Wirtschaft : Geb. 1931

Klaus Reh

Kirsten Wenzel

Wie der Vater wollte er nicht sein. Nicht so anständig, dass andere doof dazu sagen.

Er wollte die Tasche immer schon wegwerfen. Braun und dick stand sie im Weg, und drinnen steckten unnütze Papiere. Vergilbte Besitzurkunden für ein Haus in der DDR, auf der Insel Werder. Aber seine Frau, die er „Teufel“ nannte, sagte: Warte, für die Tasche finde ich ein Plätzchen im Keller.

Viele Jahre später, 1996, bekam das Ehepaar Reh das kleine Fischerhaus direkt an der Havel, mit einem aufgebockten Boot im Vorgarten und einem Wetterhahn auf dem Zaun. Die Rehs, die ihr Leben lang in Berlin gewohnt hatten, echte Steglitzer, deren Revier die Schlossstraße war, der Ku’damm und das KaDeWe. Jetzt wohnten sie plötzlich auf dem Land, dort, wo Klaus Reh als Kind bei den Großeltern seine Ferien verbracht hatte.

Der Reh war ein Draufgänger, so viel war klar. Der ließ sich nichts gefallen und nichts wegnehmen. Nicht so wie sein Vater, der die Kompaniekasse nach dem Krieg so lang gehütet hatte, bis nach der Währungsreform die Reichsmarkscheinen nichts mehr wert waren. Die eigene Familie ließ er inzwischen hungern. Nein, so wollte Klaus Reh nicht sein, nicht so anständig, dass andere doof dazu sagen. Wenn er beim Oktoberfest angerempelt wurde, brüllte er: „Idiot!“, er schlug auch mal zurück, eine zünftige Saalschlacht, warum denn nicht? Das gehört zum Leben.

An einem Junitag im Jahr 1956 betrat er die Wäscherei in der Birkbuschstraße in Lichterfelde. Reh hatte wieder mal die Nacht durchgefeiert und schaute tief in die Augen des jungen Mädchens hinter dem Tresen. Am Abend gingen sie aus, der Kfz-Meister und das Fräulein aus der chemischen Reinigung.

Er war leidenschaftlich, er stritt gern, er provozierte, er wurde laut. Als es ihr einmal zu bunt wurde, fuhr sie nach Los Angeles zu ihrer Schwester und belegte Pizzas. Er schrieb ihr jeden Tag, schraubte Autos, und sparte seinen Lohn. Nach einem dreiviertel Jahr hatte er das Geld für ihre Rückfahrt zusammen, das hatte sie ihm zur Bedingung gemacht. Mit der Queen Elisabeth kam sie angereist, und danach wurde geheiratet.

Er wurde „Zoneningenieur“ für Ford in Bayern, entschied über Garantieansprüche, beriet die Händler, stieg in guten Hotels ab, trug gebügelte Anzüge, fuhr dicke Autos. „Teufel“ wohnte in Berlin, inzwischen mit Sohn, und der sagte irgendwann bei einem Wochenendbesuch freundlich: „Hallo Onkel“. Das reichte. Der Herr Ingenieur kam zurück, zog den Anzug aus und begann, Hosen zu bügeln. Die Rehs eröffneten ihre eigene chemische Reinigung. „Exquisit“ in Mariendorf, wo selbst das Jackeninnenfutter noch per Hand gebügelt wurde. Sie stand am Detachiertisch, hatte in ihrer Sprühpistole für jedes Malheur die passende Substanz. Er hob den Arm der Hosenpresse hoch und runter, reparierte die Dampfmaschine im Keller und errechnete den Monatsabschluss. Aus der Wochenendbeziehung wurde eine 24-Stunden-Ehe, mit Arbeit von morgens um acht bis abends um sieben. Und mit 60 Grad in der Waschstube, wenn zu dem Dampf die Augusthitze kam.

„Reinigung, das ist gleich unter Scherenschleifer“, sagte der Reh und wollte damit sagen: Dumm, wer freiwillig so harte Arbeit macht. Über 20 Jahre Maloche: die Knöpfe einzeln zum Schutz in Silberfolie einwickeln, die Jackets auf die heiße Dämpfpuppe ziehen, und der Sohn fuhr mit seinem Fahrrad die Wäschepakete aus. In den siebziger Jahren konnte man noch ordentlich verdienen mit so einem Laden, die Männer trugen noch Anzüge im Büro, die Frauen gestärkte Blusen. Zeitweise hatten die Rehs fünf Angestellte – zum Schluss, standen sie mit einer Aushilfe in ihrem Laden.

1995, Zeit aufzuhören und sich an die Tasche zu erinnern, in der jetzt ein Lebenstraum steckte. Ausruhen vom Schuften im gemeinsamen Idyll. Doch auch das musste erst mal geschaffen werden: entkernen, Heizung installieren, neue Fußböden, das Treppenhaus, die Fassade. Klar machten sie das alles mit den eigenen Händen. Sie kannten es nicht anders. Und als das Haus dann fertig war, mit der neuen Küche und dem gelben Sammelgeschirr, da starb sie. Und er war allein.

Warum soll ich jetzt noch aufstehen, fragte er. Warum mich rasieren? Was soll ich allein zu Haus? Und was soll ich draußen? In diesem Dorf, wo ich ein Zugereister bin. Und ein Ausflug ohne sie nach Berlin? Er war nur mit ihr komplett. Zum Beispiel beim Autofahren. Er konnte den Kopf schon seit Jahren nicht mehr nach rechts und links drehen, sie sagte, wenn frei war. Sie sollte häkeln und er Uhren reparieren, so hatte er sich das letzte Kapitel Leben vorgestellt. Und abends die gemeinsame Zigarette im Bett. Jetzt saß er jeden Tag neben dem Grabstein, zündete sich eine an, zog dreimal und legte die brennende Kippe auf die Erde. Für sie.

In der Museumsgaststätte „Kuddeldaddeldu“ hatte er einen Ehrenplatz. Die Wirtsleute hatten den Mann hereingewinkt, der gebückt und verloren den Uferweg entlanglief. Er blieb, und manchmal legte er Schellackplatten auf, Altberliner Swing von Bully Buland. Das war schön, erinnerte an früher, aber das Gefühl der Sinnlosigkeit vertrieb es nicht, die Lebensenergie war verbraucht. Jetzt liegt Klaus Reh wieder neben seiner Frau. Auf dem alten Kirchfriedhof der Insel Werder.

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