Wirtschaft : Geb. 1926

Werner Nehls

Thomas Loy

Werner Nehls

Sternengucker sind Menschen, die sich um das irdische Gepränge auf dem Markplatz der Eitelkeiten keinen Deut scheren. Nun gibt es Sternengucker, denen selbst das Sternegucken banal erscheint, wenn das nötige technische Rüstzeug einfach von der Stange gekauft wurde.

Während seine Freunde den Nachthimmel genossen, saß Werner Nehls meistens im Werkstatt-Keller. Eigentlich saß er dort jeden Tag, so lange seine Sternenfreunde zurückdenken können. Er hatte einen Schreibtisch, von dem aus er sein wider alle ästhetischen Prinzipien geordnetes Reich aus Werkbänken, Herdplatten, Meteoritenbrocken, Prismen, Videokassetten und Weizenbierflaschen regierte. Jetzt steht ein Bild mit Trauerflor auf dem Schreibtisch. Es zeigt einen kräftigen Mann mit wächsernem Gesicht, großer getönter Brille und hellblauem Hemd. Das Inventar drumherum ist alt und abgenutzt, aber funktionstüchtig, weil Werner Nehls alles reparierte, was ihm unter die Hände kam. Ein Tüftler und Bastler war er, ein Anhänger der Präzision, aber auch der Improvisation und Simplifikation. Mitten im Raum pendelt ein Metallstift am Faden, sein Kompass.

Im Keller der Wilhelm-Förster-Sternwarte am Insulaner baute Werner Nehls Teleskope und reparierte die anfällige Vorführtechnik des Planetariums. Und er verkaufte auch Getränke und leere Videokassetten an die Vereinsfreunde der privat geführten Sternwarte – zu seinen Hobbys gehörte auch das Herstellen filmischer Reisedokumentationen, die in einem der vielen Materialschränke verschwanden. Den Sternenfreunden hat er diese Filme nie gezeigt, weil nie jemand danach gefragt hat. Ungefragt würde ein Sternenfreund dem anderen nie etwas aufdrängen wollen.

Im Keller veranstaltete Werner Nehls einmal die Woche die „AG Spiegelschleifen“. Die Arbeitsgemeinschaft gibt es auch schon so lange, wie die Sternenfreunde zurückdenken können. Im Schleifkurs kann sich jeder Sternengucker mit geringen technischen Vorkenntnissen seine eigenen Teleskopspiegel herstellen. Dazu braucht er einen flachen Glaszylinder, Schleifpulver in unterschiedlicher Körnung, Wasser, Pech und eine Schleifscheibe. Und er braucht sehr viel Geduld. Bis ein Spiegel fertig geschliffen, ausgemessen, poliert und mit einer Silberschicht bedampft ist, können Monate vergehen.

Früher hatte Werner Nehls in der Werkstatt ganze Teleskope gebaut. Eigentlich gehörte einer wie er in das Zeitalter der Manufakturen. Mit Mikroprozessoren wollte er nichts zu tun haben.

Von Werner Nehls stammt auch die Planeten-Eisenbahn in der Schauvitrine des Planetariums. Auf einer Plattform werden die Planeten, Murmeln und Tischtennisbälle, von kleinen Antriebswagen auf schmaler Spurbreite um die Glühbirnensonne herumgezogen. Natürlich mussten die Umlaufgeschwindigkeiten und Umlaufradien genau aufeinander abgestimmt sein. Wegen Überhitzung infolge Dauerbelastung brannten die Elektromotoren oft durch – mindestens einmal in der Woche reparierte Werner Nehls die Planeten-Eisenbahn. Seit er nicht mehr da ist, stehen die Planeten still.

Höhepunkte des Nehls’schen Astronomenlebens waren die Sonnenfinsternisse. Sobald irgendwo in der Welt eine anberaumt war, fuhr Werner Nehls hin und hielt seine Kamera in den Himmel. 1973 war er in Mauretanien, 1983 in Indonesien. Zwischendurch fuhr er um den Globus, um Meteoritenbrocken aufzulesen oder nach Gold zu schürfen. Fürs Reisen gab er sein Geld gerne aus. Er hatte ja genug, nachdem seine kleine Firma für Medizintechnik verkauft war.

Die tieferen Schichten des Werner Nehls blieben seiner Umgebung verborgen. Darin eingeschlossen sind die fünf Jahre Sibirien. Werner Nehls war als junger Soldat bei der SS. „Der Feldwebel“, nannten ihn seine Söhne später. Der Ältere musste in Heimarbeit zusammen mit der Mutter Schrauben schlitzen. Ein Taschengeld gab es nicht dafür. Er erinnert sich an Verwandtschaftsbesuche im Schwarzwald: Vater Nehls führte seine Lieben in einen Steinbruch, um Mineralien zu sammeln. Die Kinder wollten klettern und toben, durften aber nicht. Fossilien sollten sie gefälligst bestaunen. Lebende Tiere hätten sie interessanter gefunden, aber für Zoos war dem Vater seine Zeit zu schade. Er führte ein strenges Regiment, wie er es von seinem Vater gelernt hatte. Freunde wollten die Kinder mitbringen, aber es galt die Anordnung: Keine Fremden in die Wohnung. Das Verhältnis zum Vater war nie eng, sagt der Ältere.

Jahrzehnte später wollten Vater und Sohn, zusammen durch Australien reisen. Das Projekt scheiterte bereits in der Planungsphase an unüberwindbaren Interessengegensätzen. Werner Nehls sagte gern: „Wenn man sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann geht das auch.“ Ein Vorsatz, der Erfolg verspricht, aber einsam macht.

Das Ende des Werner Nehls kam sehr schnell. Seine Lunge war seit vielen Jahren vom Zigarettenqualm verrußt. Für seine Lunge hatte sich der Sternengucker nie interessiert.

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