Wirtschaft : Geb. 1930

Eberhard Mainka

Gregor Eisenhauer

Eberhard Mainka

Die Tochter war eine Prostituierte. Der Vater wusste nichts davon. Er glaubte, sie sei glücklich verheiratet mit jenem durchreisenden Herren, dem sie einfach in die große Stadt gefolgt war. Bis die ersten Gerüchte an das Ohr des alten Postmeisters drangen und er sich aufmachte in die Stadt, um sie zur Rede zu stellen und heimzuholen.

Aber dann kommt es doch ganz anders, als er gefürchtet hatte: Sie heiratet tatsächlich, auch noch den feinen Mann von damals. Und am nächsten Tag verlässt der Vater glücklich die Stadt – er wird so schnell nicht erfahren, dass sie ihm die Hochzeit nur vorspielt. Er wird sie auch nie wieder sehen, denn aus Verzweiflung über eine verlorene Liebe ertränkt sie sich.

Das war sein Lieblingsfilm, „Der Postmeister“ mit Heinrich George, mindestens zehn Mal hat er ihn gesehen und kaum seltener die gleichnamige Novelle von Puschkin gelesen. Eine seltsame Wahl für einen Pastor. Aber vielleicht war es nicht einmal die Handlung, die ihn so faszinierte, sondern das Bild des Postmeisters, der da in der russischen Steppe in seiner kleinen Station ausharrt, als würde eines Tages doch noch etwas geschehen, das ihn mit dem Leben versöhnt.

Neukölln, das sind statistisch gesehen 303341 Einwohner, darunter 64568 Ausländer aus 160 Nationen; mittleres Haushaltsnettoeinkommen 1300 Euro, 40208 Sozialhilfeempfänger. Neukölln, eine beliebige Straße, gesehen mit Kinderaugen: „Meine Straße heißt Saalestraße. Meine Straße ist dreckig, weil lauter Müll überall liegt. Die Straße ist lang. Sie geht in Richtung Sonnenallee und zu der Karl-Marx-Straße. Die Straße ist mir vertraut. Ich wohne nicht gerne dort. Ich würde lieber woanders wohnen. Es passieren viele Unfälle. Ich kann nicht sagen warum, vielleicht weil die Menschen nicht aufpassen. Die Autos, die S-Bahn und die Busse sind laut. Die Straße stinkt auch nach Hundescheiße und nach Abgasen. Einen anderen Namen sollte sie nicht haben, weil der Name schön ist. In der Nähe wohnen meine Freunde. Deshalb will ich eigentlich nicht sofort umziehen, weil sonst verliere ich meine Freunde. Das ist meine Meinung von der Straße.“

Die Eduard-Gemeinde in Neukölln, eine katholische Kolonie: 3500 Gemeindemitglieder. 150 regelmäßige Kirchgänger, siebzig Aktive. Eine kalte Kirche, grau, die alten Kirchenfenster wurden nach Kriegsende von den Amerikanern in Sicherheit gebracht, die Heiligenfiguren in den sechziger Jahren ersetzt durch gemäßigt moderne Skulpturen.

„Aber sagen Sie mal, Pfarrer Mainka, die Madonna hat große Füße. Sehr große Füße, und alt sieht sie aus, abgearbeitet. Das sieht doch nicht schön aus!“

„Soll ich euch mal was sagen: Maria hat gearbeitet, Wasser geholt, tagaus, tagein der Haushalt, und, und, und – was glaubt ihr, wie soll sie da aussehen? Wie ein Model?“

Eberhard Mainka war bodenständig. Ein großer gut aussehender Mann, der für sein Leben gern Ski fuhr. Manchmal auch wider besseren Rat einfach den Berg runter, bei Nacht und Nebel, und dann gegen den Felsen, Arm gebrochen.

Ein wenig stur, wie seine Mutter, die in Schlesien geblieben war nach dem Krieg, vier Jahre lang, der Mann noch immer in russischer Kriegsgefangenschaft, die Söhne in einem katholischen Internat in Fulda, aber sie blieb in Schlesien, weil sie das Haus für die Familie retten wollte.

Unbeirrbar. In allem. Aber kein verkniffener Talarträger. Akkordeon konnte er spielen, bis der ganze Gemeindesaal schunkelte. Dazu eine ordentliche Singstimme, Bariton, laut und gut, leicht herauszuhören aus jedem Chor. Aber im Herzen kein Sängerknabe.

Für Boxkämpfe ist er gern wach geblieben. Faire Sache, Mann gegen Mann, auf Augenhöhe mit dem Gegner. Aber er hatte keine Gegner, in seiner Gemeinde schon gar nicht – es kam ja kaum einer. Dabei war er ein Kanzeltalent, ein guter Prediger, aber wirklich voll wurde die Kirche nie. An Weihnachten vielleicht und an Ostern, da predigte er auch besonders eindrücklich, denn an die Wiederauferstehung Christi glaubte er felsenfest. Und an seine eigene auch. Was die Zukunft seiner Gemeinde anbelangte, war er nicht so optimistisch.

Weil das Geld fehlte, vorne und hinten, altes Mobiliar, kaum neue Bücher für die kleine Gemeindebibliothek. Aber Bücher wurden ohnehin kaum noch ausgeliehen

Auch zur Beichte erschien nur noch selten jemand. Dabei sind auch die Beichtstühle nicht mehr so antiquiert wie früher: Sicher, wer will, spricht durchs Gitter, unerkannt, aber er kann sich auch in einem kleinen Raum zusammen mit dem Pfarrer an den Tisch setzen und reden. Die alten Leute natürlich, die kamen, aber deren Sünden waren ja meist verjährt.

Der Diakon beichtete, und der Pfarrer wiederum vertraute sich dem Diakon an: Dass es Zeit wird für die Kirche, auch verheiratete Männer, die sich bewährt haben, zum Priester zu weihen. Denn Eberhard Mainka war allein im Alter. Nicht einsam, aber allein. Und vielleicht ein wenig mutlos.

Er mochte seine Kirche, stand zum Papst, hatte aber auch keine Berührungsängste mit den evangelischen Kollegen, deren Kirche in Sichtweite der seinen stand. Gemeinsame Ziele: Ökumene, Obdachlosenbetreuung. Jugendarbeit, aber auch da bewegte sich nicht viel. Was blieb, war die Routine der Seelsorge: Krankenkommunion, morgens um acht, dann um zehn Gottesdienst, außer Montags, jeden Tag, Krankenbesuch, Mittagstisch, Arbeitskreise. Dienstschluss 21 Uhr, aber man konnte ihn auch nachts anrufen, er wohnte ja direkt neben der Kirche.

Und auch nach der Pensionierung: Krankenbesuche. Tag für Tag. Immer unterwegs. Am liebsten mit dem Fahrrad. Obwohl er wusste, wie gefährlich das ist in dieser Stadt. Schutzengel sind rar. Selbst für Pastoren. Und einen LKW hätten auch sie nicht aufgehalten.

Bei seiner Beerdigung war die Kirche voll.

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