk Professionell for Windows. Die CD heißt „Johann Sebastian Bach goes Midi by Hans-Hermann Kleiner“. Er hat sie bis zuletzt gehört. Als die Stimme seiner Frau schon nicht mehr durchdrang durch den Morphiumnebel gegen die Krebsschmerzen war die Fuge g-moll noch da. Und beim Gedenkgottesdienst für Hans-Hermann Kleiner erklang sie wieder. Sein Brigadier aus dem Haftarbeitslager kam in die kleine Kirche am Thuner Platz und natürlich die Bauern aus Groß Breese.

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