Wirtschaft : Geb. 1926

Eva-Marie Flögel

Judka Strittmatter

Eva-Marie Flögel

Flögelchen. Alte Dame, 77, allein stehend, mit Hund. Keine allerdings, die traurig registrieren musste, dass niemand mehr was wissen will. Wie es so geht und was so ist. Keine, die sich sorgen musste, was kommt nach der Stunde null. Langes, unentdecktes Liegen in der Wohnung? Weil „alt“ und „allein“ mit so was rechnen muss? Weil nervendünne Nachbarn lieber fraglos mit der Stille leben, als tatenlos mit Schlurfen, Klappern, Sprechen aus den Zimmern drumherum?

Eva-Marie Flögel hat dafür gesorgt, dass man sie vermissen wird. Absichtslos, auf ihre Art. Leutseliges Unikum, quirliges Hunde-Frauchen, dankbare Genießerin des Lebens. Ihre Bedeutung für andere Menschen beschreibt ein kleiner, feiner Satz. Schon nach ein paar Stunden, sagt Heinz Murken, Bekannter mit viel Sympathie, sei an ihrem Sterbetag ihr Fehlen auf der Straße aufgefallen. Das Fehlen auf der Straße! In Berlin! Im Fasanen-Kiez, in ihren Läden, kamen Fragen auf.

Hier ging sie immer ein und aus, vollzog das eine oder andere Ritual: in der „Salumeria Lodovico“ einen Latte Macchiato jeden Morgen, aus der Fleischerei Opitz Schabefleisch für Bina. Das drollige Herantänzeln dieses weißen, puscheligen Flummis signalisierte im Fasanenkiez das Erscheinen einer starken Frau. Zeitlebens ledig, aber durchaus sinnenfreudig. Für einen flotten Mann ein flotter Spruch – das hätte sie sich selbst mit 97 nicht verboten. Nur die Schwulen – die verstand sie nicht.

Dafür das Internet, Computer, E-Mails waren eine Leidenschaft. Und Briefe, offizielle. An den Baustadtrat und alle, die da Scheußlichkeiten planten im Fasanenkiez. Ein Hochhaus beispielsweise, an ihrem Grünplatz mitten in der Stadt, der Gerhart-Hauptmann-Anlage. Ein Riesenklotz, der alles überschatten und die Sonne über ihren Bänken dort verdrängen würde. Das stachelte den Gemeinsinn an, das rief die Bürgerinitiative auf den Plan. Mittendrin: Eva-Marie Flögel.

Eine Mutter Courage, auf ihre Weise. Rettung des Kastanienbaums in ihrem Hof? Proteste und Frau Flögel vornean. Schließung des Hundeauslaufgebiets am Grunewaldsee? Demonstrationen und Frau Flögel an der Spitze. Ansinnen solcher Art brachten sie auf die Palme und schließlich auf die Straße. Mit Bürgerrechten kannte sie sich aus. 40 Jahre Bürovorsteherin in einer Rechtsanwaltskanzlei – da wird man firm in diesen Dingen. Und legt sich, neben Bina, noch ein anderes Markenzeichen zu: einen Stapel Papiere, immer straff unter den Arm geklemmt. Denn Lesen und sich kundig machen über Dinge – auch das ein Flögelscher Lebensanspruch.

Genau wie der, sich umzusehen in der Welt. Allein und trotz der vielen Lebensjahre. Ein Single war die Flögel, ein überzeugter dazu, als es diese Gattung noch nicht gab. Eine Oma – ja, aber niemals eine graue Maus. Auch keine schräge Tante, ein Mensch, der andere für sich einnahm. Charakter, Wesen – eine Melange aus allem. Mit der Ente durch Europa, dem Flögelchen, sagt Murken, war alles zuzutrauen. Gottlos und unerschrocken brach sie auf, besuchte alte Stammpensionen, fuhr den ehemaligen Osten ab, schaffte aus dem Erzgebirge „Hutzelkuchen“ für die Kiez-Mitkämpfer ran. Kein Kneipenrund musste auf sie verzichten, auch weit nach Mitternacht nicht, ein Konjäkchen in der Cola schlug sie nicht aus. Und Lästerrunden nun gleich gar nicht. Schimpfen konnte sie, sagt Murken, auf die Kirche und die Ossis, vor allem aber auf die Wilmersdorfer Witwen. So eine wollte sie nie werden. Bigott und tüdelig, mit gönnerhafter Geste.

An einem Märztag dieses Jahres dann der Schreck. Ein Montagabend war es, und die Bürgerinitiativler vom Fasanenkiez vermissten ihre treueste Fragenstellerin – Frau Flögel. Ein Nachbar kam, er packte die schlimme Nachricht direkt auf den Küchentisch: Flögelchen tot, umgekippt in ihrer Wohnung, lange lag sie nicht. Die Augen füllten sich, sagt Murken, alle Tagesordungspunkte waren null und nichtig. So etwas gibt es noch, selbst in dieser Riesenstadt, fügt er hinzu, dass Nachbarn eine Lücke reißen. Dass man sich glücklich schätzt, eine wie Flögelchen gekannt zu haben.

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