Wirtschaft : Geb. 1931

Theo Sindern

Judka Strittmatter

In der Berliner Society war er keine Größe. Verschwendern, Schwätzern, Aufgeblasenen blieb er fern.

Der große Theo. Mann mit dem Endlos-Optimismus und mit Macher-Willen. Am Ende weinte er, direkt vor seiner Frau. Kein Zusammenreißen, kein Verstecken mehr. Im Arbeitszimmer oder in der Garage.

Weil einem wie ihm so etwas nicht passieren darf, Tränen? Theo Sindern wollte nicht sterben, noch lange nicht. Ein Mann gegen den Krebs. Ein gutes, erfülltes Leben, mit Schnitzern und Blessuren im Privaten, weil nie alles gut läuft und jeder seine Macken hat. Ein Leben, beendet durch ein winzig-böses Zellgewucher, unsichtbar, gemein. Am Ende tödlich, meistens, da kann man noch so rütteln an der Hoffnung, sich klammern an das Leben.

Auch wenn es Aufwärts-Phasen gibt mitunter, der Kranke Pläne schmiedet, vom nächsten Urlaub, vom Skifahren in den Bergen. Anredet gegen die Ungläubigkeit der anderen, die bei ihm stehen, nicken und sagen: „Na klar, das wird schon wieder.“ Die sich umdrehen und heimlich heulen, weil sie alle wissen: Da wird nichts mehr.

Einer wie Theo, sagten die Leute über Theo Sindern, einer wie der stirbt nie. Einer wie ich, so sagte er oft selbst, wird hundert Jahre alt. Und hätte es nicht weiter aufwärts gehen können, wie all die Jahre zuvor? Die waren gut, erfolgreich. Der Mann, aus Recklinghausen stammend, wurde Unternehmer in der großen Stadt Berlin. Bald schon nannte man ihn „Farbenkönig“, manchmal auch den „Kleisterkönig“, die Firma „Wand & Boden“, jetzt nicht mehr existent, die war sein Kind. Für die gab er der Presse dann und wann ein Bild: Er, eine Teppichrolle unterm Arm, den Farbeimer am anderen. Und dichtete Verse auf ihr Wohl: „Wo Wand & Boden ist, ist immer vorne, wenn Wand & Boden mal nicht vorne ist, dann ist hinten vorne.“ 69 Filialen im ganzen Land, später auch in Polen, wo er selber lange lebte, mit Barbara, der zweiten Frau. Bei Warschau, im Wald.

So ein Mann marschiert durchs Leben, gleich von Beginn. Der kann Stillstand nicht leiden, verurteilt Jammerei – da geht er lieber lesen. Seine Bibel, immer und immer wieder: „Sorge dich nicht – lebe!“ von Dale Carnegie. Sein Jungbrunnen – Sport in jeder Form. Tennis bei Rot-Weiß. Aber nicht nur Volley oder Top Spin, auch hier muss Theo Sindern was zu sagen haben: als erster Vorsitzender vom „it-Club“. Da steht an: Förderung des internationalen Turniertennis in Berlin. Den Becker, Boris, damals 15 Jahre alt, verpflichtet er für Berlin, zum Zuschauen reist er in der Welt herum. Wimbledon, Monte Carlo, Flushing Meadow. Später, ab 60, kommt das Joggen noch dazu. Auch hier: bloß keine halben Sachen. Marathon. Zweimal ist Theo Sindern in Berlin gelaufen, einmal in New York. Schnell war er nie.

Und noch was war sehr wichtig, sagt die Tochter Stefanie. Die Domäne Dahlem. Landgut und Museum. Vorsitzender und Schatzmeister war er da. Doch was verband ihn mit der Landwirtschaft? Das, sagt die Tochter, war ein Kindheitsding. Die Evakuierung 1944, aufs Land, zum Bauern. Die Freiheit da, davon sprach er immer wieder, die anderen Menschen da, die mochte er. Kriegsgefangene. Alex aus Polen, Emile aus Belgien, Marika aus der Ukraine. Der Domäne kam diese Sentimentalität zugute.

Und Theo Sindern bekam für all das, was er tat, einen Orden: das Bundesverdienstkreuz am Bande. Doch Renommieren war ihm völlig fremd. In der Berliner Society war er keine Größe, Verschwendern, Schwätzern, Aufgeblasenen blieb er fern. Für die Freunde seiner Töchter war er „Theo“, gleich von Anfang an, die akzeptierten ihn sogar am Tisch, wenn Jugendrunde war.

Nun war auch Theo Sindern nur ein Mensch, das mit der Scheidung, sagt die Tochter, war nicht fein, zumindestens am Anfang. Einfach so wegzugehen, zu Barbara, der Polin, 27 Jahre jünger, 1989. Heute sitzen sie zusammen, zwei Frauen, zwei Töchter, und reden über ihn. Die gute Nähe zwischen ihnen, die dauerte, die haben sie sich selbst geschaffen, Schritt für Schritt. Solche Dinge fielen Theo Sindern schwer. Das war dann allzu menschlich und zu kompliziert. Dennoch: Sie alle werden an ihn denken. Und je nach Liebesgrad vermissen. So ein Vater, sagt die Tochter, ist manchmal eine rechte Last. Na klar, wenn alle immer sagen: „Ist der toll!“

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