Wirtschaft : Geb. 1925

Harry C. Suchland

Kirsten Wenzel

Kunst war für ihn kein Selbstzweck, sondern ein Mittel der Kommunikation. Eines, das hilft, die Leute aus ihren Einweckgläsern zu holen.

Manche sagen, jeder Mensch ist eine Insel, und meinen damit: Zuletzt ist jeder doch allein. Von Harry Suchland gibt es ein Plakat, er hat es 1964 für die Berliner Stadtmission entworfen, heute hängt es im Museum of Modern Art in New York. Vier etwas verkümmerte und dennoch liebevoll gezeichnete Menschen sind darauf zu sehen: Sie sitzen in Einweckgläsern wie der heilige Hieronymus im Gehäuse, stricken, halten einen Besen, lesen die Zeitung. Darüber steht „bleib nicht allein“ – ein echter Suchland.

Vielleicht ist es so, soll das heißen, vielleicht ist die große Stadt oft genug ein elendes Meer mit vielen Inseln. Aber es sollte nicht so sein und es muss auch nicht. Weil es ein Mittel gibt, das die Menschen zusammenhält: die Sprache. Oder moderner: die Kommunikation. Die holt uns aus den Einweckgläsern heraus.

Harry Suchland war ein Künstler. Grafiker, Bildhauer und Fotograf. Nach dem Krieg hatte er es seiner Mutter zuliebe vier Wochen lang mit einer Banklehre versucht, bevor er beschloss, dass es für ihn und die Bank besser sei, wenn er das zum Beruf machte, was ihm seit seiner Kindheit Freude bereitete: zeichnen, fotografieren, texten.

Zu seiner eigenen Überraschung hatte er den Krieg überlebt. Seit 1943 war er als Flieger in einem Abwehrgeschwader am Kattegat, gerade 18 Jahre alt damals. Die Jungs mit den Anfangsbuchstaben A bis K waren von der Luftwaffe nach Paris geschickt worden, und Harry mit dem S im Nachnamen musste nach Frederikshavn im Norden Dänemarks. Nach vierzehn Tagen waren alle aus der französischen Abteilung tot.

Auch in Dänemark fehlten nach jedem Einsatz ein paar seiner Kameraden, waren mit ihren Maschinen in die Nordsee gestürzt. Wenn sich die Flieger im Offizierskasino nach dem Einsatz zum Abendessen trafen, war die Tafel gedeckt wie immer, mit weißen Tischtüchern und polierten Gläsern, und an jedem Platz stand ein Gedeck. Die Teller der Abwesenden hatte man auf den Kopf gedreht.

Aber als der Schrecken endlich vorbei war, glänzte das Leben wie ein Geschenk aus Gold. Eine zweite Chance, zu kostbar, um noch Kompromisse zu akzeptieren. So ließ Harry Suchland sich mit 22 Jahren konfirmieren und schrieb sich für ein Bildhauerstudium ein. Später war er für viele Jahre Grafiker beim Tagesspiegel, modernisierte die Plakatsprache der Zeitung mit klaren Linien in Schwarz-Weiß und Elementen der Pop-Art, spielte mit Zitaten aus dem Jugendstil, gewann Preise, hatte als Fotograf Ausstellungen in New York und Washington. Und dann wurde er ohne jede akademische Ochsentour Professor für visuelle Kommunikation. Eine Bilderbuchkarriere. Doch mit Selbstverwirklichung hatte sie nichts zu tun, und auch nicht mit einer endlosen Suche nach dem Selbst, wie sie viele Künstler betreiben.

Es machte Harry Suchland nichts aus, seine Kunst und sich selbst in den Dienst einer Sache zu stellen – wenn es die richtige war. Die der Stadtmission zum Beispiel, für die er viele Jahre ehrenamtlich Plakate entwarf und Aktionen erdachte, wie eine Bootsfahrt über den Tegeler See mit Posaune und Flüstertüte, um die Badegäste für den nächsten Sonntag zum Gottesdienst einzuladen. „Religion ist die Poesie des Herzens, eine nützliche Verzauberung der Sitten, sie gibt uns Glück und Tugend“, zitierte er gern. Bloß kein geschlossenes Weltbild, davon hatte er schon zu Nazizeiten genug, als man ihm seine Coca Cola und den Zigeunerjazz von Django Reinhardt verboten hatte, und als Onkel Max nach London auswandern musste, sein jüdischer Lieblingsonkel, der ihm eine Kamera geschenkt hatte. Aus Prinzip wurde er ein Pluralist, einer mit Sinn für vieles, solange man darüber streiten kann.

Kunst war kein Selbstzweck, sondern ein, wenn auch besonders wertvolles, Mittel der Kommunikation – und er war der Profi, dem es nichts ausmachte, den Hauptteil der Verständigungsarbeit zu übernehmen, zu pointieren, zu visualisieren. Ein Bild, ein Satz. Zwei gegeneinander geballte Fäuste und darunter: „seit Christi Geburt gibt man sich anders die Hand“. Das genügte.

Für seine Vorlesungen schrieb er jede Woche ein Skript, zur Not morgens um fünf, wenn es nicht anders ging, und fasste als Service das Wichtigste nochmal in zwei Sätzen zusammen. Seine Studenten sollten auf jeden Fall etwas mitnehmen; wer etwas zu sagen hat, drückt sich auch verständlich aus. Deswegen kamen sie gern zu ihm, von weit her, über alle Sprachbarrieren hinweg.

Zwei Jahre lang ging er in den Zoologischen Garten und fotografierte Porträts von Nashörnern, Giraffen und Schimpansen. Versuchte sie mit vielen Worten und oft vergeblich zu überreden, den Kopf für die Kamera zu drehen. Auf seinen Bildern zeigte er die Tiere so, dass man meinte, menschliche Züge zu erkennen. Die Fotos wurden folgerichtig im Menschenaffenhaus ausgestellt und zu Gunsten des Zoos versteigert. Doch Suchlands spezieller Freund wurde ausgerechnet ein alter Aasgeier. Den musste er nur rufen, und er kam angeflogen und knabberte durch das Gitter hindurch vertraulich an der Fototasche herum.

Seine Freunde brachten Harry Suchland auch noch in den geliebten Zoo, als der Gehirntumor ihm schon das Sprechen unmöglich machte. Vor Weihnachten war er noch Motorrad gefahren, im Sommer darauf konnte er schon nicht mehr nicken und den Kopf schütteln. Aber sie wussten ja, was er mochte. Sie brachten ihm Kuchen und Sushi ins Hospiz, ein Kollege kam mit Ölkreide und zeichnete für ihn. An die Wand im Sterbezimmer hängten sie drei seiner schönsten Aufnahmen von New York, dem Schmelztiegel, der Lieblingsstadt. Eine Freundin stellte Wein, Bier, Wasser, Cola vor ihm auf und las irgendwann aus den winzigen Bewegungen seiner Augen heraus, was er trinken wollte.

Ich will Wein, sagten die Augen irgendwann – und meine Armbanduhr ablegen. Es war also so weit.

Sie verstand auch den Rhythmus seines Atems, als das Ende näher kam, und alle sich versammelt hatten. Die Freunde, die Tochter, die ehemaligen Studenten, der Hund und die Kinder, die ruhig bei ihm saßen, um gemeinsam auf den Tod zu warten. Sein Atem hielt an und setzte nach einer halben Minute wieder ein, unruhig, wie aufgeschreckt. Wir sollen jetzt gehen, sagte die Freundin. Es war schön, dass wir da waren, meint Harry. Aber jetzt möchte er alleine sein.

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