Wirtschaft : Geb. 1928

Reinhart Behr

Thomas Loy

Reinhart Behr

Abgeordnetenhaus, 23. Februar 1984. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen hält seine erste Regierungserklärung. Die Abgeordneten der Alternativen Liste ziehen sich Nachtmützen auf und verfallen demonstrativ in einen Tiefschlaf. Das Fernsehen überträgt, das bürgerlich-anständige Berlin empört sich. Unter den Schlafenden befindet sich auch der Lankwitzer Gymnasiallehrer Reinhart Behr. Niemand will ihm später glauben, dass er nicht nur scheinbar schlief, um politisch zu demonstrieren. Er schlief wirklich, weil er todmüde war vom vielen Unterrichten.

In der AL-Fraktion mussten die Abgeordneten entweder auf ihren Beruf verzichten oder auf ihre Diäten. Bei Reinhart Behr war die Politik nur die Fortsetzung der Pädagogik mit anderen Mitteln. Natürlich wollte er weiter Lehrer sein. Er wollte der Vernunft zum Sieg verhelfen.

Er war ein Idealist!, sagen Freunde.

Nein, nein, ein Materialist!, sagen andere Freunde.

Ein Naturphilosoph!, sagen wieder andere Freunde.

Nicht doch, ein Philantrop!

Einigen wir uns darauf: Er war ein kluger, ehrlicher Mensch mit der festen Absicht, der Aufklärung zu dienen. Nur zwei Jahre währte seine Karriere als Politiker. Dass er es nicht länger aushalten würde, wusste er schon lange. Er hatte dieses stichelnde Gedicht gelesen, von Bertold Brecht. Es handelt von den „Bedenklichen“, die niemals handeln, immer nur Köpfe schütteln und noch unter der Axt des Mörders fragen, ob er, der Mörder, nicht auch ein Mensch sei. Reinhart Behr wusste, dass er unter den Bedenklichen ein Großer war. Ein Grübler. Einer, den man bei der Anwesenheitskontrolle in der Klasse leicht beschummeln konnte. Einer, der mit sich allein an mathematischen Problemen herumtüftelte, beseelt von der strahlenden Klarheit der Zahlen, beglückt auch dann, wenn das Tüfteln ergebnislos blieb.

Die Quadratwurzeln und der Krieg

Begonnen hatte das am Strand von St. Peter-Ording an der Nordsee. Sieben war er damals. Mit den Hacken trieb er Linien in den Sand, bis sie sich im Nebel verloren. Wohin führt eine solche Linie, wenn man sie weiterdenkt? In die Unendlichkeit? Was ist Unendlichkeit? Kann man sie mit Zahlen beschreiben? Reinhart verliebte sich in die Systematik der Quadratwurzel. Noch schöner: die Kubikwurzel. Seiner Urgroßmutter, 96 Jahre alt, brachte er das Wurzelziehen bei. Ein furioser pädagogischer Auftakt. Bald half er logikresistenten Mitschülern, sich durch Klausuren zu mogeln. Als unsportlicher Junge verschaffte er sich mit Hilfe der Zahlen Respekt. Reinhart wollte Mathe-Lehrer werden. Eigentlich war er es schon.

In den Berliner Bombennächten saß er im Keller, vertieft in Lösungsvarianten tückischer Quadratwurzel-Gleichungen. Um ihn herum zählten die verängstigten Nachbarn die Einschläge. Daraus entstand die oft zitierte Keller-Anekdote. Richtig interpretiert, bedeutete sie: Reinhart war die Mathematik umso wertvoller, je abstrakter er sie denken konnte. Das banale Addieren von Bombentreffern interessierte ihn nicht. Seine Umgebung blendete er beim Denken einfach aus. Viele haben die Keller-Anekdote aber falsch interpretiert, und so trug sie ihm den Ruhm eines tapferen, ja kaltblütigen Jungen ein, der nicht aus der Fassung zu bringen war. Reinhart war weder kaltblütig noch besonders tapfer. Er konnte sich für Dinge begeistern, die den Sinnen und damit den meisten Menschen verborgen bleiben. Erst als Erwachsener merkte er, dass ihm seine geliebte Mathematik auch ein Mittel zur Verdrängung von Krieg und Flüchtlingselend geworden war. Dafür schämte er sich.

1943 wird die Familie ausgebombt und zieht in die Lüneburger Heide, die „braune Heide“. Reinhart, dem wie seinen sozialdemokratisch gesinnten Eltern die nationalsozialistische Kriegshetze zuwider ist, erhält 14 Tage vor der Kapitulation den Einberufungsbefehl. Mit Hilfe des Celler Bürgermeisters schreibt er eine Entschuldigung: schwere Erkältung. Die Bearbeitung des Vorgangs dauert länger als der Krieg.

30 Mädchen kichern

Zurück in Berlin beginnt Reinhart an der Humboldt-Universität das Studium der Physik und Mathematik, hört nebenbei Vorlesungen über Kierkegaard, ist fasziniert davon, lernt Dänisch. Die Offerte einer Assistentenstelle schlägt er aus. Die Aussicht, jahrzehntelang über einem Spezialproblem der Infinitesimalrechnung zu brüten, erschreckt ihn. Mathematik-Lehrer will er werden, unbedingt.

Dann ist er es plötzlich. Ohne Unterrichtserfahrung beginnt er in einer Mädchenschule, neunte Klasse. 30 Mädchen schauen ihm zu, wie er an der Tafel immer neue Problemstellungen entwirft. 30 Mädchen kichern. Der junge Assessor ist verlegen und verwirrt. 30 Mädchen starren auf seinen Schlipsknoten. Dem jungen Assessor wird heiß und kalt. Ein Martyrium. Erst als er vom jungen französischen Mathematiker Galois berichtet, der seine bahnbrechende Beweisführung in einer einzigen Nacht niederschreibt, um am folgenden Tag sein Leben in einem Duell auszuhauchen, beginnen die Mädchen aufzuhorchen. So muss man’s machen. Die Zahlen brauchen ein Gesicht und eine Geschichte.

Reinhart Behr kommt ans Beethoven-Gymnasium und bleibt dort bis zur Pensionierung. Als ein wenig kauziger, aber respektierter und vor allem engagierter Kollege prägt er die Schule in revolutionärer Zeit. Damals unterscheidet man zwischen progressiven und reaktionären Lehrkräften. Reinhart Behr ist eindeutig progressiv, ein Linker, GEW-Mitglied. Der erzkonservative Direktor versucht, ihn aus der Schule zu mobben, mit fingierten Eltern-Beschwerdebriefen und Verleumdungen. Behr hält stand, wehrt sich, auch ohne Rückendeckung von Bezirks- und Schulamt. Das Kollegium spaltet sich in zwei Lager; diese Phase wird später als „Schulkampf“ in die Geschichte der Beethoven-Schule eingehen. Am Ende muss der Direktor gehen. Die Beethoven-Schule bekommt eine kollektive Führung und einen neuen Umgangsstil mit den Schülern. Behr hat gewonnen, doch der jahrelange Konflikt hat seine Nerven angegriffen. Im Unterricht erleidet er einen Schwächeanfall.

Maulkorb und Disziplinarverfahren

Aber egal, Reinhart Behr, der Bedenkliche, ist nun auch ein Handelnder. Seine politische Überzeugung zwingt ihn dazu, auch wenn sich sein ruhiger, analytischer Geist noch sträubt. Einige Jahre später kommt es zum „Fall Behr“. Auslöser ist das Berufsverbot für eine junge Kollegin, die einen Artikel in einer kommunistischen Zeitschrift verfasst hat. Viele Lehrer, darunter Behr, solidarisieren sich mit ihr, die Schulverwaltung verhängt einen Maulkorb, was Behrs Empörung weiter steigert. In einem offenen Brief wendet er sich an den Tagesspiegel und büßt dafür mit einem Disziplinarverfahren. Seine Courage bringt ihm viel Sympathie ein. Reinhart Behr, der sensible Denker, hat sich so in die Arena öffentlicher Auseinandersetzung begeben. Eine Arena voller Intrigen und Eitelkeiten. Behr tat es der Sache wegen.

Im „Volkshandbuch des Abgeordnetenhauses“, 9. Wahlperiode, ist der Kopf eines römischen Statthalters zu sehen. Ponyhaarschnitt. Harte, asketische Gesichtszüge, die von Entbehrungen und Prüfungen erzählen. Es ist das Gesicht Reinhart Behrs. So steht er 1983 vor dem Parlament und hält seine erste Rede. Mit schlotternden Beinen. Wie überzeugt man den politischen Gegner, der seine Meinung von den Dingen hat und gar nicht überzeugt werden will? Ein parlamentarisches Auditorium ist eine große Resonanzfläche. Da muss jeder Ton stimmen – viel schwieriger und unberechenbarer als eine renitente Schulklasse.

Den Politiker Behr erfüllt die Hoffnung, gute, sachlich und vor allem logisch zwingend vorgetragene Argumente würden die folgende Abstimmung im Sinne der Aufklärung beeinflussen. Eine Illusion, natürlich. Darüber Zyniker zu werden, lag nicht in seiner Natur. Seine Doppelexistenz als Lehrer und Politiker mündete dagegen immer öfter in Erschöpfung. Nach Auslaufen seines Mandats nahm Reinhart Behr erleichtert und für immer Abschied von der Politik, um alsbald seine neuen Erkenntnisse in einer 100-seitigen Broschüre zu analysieren. Titel: „Lange Reflexion – kurze Praxis“. Reinhart Behrs Verhältnis zwischen Abstraktion und Wirklichkeit war wieder im Lot.

Radfahren – nicht denken!

Vieles tat er im Leben später als andere. Mit 51 Jahren heiratete er Anne, eine Dänin. Mit 61 Jahren lernte er Fahrrad fahren. Bis dahin schien es ihm unerklärlich, wie ein Radfahrer kurz vor der Abzweigung die Lage des eigenen Schwerpunktes mit dem Krümmungswinkel der Kurve und der eigenen Geschwindigkeit so zueinander in Beziehung setzen kann, dass sich der richtige Einschlagwinkel des Lenkers und die erforderliche Körperneigung errechnen lassen. Das ist schon am Schreibtisch schwierig genug. „Du darfst dabei nicht so viel denken“, rieten die Freunde. Welcher Hohn, einem Denker das Nicht-Denken abzufordern. Einfach mal ausprobieren, ohne zu verstehen, was eigentlich passiert, das war Reinhart Behr fremd. Als jüngere Mathematiker anfingen, am Computer komplexe Rechenabläufe zu programmieren, fragte Alt-Mathematiker Behr, was denn eigentlich in diesen grauen Kästen vor sich gehe. Sie konnten es ihm nicht sagen. Fortan mied Reinhart Behr die grauen Kästen.

Nach der Pensionierung zieht er sich in ein kleines Haus zurück, auf Fünen in Dänemark. Er entdeckt die Mathematik der Pflanzen, forscht weiter an der Systematik der chinesischen Schriftzeichen, schreibt Bücher, hält Vorträge an Schulen, demonstriert für den Frieden und inspiriert die „Quersozialistische Liste Egebjerg“ mit philosophischen Erkenntnissen von Leibniz bis Bloch. Sein Körper, der neben seinem Geist immer zweitrangig geblieben war, meldet irgendwann, er sei vom Krebs befallen. Reinhart Behr lässt sich davon nicht ablenken. Ihn begeistert die „fraktale Geometrie“, die Optik des Sonnenuntergangs, das Gefüge des Sternenhimmels.

Einen Gott braucht seine Seele nicht. Auch keinen Friedhof. In der Ostsee wird er bestattet. Drei kleine Fischkutter bringen die Trauergesellschaft aufs Meer hinaus. Mit dabei die Kameraden von den „südfünischen Linken“. Zum letzten Geleit pfeifen sie die Internationale.

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