Wirtschaft : Geb. 1927

Karl Hillert

Thomas Loy

Karl Hillert

Unter den Roten

War eigentlich alles verboten -

Nicht pupen, laut hupen.

Mein Gott, war’n wir prüde.

Im Kleinen, versteht sich,

waren wir redlich.

Sonst aber rüde.

Wollt einer rüber zu seiner Gabi,

stand er schon vor der Stasi,

und kletterte er auf die Mauer -

ging am nächsten Tag schon Gabi in Trauer.

Karl Hillert, Bildhauer, aber auch Grafiker, Maler und gelegentlich Dichter, „am 19. Januar 1927 in Berlin widerstrebend geboren“. Das widerstrebend strich er später aus seinem Lebenslauf. Dabei passt das Wort gut zu Karl Hillert. Wider die eigene Unvollkommenheit streben, sonst wird die Kunst schlaff und fad. Wider die staatliche Gängelung streben, sonst bleibt dem freien Geist die Luft weg.

Oft lastete die sozialistische Welt wie Blei auf ihm. Dann versank er in Gedanken, immer tiefer, und erschuf sich Gegengewichte aus Bronze oder Stahl. Karl Hillert musste man in Schwarzweiß fotografieren, weil sein Charakterkopf mit den schwermütigen Augen in den Schaffens-Jahrzehnten selbst zur Skulptur gereift war.

Natürlich gibt es auch die fröhlichen Farbaufnahmen. Karl Hillert mit seinen Enkelsöhnen oder im Gespräch mit kunstsinnigen Menschen. Dann sah er aus wie Klaus Löwitsch, der den Privatdetektiv Peter Strohm spielte – auch so einer, der durch Wände geht, obwohl die Tür offen steht. Nur einfach so durch eine Tür gehen wie alle anderen, das kann nicht jeder. Wenn man nämlich darüber nachdenkt, warum die Tür offen steht, schleicht sich die Gewissheit ein, dass jemand sie geöffnet haben muss. Dieser Jemand bestimmt offenbar, wo es langgeht. Dem Karl Hillert haben sie immer wieder Türen geöffnet, die vom Verband Bildender Künstler und später die vom Kulturministerium – durch einige ging er durch, doch die meisten schlug er zu. Zur Strafe wurde seine Kunst ignoriert. „Zwischenzeitlicher Gelderwerb als Dachdecker, Ziseleur, technischer Zeichner, Nachtwächter und Dozent.“

Was das eigene Land verschmähte, wurde in der Ferne als bedeutsam, als richtungsweisend anerkannt. Man ließ ihn zu Ausstellungen reisen, um die Familie in Rahnsdorf kümmerte sich dann die Stasi. Seine Frau Regina erinnert sich an das Knacken im Telefon, an die fremden Limousinen in der Straße. Als ihm die Hochschule der Künste in West-Berlin eine Professur anbot, war die Stasi-Akte Hillert endgültig zum Politikum geworden. Einen Abweichler wie ihn wollte man nicht einfach dem Klassenfeind anvertrauen.

Man lavierte, verschleppte, vertröstete und versuchte es schließlich mit Erpressung. Hillerts Plastiken waren plötzlich museumstauglich, wurden vom Staat angekauft. Als Gegenleistung sollte er Bauarbeiter modellieren, „die Erbauer von Marzahn“. Er quälte sich, weil er wusste, wie ein sozialistischer Bauarbeiter auszusehen hatte. Ganz anders als seine zerklüfteten Kopf-Skulpturen und die Torsi, die ihn bekannt gemacht hatten. Es ging ihm nie um das Abbild eines Menschen, schon gar nicht um die seines Ideals. Er quälte sich und schuf die Erbauer von Marzahn, auch, weil so ein Auftrag gut bezahlt wurde. Dann hätten sie noch gerne einen schönen Händedruck zwischen Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, sagten die Genossen Kulturfunktionäre. Karl Hillert geriet fast außer sich. „Das nicht“, rief er recht laut. „Das auf keinen Fall.“

Schon Karl Hillerts Vater, ein Restaurantbesitzer, hatte einen Hang zur Kunst. Eigentlich wollte der Vater Regisseur werden. Besonders gern ließ er eine selbst gebastelte Puppe aus dem Auto oder vom Riesenrad fallen. Als Karl 15 war, verunglückte sein Vater tödlich. Erschwerend kam hinzu, dass Krieg war und Karl an einer unheilbaren Krankheit litt, einer Tuberkulose der Wirbelsäule. Drei Jahre verbrachte er in einem Sanatorium in der Schweiz und später in Cuxhaven an der Nordseeküste. Der Körper mit seinen Gebrechen – auch er setzte seiner künstlerischen Freiheit Grenzen. Die Tuberkulose meldete sich gelegentlich zurück, später erlitt er einen Herzinfarkt.

Für Karl Hillert kam der Mauerfall zu spät. Die Professur an der HdK konnte er zwar endlich annehmen, aber nur ein Jahr hielt er durch. Seine vollkommene Hingabe zur Kunst verschliss seinen Körper. Er arbeitete impulsiv, ritzte Kerben in seinen Schreibtisch, wenn das Blatt nicht reichte, warf Tonbüsten aus dem Fenster, wenn sie nicht gelingen wollten, suchte besessen nach dem idealen Kunstwerk, suchte es in der Natur, am Ostseestrand, schleppte rostige Nägel und verkohlte Baumscheiben nach Hause, probierte Neues aus und baute Altes um.

Es entstanden Plastiken, die Formen der Zerstörung konservieren. „Erst wenn sie gebrochen ist, ist Harmonie schön, denn sie ist nicht eigentlich wahr – sie verschweigt den Tod“, schrieb Hillert in sein Notizbuch. Für ihn war das Ende nur eine räumliche Kategorie. Als er keine Kraft mehr fand zum Modellieren, zeichnete er auf dem Sofa sitzend. Die letzten Grafiken fertigte er mit dem Kuli, drückte Kerben ins Papier, erst blau, dann farblos, wenn die Miene keine Tinte mehr gab. Dann sank er um. Der Schlag hatte ihn getroffen.

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