Wirtschaft : Geb. 1930

Friedbert Cierpka

Till Hein

„Kinder, der Film heute ist nicht so berühmt, aber wir werden trotzdem Spaß haben.“

Herr Cierpka war ein toleranter Mensch. Wenn mal wieder einer der vier Söhne seinen Wagen zu Schrott gefahren hatte, nahm er das locker. Hätte ihm auch passieren können. Doch es gab Dinge, die hasste er wie die Pest. Zum Beispiel, wenn seine Jungs das ganze Haus mit ihrem Rockmusik-Krempel vollräumten.

Als er im Flur über einen Bass-Verstärker stolperte, warf er ihn zur Haustür auf die Straße hinaus. Dummerweise kam gerade ein Kumpel seiner Söhne vorbei und hätte das Gerät beinah ins Gesicht gekriegt. „Hallo Frank, altes Haus. Lange nicht gesehen“, begrüßte ihn Herr Cierpka freundlich. Das war typisch: Schlagartig konnte sich bei ihm ein emotionales Gewitter entladen, schlagartig verzog es sich.

Sein Haus war ein Treffpunkt kritischer Geister: Abends kamen Schauspieler, Intellektuelle und Regisseure zu Besuch. Er liebte die politischen Diskussionen bis den Morgen, rechtes Gedankengut war ihm ein Gräuel. Er war ein liberal denkender Humanist – manchmal redete er sich allerdings so in Rage, dass er weit übers Ziel hinausschoss. Das hat ihn einige Freundschaften gekostet.

Im Grunde war Friedbert Cierpka ein verletzlicher Mensch. Selbstzweifel plagten ihn seit seiner Kindheit, und heizten seinen Ehrgeiz an. Sein älterer Bruder machte als Fernsehjournalist Karriere. Friedbert hatte einen schweren Stand und ständig das Gefühl, sich beweisen zu müssen.

Ursprünglich wollte er Pfarrer werden, aber dann war seine Leidenschaft fürs Theater doch stärker. Kurze Zeit spielte er kleine Rollen an einer renommierten Berliner Bühne. Doch eines Tages nahm ihn ein Kollege zur Brust: „Cierpka, jetzt mal ehrlich: Schauspielerei ist doch Scheiße. Damit wirste nie’n Mercedes fahren!“

Der Mercedes war ihm nicht wichtig, umgesattelt hat er trotzdem. Und schon bald machte er sich als Produzent und Regisseur bei der Synchronisation amerikanischer Spielfilme einen Namen: „My fair Lady“ hat er eingedeutscht und die beiden ersten „Rocky“-Streifen auch.

Seine „FCF-Filmsynchronisation“ war ein Familienbetrieb mit einzigartiger Atmosphäre: Immer gab es Kaffee und Kuchen für die Schauspieler und wenn nötig einen Whiskey dazu. Herr Cierpka war eine ehrliche Haut: „Kinder, der Film heute ist nicht so berühmt, aber wir werden trotzdem Spaß haben“, sagte er morgens gelegentlich zu seiner Crew.

Wenn es im Job nicht lief, war er auch am Wochenende nervös, konnte nicht abschalten. Trotzdem war er ein liebevoller Vater, falls er nicht gerade über einen Bass-Verstärker stolperte. Sonntags radelte er gerne mit der Familie durch den Grunewald. Und legendär waren seine Eisenbahnermützen aus Pappe und die Ritterburg aus Sperrholz. Auch für die Literatur versuchte er seine Söhne zu begeistern. Allerdings fanden die seine Lieblinge Theodor Fontane und Adalbert Stifter ziemlich dröge. Mit den abendlichen Sprechübungen nach der Bühnenschauspieler-Fibel „Der kleine Hai“ ging er vielleicht ein wenig zu weit.

Es war ihm sehr wichtig, ein guter Vater zu sein. Bei Familenstreitigkeiten konnte er bitterlich in Tränen ausbrechen. Sie haben ihn wohl an die schwierige Beziehung zu seinen Eltern erinnert.

Wenn ihn Kopfschmerzen oder ein Schnupfen plagten, konnte Friedbert Cierpka sehr eindrucksvoll leiden. Im Herzen ist er eben immer Schauspieler geblieben. Er liebte es, im Mittelpunkt zu stehen und gehätschelt zu werden. Doch als es dann hart auf hart ging, war er tapfer wie ein Spartaner. Selbst gesundheitlich angeschlagen, pflegte er zwei Jahre lang seine todkranke Frau, renovierte nebenbei den Schuppen im Garten eines Sohnes und unternahm auch noch Ausflüge mit seinen acht Enkelkindern.

Als ihm der Krebs bereits schwer zugesetzt hatte, inszenierte er die Arztkonsultationen in der Sterbe-Klinik als wären es Bühnen-Spektakel: „Machen wir uns nichts vor, meine Herren“, sprach er einmal mit donnernder Stimme und professioneller Zwerchfellstützung, „ewig werde ich mit Sicherheit nicht mehr leben!“ Dann sprang er auf, und bot dem Chefarzt mit galanter Verbeugung seinen Sessel an.

Seine letzten zehn Tagen verbrachte er im Bett, auf eigenen Wunsch in einem Vierbettzimmer. Er wollte bis zum Schluss unter Menschen sein.

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