Wirtschaft : Geb. 1930

Albert Struthoff

Stefan Jacobs

Feierabend nur aus Rücksicht auf die Geliebte? Nicht bei einem wie ihm.

Es geschah auf einer Parkbank in Bremen, an einem lauen Sommerabend des Jahres 1958. Albert Struthoff, 28 Jahre alt, traf Marianne, seine große Liebe. Der Tag ging, die Romantik kam, und schließlich öffnete Albert Struthoff der Angebeteten sein Herz: Berichtete ihr von den neuesten Bremer Bauprojekten, von Hochstraßen und Tiefgaragen, von Planungswirrwarr und Plattenwegen.

Das war nicht unbedingt das, was Marianne erwartet hatte. Aber ein paar Monate später heiratete sie ihn trotzdem. Die beiden Kinder sollten eines Tages Journalisten werden.

Albert Struthoff hat sich bei den „Bremer Nachrichten“ um die Bauthemen gekümmert. Bei Grundsteinlegungen und Richtfesten interviewte er die Baulöwen, bei Anwohnerversammlungen hörte er empörten Bürgern zu. Wenn irgendwo ein Bagger anrückte, war Albert Struthoff nicht weit. Ein Journalist ist selten so beschaffen, dass er aus purer Rücksicht auf die Geliebte rechtzeitig Feierabend machen würde.

Albert Struthoffs journalistische Laufbahn begann mit einem Rauswurf aus der Oberschule. Er hatte für die Schülerzeitung ein Plädoyer dafür geschrieben, dass Jungen und Mädchen dieselben Klassen besuchen dürfen. Sein Rektor war da ganz anderer Meinung. Er verbot den Vertrieb der Zeitungsausgabe in seiner Schule. Also verteilte Albert Struthoff sie vor dem Tor. Den Rektor einer anderen Schule beeindruckte die Aktion so sehr, dass er den Ausgestoßenen gern aufnahm. Albert Struthoff machte im Exil sein Abitur und erfreute sich sein Leben lang an doppelt so vielen Klassentreffen wie seine einstigen Mitschüler.

Kurz vor der Hochzeit zog Albert Struthoff zu Marianne nach Berlin. Er bekam eine feste Stelle beim „Kurier“, einer Abendzeitung, deren Tage allerdings gezählt waren. Albert Struthoff, studierter Politologe inzwischen, wurde Nachrichtenredakteur beim SFB-Radio und bald darauf Schichtleiter in der Redaktion. Ohne ihn hatte der Sprecher am Mikrofon nichts Neues zu berichten. Den Berlinern nicht, und nachts auch allen anderen ARD-Hörern in beiden Teilen Deutschlands nicht. Wenn er Frühschicht hatte, ließ sich Albert Struthoff mit dem Taxi zum Funkhaus in die Masurenallee fahren, um nicht wegen eines Unfalls oder einer Panne aufgehalten zu werden. Das war keine Frühschicht, es war eine Sehrfrühschicht: Um zwanzig nach drei stand das Taxi vor der Tür. Auf zwei Frühschichten folgten zwei freie Tage, dann zwei Mal Dienstbeginn um 18 Uhr und schließlich zwei Nachmittagsdienste, 25 Jahre lang. Und weil Albert Struthoff sich im Vorstand der IG Medien noch um Interessen und Intrigen von Kollegen kümmerte, stand auch am Wochenende das Telefon selten still. Aber Marianne wusste ja von Anfang an, auf wen sie sich eingelassen hatte.

Sicher vor der Arbeit waren sie nur im Urlaub: Wenn die Fähre von Sassnitz vor den Kreidefelsen von Rügen entlangtuckerte, den Wohnwagen der Struthoffs im Bauch und die schwedische Küste vorm Bug, dann begann das ruhige Leben. Mit Strand und Meer, mit Wald und Preiselbeeren und langen Abenden am Feuer. Manchmal, wenn die Mücken allzu garstig wurden, war das einfache Leben ein wenig anstrengend, und einmal war es besonders schlimm. Die schwedischen Nachbarn hatten zum Fisch an den Grill geladen. Albert Struthoffs lichtes Haar ließ den Mücken großzügige Einflugschneisen frei. Nachdem er die ersten drei mit fischigen Fingern erschlagen hatte, kamen die nächsten dreitausend umso lieber – angelockt vom würzigen Geruch der Landefläche. Am nächsten Tag trug Albert Struthoff Streuselkuchenkopf.

Trotz solcher Unannehmlichkeit wurde das weite Land jenseits der täglichen Hektik im eingemauerten Berlin zur zweiten Heimat. Nur manchmal wachte Albert Struthoff mitten in der Nacht auf. Am Anfang wunderten sie sich, aber Uhr und Kalender gaben die Erklärung: Die Unruhe kam pünktlich morgens halb drei, an jenen Tagen, an denen der Frühdienst beim SFB dran gewesen wäre.

Ein einziges Mal in 25 Jahren haben die drei Wecker in Struthoffs Schlafzimmer vergeblich versucht, ihn pünktlich auf den Weg in die Redaktion zu bringen. Als Rentner konnte er dann seiner inneren Uhr wieder die 24-Stunden-Zeitrechnung beibringen. Seine letzten Jahre verbrachte er zu Hause, auf der anderen Seite des Radios. Wenn sich allzu verquere Formulierungen aus dem Lautsprecher quälten, griff er schon mal zum Telefonhörer und mahnte seine einstigen Kollegen. Aber das war selten. Und ganz zum Schluss war es ihm auch egal. Da las er nur noch Zeitung von früh bis spät, wurde gleichmütig und fühlte sich nicht wohl. Marianne schickte ihn zum Arzt. Die Mediziner verordneten eine Darm-Operation und dann noch eine. Aus der wachte Albert Struthoff nicht mehr auf. Seine Tochter und sein Sohn gewöhnen sich allmählich daran, dass sie nicht mehr den Rat des Vaters zu ihren Texten einholen können.

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