Wirtschaft : Geb. 1929

Klaus Mertens

Gregor Eisenhauer

Das ist die Kunst: So zu spielen, dass man den Schauspieler nicht in Erinnerung behält.

Die Trainingsjacke, blau-weiß, wer trug sie als erster fernab der Campingplätze und Autowaschanlagen, wer machte sie zum schicken Uniformteil der Spaß-Generation und vor allem, warum?

Volksbefragung in Mitte: „Welcher Nicht- Spießer die Jacke zuerst getragen hat? Keine Ahnung. Ist halt praktisch das Teil. Wowereit trägt ja auch eine.“

Das ist die Botschaft: Alle sind irgendwie gut drauf, relaxed, früher oder später, hier oder sonst wo, alles total super: „Ich lass mir meinen Körper schwarz bepinseln und fahre zu den Fidschi-Inseln!“ Das war einer der Hits des „patriotischen Liederabends“ in der Volksbühne: „Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!“

Und hier, an der Volksbühne, am 16. Januar 1993, dem Premierenabend, trug Klaus Mertens erstmals jene Trainingsjacke, die dann, mitsamt den anderen Requisiten, dem knapp sitzenden Schrummelpullöverchen aus Vollsynthetik, den Schlaghosen und dickrandigen Altherrenbrillen Kult wurden. Weil ja alle irgendwie gern Volksbühnen-Schauspieler wären. Als ob es am Theater darum ginge, sich selbst in Szene zu setzen.

Klar: Schauspieler wird man, weil man berühmt sein will und reich. Weil man viele Frauen oder Männer haben will, oder beides, und viele Masken, hinter denen man sich verstecken kann. Weil es tausend gute Gründe gibt, kein normales Leben zu führen, und weil man nie früh aufstehen muss.

Schauspieler ist man einfach von Geburt an, denken viele und vertrauen ihrem Talent so bedingungslos, dass sie alles Handwerkliche für überflüssig halten. Genialische Attitüden in Serie, vierundzwanzig Stunden Stürmer und Dränger oder die Verführung in Person. Und immer der Blick rechts oder links, sieht mich jeder?

Klaus Mertens war da ein bisschen anders. Seit 1949 war er ununterbrochen im Engagement, und das ohne größere Querelen. Er wusste von Anfang an, was er werden wollte, und er musste schon damals sehr überzeugend gewirkt haben, denn sein Vater, Sparkassendirektor, wagte nicht zu widersprechen, obwohl seine Karrierekalkulation für den Sohn sicher eine andere war.

Mertens absolvierte die klassische Schauspielausbildung und spielte nebenher Kabarett, Ostkabarett. Das kostete Nerven. Politisches Kabarett, die Kunst des Spagats, das kann irgendwann zu Überdehnungen führen oder zu Gallenkoliken in Serie.

Er hat es überlebt. Ein Engagement folgte dem anderen, die kleineren Bühnen, Görlitz, Erfurt, dann die Volksbühne: 35 Jahre, 80 Rollen… Statistik.

Denn es kommt ja nicht drauf an, was er gespielt hat, sondern wie er gespielt hat, das war die große Kunst, seine große Kunst: So zu spielen, dass man den Schauspieler selbst gar nicht in Erinnerung behielt. Denn ihn, Klaus Mertens, gab es gar nicht, nicht auf der Bühne jedenfalls.

Welches Lob könnte auch dümmer sein als der Satz: Der spielt den Hamlet aber grandios! Entweder er ist es, oder er ist es nicht. Wenn er ihn ‚spielt’, will er den Applaus für sich und nicht für die Figur. Und was für die großen Helden der Bühne gilt, gilt erst recht für die vermeintlichen Nebenrollen, sie geben allem erst den Sinn. Und über wen könnte man sich im Theater amüsieren, wenn nicht über die Randfiguren?

Es ist wie in den Romanen von Charles Dickens, die Helden sind meist unerträglich: zu schön, zu gut, zu abgehoben. Deswegen braucht es das Bodenpersonal, die vermeintlich komischen Gestalten: Falstaff und Güldenstern und wie sie alle heißen.

In diesem, durchaus stolzen Sinne hat sich Klaus Mertens selbst als Nebenfigur gesehen: als Angestellter, den das Handwerk befähigen muss, mehrerer Herren Diener zu sein. Diener des Publikums, aber auch Diener der Intendanten und natürlich der Autoren. Das kann zu Rückgratverkrümmungen führen. Klaus Mertens blieb davon verschont, weil er auf Ruhm verzichten konnte. Das Theater war sein Leben, in dem sehr unpathetischen Sinn, dass er sich ein anderes Leben nicht vorstellen konnte: Die Bühne war seine Normalität.

Als junger Mann hat Klaus Mertens Briefmarken gesammelt, und er konnte ziemlich cholerisch sein, wenn nicht gar ungerecht: Murx ihn ab den Spießer, den Spießer in dir selbst. Das ist der Lockruf des Theaters: Persönlichkeiten in sich zu überwinden, indem man sie zur Schau stellt. Das geht lange gut, zumal wenn der Applaus stimmt, aber: Wer so viele Rollen spielt, läuft Gefahr, irgendwann sich gänzlich zu verausgaben.

Auch da hat er kein Drama draus gemacht, aus der Leere, der man irgendwann ausgeliefert ist, Mecklenburger Stoizismus eben. In seiner Freizeit hat Klaus Mertens den Schuppen aufgeräumt oder mal zwei Stunden nur gradeaus geguckt. Ansonsten: Keine Freunde. Er war gern allein.

Privat gab es auch kein Publikum mehr. „Sie sind Schauspieler? Gott, wie interessant!“ – „Bleibense ruhig: Es ist nun mal mein Beruf!“ Den hat er beharrlich ausgeübt, und selbst der Krebs hielt ihn lang nicht davon ab, seine Arbeit zu tun: „Der Lappen muss hoch.“ Das ist das ganze Geheimnis.

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