Wirtschaft : Geb. 1931

Gerd Steinmöller

Rainer W. During

Die Spandauer Laube – ein Einfallstor feindlicher Agenten? Die Geheimdienste beobachteten sein Treiben.

Nie wieder werden Männer vom Wolga- und vom Havelstrand in der Laube in Bocksfelde mit Tränen in den Augen Bruderküsse austauschen und nach dem zehnten „Nasdarowje“ gemeinsam Kalinka und andere Damen besingen. Der Besitzer der Datscha unweit der Scharfen Lanke, die einst als Zentrum kultureller Geheimdiplomatie die Aufmerksamkeit der Spionageabwehr erregte, lebt nicht mehr. Gerd Steinmöllers Tod hat niemand, der ihn kannte, wahrhaben wollen. So viel hatte sich der Spandauer Unruhegeist noch vorgenommen.

Steini, wie ihn viele nannten, mochte keine halben Sachen. Als Kunstamtsleiter holte er Dali, Rembrandt und Picasso nicht nach Berlin – nein, nach Spandau, er machte die historische Zitadelle zum internationalen Kulturzentrum. Doch legendär war seine Geheimpolitik in Richtung Osten, die Mitte der achtziger Jahre noch höchste Stellen in Aufregung versetzte. Durch den vom frischen Wind der Perestroika bewegten Eisernen Vorhang hindurch knüpfte der Spandauer geheimnisvolle Kontakte in die Sowjetunion. Wie – das hat selbst sein damaliger Volksbildungsstadtrat Sigurd Hauff nie erfahren. Er denkt, das sei vielleicht auch besser so. Zu bremsen wäre Steinmöller, der als gelernter Klavierstimmer stets auf leise Töne setzte, ohnehin nicht gewesen. „Erforderliche Gespräche verliefen nicht immer so wie geplant“, umschreibt Spandaus Bürgermeister die Versuche einer Einflussnahme.

Ob es die Russen waren, die sich an Steinmöller gewandt haben, oder ob der einfach mal im Historischen Museum am Roten Platz vorgesprochen hat, das blieb sein Geheimnis. Eines Abends bei einer Flasche Rotwein offenbarte der Kulturdiplomat seinem verblüfften Chef, dass die Russen bereit seien, Schätze aus ihren Museen für eine Geschichtsausstellung auf der Zitadelle – die erste ihrer Art im Westen – zur Verfügung zu stellen. Das war der Anfang. Bei den Verhandlungen erwies es sich als Vorteil, dass Steinmöller die russische Seele bis zum letzten Wodkatropfen verstand. Und er befolgte den Rat, den ihm einst ein Wiener Minister mit auf den Weg an die Moskwa gegeben hatte: Gelegentlich werden dort Verträge unter statt auf dem Tisch gemacht.

Wie hochkarätig seine Verbindungen gewesen sein müssen, wurde deutlich, als Steinmöller zwei Jahrzehnte später enthüllte, wer 1986 der erste russische Gast auf seiner Datscha war: Der kräftige Herr mit den dunklen Haaren hieß Wassili Smirnoff, war Gorbatschows Chefdolmetscher und hatte auch schon unter Breschnjew die Moskauer Verträge übersetzt.

Dass seine Kontakte an den Alliierten und an der Senatskanzlei vorbeiliefen, schien Steinmöller größtes Vergnügen zu bereiten. Nicht wenige beobachteten seine außenpolitischen Alleingänge mit zunehmendem Argwohn. Denn schnell war die Laube zum Stammdomizil russischer Kulturschaffender und Diplomaten geworden. Logisch, dass sich irgendwann auch die Geheimdienste für die Sache interessierten. Diente Spandau als Einfallstor feindlicher Agenten?

So fragte man sich bei der Spionageabwehr, was es mit der russische Vorliebe für deutsches Flugvieh auf sich habe. Ein Anrufer aus Moskau fragte mal bei der Terminvereinbarung, wann die Gänse wieder in Bocksfelde landen würden – und da vermuteten die Mithörer der längst angezapften Leitung einen Agentencode. Zwei auffällig unauffällige Herren besuchten Steinmöller und ließen sich überzeugen, dass sein Treiben doch eher der Völkerverständigung diente.

Eberhard Diepgen, so eine weitere Anekdote, die Steinmöller gern erzählte, soll etwas verwundert gewesen sein, als sich ein russischer UN-Sonderbotschafter vom Termin beim Regierenden Bürgermeisters vorzeitig verabschiedete mit dem Hinweis, er wolle vor dem Weiterflug nach New York noch schnell in der Bocksfelder Laube vorbeischauen.

Nach seiner Pensionierung kümmerte sich Gerd Steinmöller, der stets vorgab, keinen Stress zu kennen, weiter um sein Kulturforum, und er baute neue Kontakte nach Wolgograd auf, die nun bei niemandem mehr Argwohn auslösten. Manchmal schien es, als habe der verheiratete Vater dreier Töchter selbst den Lauf der Zeit beeinflussen können. Ihm ist es mit Hilfe neuer Urkunden gelungen, innerhalb von nur 15 Jahren sowohl das 750. als auch das 800. Jubiläum von Spandau nachzuweisen. Er organisierte beide Feiern.

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