Wirtschaft : Geb. 1929

Oscar „Ossi“ Müller

Gregor Eisenhauer

Oscar „Ossi“ Müller

So viele Väter gibt es nicht mehr, die ihre Tochter Pauline nennen und die regelmäßig freitags bei Butter Lindner einkaufen gehen – Krustenbrot und natürlich Butter. Und die dann die Butter auspacken, das Papier unter heißem Wasser sorgfältig auswaschen, auf der Spüle trocknen und die Stullen für die Kinder damit einpacken.

So viele Vermieter gibt es nicht mehr in Berlin, die streng dastehen, wenn die Mutter mit zwei Kindern unterm Arm in die Firma kommt, weil sie die Miete nicht bezahlen kann, und die im nächsten Moment grinsen und die Bonbons rausholen: „Wat soll ick denn machen? Ick kann die Frau mit der janzen Bagage doch nich’ auf die Straße setzen.“

Und so viele Firmenchefs gibt es auch nicht, die zum runden Geburtstag 150 Leute ins Kempinski einladen oder die ganze Belegschaft nach Mallorca verschiffen oder zu Juhnke ins Theater laden: Sunny Boys.

Natürlich geht alles auch billiger – aber besser? Das gilt für den Umgang mit Mitarbeitern wie für den Umgang mit Kunden.

Oscar „Ossi“ Müller hat nun mal Qualitätsware verkauft: Türschließer. Türschließer? Klar, die kennt doch jeder! Aber was so ein Türschließer wert ist, merkt man erst, wenn er nicht gut funktioniert. Denn einen Türschließer verkaufen kann jeder, ihn zu montieren ist schwierig, ihn so einzustellen, dass er nicht schleppt und nicht scheppert, das ist eine Kunst. Studieren kann man die nicht, da braucht man Leute, die zwanzig oder dreißig Jahre im Betrieb sind. Vor allem braucht man einen Chef, der Ahnung von der Sache hat.

Mit fünfzehn fing er an im Geschäft seiner Eltern, in Kreuzberg, Provinzstraße. Seit 1906 gab es den Familienbetrieb, aber der Laden war heruntergewirtschaftet. Ossi Müller machte wieder eine Firma daraus.

Anfangs drei Leute, die die Türschließer mit der Schubkarre an den Mann brachten. Zwanzig Jahre später, sein privates Wirtschaftswunder, hatte er eine eigene Wagenflotte, dirigiert per Funk über die Richtantenne, die auf dem Firmensitz prangte. Ein Firmengebäude, mit allem drum und dran, Büros, Garage, Waschstraße, Werkstatt und eine private Zapfsäule, die letzte in Berlin.

Ossi Müller hatte eben Geschäftssinn, das war das eine, aber er hatte auch das Talent, alles zusammenzuhalten. Schon als Knirps hat er Zigarettenstummel eingesammelt und Zigaretten daraus gedreht. Und selbst, als er genug Geld verdiente, ist er immer noch zu drei verschiedenen Supermärkten gefahren, um zu sehen, wo die Tomaten am günstigsten sind. Er konnte nichts wegschmeißen, keine Tüte, keine Serviette. Wahrscheinlich versteht das nur einer, der selbst mal gehungert hat. Denn – so schlau, wie sie alle tun – es kann auch immer ganz anders kommen, als man denkt.

Natürlich war er immer piekfein angezogen, soll heißen: Jeans mit Bundfalte, selbst gebügelt. Die Socken selbst gestopft. Weiße Slipper, roter Schal. Wenn ihm mal eine Krawatte für hundert Mark geschenkt wurde, hat er sie umgetauscht.

Die Vergnügungen waren zählbar: mal unter der Woche ein Bier auf den Wannseeterrassen. Kulinarisch gesehen war er ohnehin ein eher kontrollierter Genießer: Eintopf, Schmorgurken – und immer Maggi satt. Tomatencreme, Consommé, was auch immer: Maggi adelt den Geschmack. Und wenn Wurst, dann so dünn, dass man Zeitung durch lesen kann. Schließlich – ein Tomatenbrot ist auch ’ne Delikatesse, zumal wenn das Brot von Butter-Lindner kommt.

Und wenn die Kumpels am Wochenende aus Garmisch anriefen: „Du arbeitest immer noch?“, dann hat er einfach entgegnet: „Was denn sonst? Tot bin ich lang genug!“

Die Firma war nun mal sein Leben, so einfach ist das. Ob Millionenauftrag oder zwei Zylinder, Seitenflügel rechts, der Chef fährt hin und sieht erst mal selbst nach – logisch, dass er bei so viel Arbeit immer zu spät kam.

Klingt nach einer Zeit , als alles, nein, nicht besser, aber anders war. Das Berlin Erich Kästners gibt es nicht mehr, vielleicht hat es ja nie existiert, aber es gab solche Typen wie Metzgermeister Kruse, die hin und wieder auch noch selbst am Tresen standen und jeden mit dem passenden Spruch bedienten, insbesondere die ganz Kleinen mit der großen Klappe: „Bengel! Wennde frech bist, kommste in den Keller. Hofseite. Ohne Sonne.“ Typen, die geizig taten und unverhofft große Geschenke machten: „Na Kinders, was haltet ihr davon, wenn wir alle mal nach Amerika fahren?“ Gesagt, getan – und abgeflogen.

Den ersten wirklichen Luxus, den sich Oscar „Ossi“ Müller selbst gegönnt hat, aber da waren die Haare schon grau, das war ein Benz-Cabrio. In dem ist er bei Wind und Wetter offen gefahren, wenn es abends zum Sport ging. Badelatschen, Bademantel, mehr Anzug muss nicht sein, wenn man schnell ins Wasser will. Und dann ist er seine Runden geschwommen. Denn auch wenn er dauernd vom Tod geredet hat, er wollte nicht sterben: Ziel war das 100-jährige Firmenjubiläum. Hat nicht sollen sein.

Schade eigentlich, denn dass Berlin am Ende ist, liegt vielleicht auch daran, dass solche Typen wie er bald ganz ausgestorben sind. „Drum Kinders ein letztes Mal: Hände falten, Köpfe senken und brav an Ossi Müller denken!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben