Wirtschaft : Geb. 1929

Götz Gutdeutsch

Eckard Kipping

Götz Gutdeutsch

Die Hölle ist ein Keller in Zehlendorf. Die Dame des Hauses, Ehefrau des Verstorbenen und Höllendiener an diesem Abend, begleitet die Besucher dorthin, wo die bösen Seelen zu schmoren haben im eigenen Saft. „Geschlossene Gesellschaft“, Jean Paul Sartre. Das Theater im eigenen Haus. „Greenhouse“. Ein Lebenstraum der wahr geworden ist. Aber dafür mussten erst viele Jahre vergehen.

Kennen gelernt haben sie sich kurz nach dem Krieg, der Götz und die Ruth. Sie waren jung, sie spielten Theater. Er war ihr Liebhaber, sie seine Geliebte. Sie schnitt eine Strähne aus ihrem pechschwarzen Haar und steckte sie in seines, das blond war, und er tat es ihr gleich. Sie hätte gern mehr mit ihm als nur Theater gespielt. Doch er ging in eine andere Stadt und heiratete eine andere.

Er wollte nichts lieber als Tänzer werden. Aber seine Mutter sagte: Erst wird was Anständiges gelernt. So wurde er Architekt, schrieb ein Buch über Holzarchitektur und bekam den Schinkel-Preis. Als Dozent an der Universität fuhr er mit seinen Studenten hinaus in die Welt.

Seine drei Töchter wurden erwachsen, verließen das Haus. Da traf er sie wieder, seine Theatergeliebte von damals. Sie hatte sich ganz seiner stillen Leidenschaft verschrieben, dem Theater. Als Schauspielerin hatte sie in den USA gelebt, lehrte nun als Professorin an der Hochschule der Künste.

Er verliebte sich in sie und in das andere, das ungelebte Leben auf der Bühne.

Ganz oder gar nicht. Sie wollte mehr als wieder nur die Geliebte spielen. So ließ er sich scheiden und trat mit ihr vor den Traualtar. Ganz romantisch im fernen San Francisco. Da waren sie über sechzig Jahre alt.

Er zieht zu ihr ins Haus der Eltern in Zehlendorf. In den Garten stellen sie sich eine Statue: „Mistery Moon“, geheimnisvoller zweigesichtiger Mond. Das eine Gesicht, das lichte, schaut weg, das andere, das dunkle, ist dem Haus zugewandt. Im Keller richten sie ein Theater ein, gemeinsames Kind später Jahre. Er, der gewandte, charmante Gastgeber, dem die Herzen nur so zufliegen. Sie, die Ernste, die sich die Dinge zu Herzen nimmt.

Die Vorstellungen am Wochenende. Leben und Theater spielen unter einem Dach. Die Nähe zu den Darstellern, den Theatermachern im Wohnzimmer nach der Vorstellung. So geht es viele Jahre. Bis zu seinem plötzlichen Tod.

Die Hölle ist nichts anderes als ein Schuhkarton. Sartre sagt: Die Hölle sind die anderen. Ein Schuhkarton voll mit Briefen und Fotografien, der sich gut versteckt im Nachlass des Verstorbenen findet und eine ganz andere Seite zum Vorschein bringt. Mistery Moon, die dunkle, die verborgene Seite.

Für die Witwe beginnt eine schwere Zeit. In Nächten erleidet sie Höllenqualen. Immer wieder durchdenkt sie die gemeinsamen Ehejahre. Wie unterschiedlich waren doch ihre Auffassungen von Treue und Vertrauen.

„Ach, hätten wir doch mehr Mut gehabt, uns voreinander zu öffnen und einander ein eigenes Leben zuzugestehen.“

Lange hat die Witwe in ihrem Schmerz auf die dunkle, ängstlich blickende Seite der Statue geschaut. Endlich findet sie das Gesicht, das Trost suchend im Licht erstrahlt.

Die Erinnerung kehrt zurück an die gemeinsamen, die schönen, die erfüllten Jahre. „Seine Fähigkeit, mich aufzubauen in allen Selbstzweifeln und die Gewissheit, er hat mich geliebt.“

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