Wirtschaft : Geb. 1931

Käthe Christel Weber

Juris Lempfert

Käthe Christel Weber

Die Knochen in ihren Beinen wurden von Schrauben zusammengehalten, der Trümmerbruch war noch nicht ganz geheilt. Aber Käthe Weber saß am griechischen Mittelmeerstrand, und ihre Familie hat sie selten so strahlen sehen.

Jahrelang hatte die zierliche Frau von einem Strandurlaub geträumt, aber der Rest der Familie wollte in die Berge fahren. Also ist sie dorthin mitgekommen. Nach dem Sturz von der Kellertreppe und dem komplizierten Beinbruch war aber Schluss mit der Kletterei. Jetzt endlich gab die Familie nach.

Käthe Weber fügte sich stets ihrem Schicksal, versuchte, wann immer es ging, die Dinge positiv zu sehen – und wurde dabei immer wieder hart auf die Probe gestellt. Mit 16 wollte sie unbedingt Krankenschwester werden, aber ihre Mutter war dagegen. So ein harter Job sei nichts für das junge Mädchen. Mit 18 wollte sie eine Familie gründen, aber ihr Freund ließ sie mit Kind und ohne Geld sitzen. Mit ihrem zweiten Mann wollte sie zusammenziehen, aber für eine richtige Wohnung reichte das Geld nicht. Also hausten sie jahrelang in einem kleinen Betonkeller in Kreuzberg. Im Winter war der Betonboden gefroren, nach Regengüssen stand das Wasser zentimeterhoch. Die zweijährige Tochter starb in der klammen Kälte an einer Lungenentzündung. Darüber ist Käthe Weber nie richtig hinweggekommen.

Als sie 36 war, ereilte sie endlich einmal das kleine Glück. Mit ihrem Mann zog sie nach Spandau; da hatte er einen neuen Job, und die beiden konnten sich eine kleine Plattenbauwohnung leisten. Und ganz in der Nähe fand Käthe Weber eine Stelle beim Arbeiter-Samariter-Bund als Stationshilfe in der Pflegeabteilung. Da war sie doch noch ganz nah dran an ihrem Traum von der Arbeit als Krankenschwester. Und sie machte ihre Arbeit gut. Wenn die geistig Behinderten in dem Heim sich verletzten, wenn einer zum Beispiel mal ein Besteckteil runterschluckte, dann blieb sie ganz ruhig und holte Hilfe. Bei so etwas vor Schreck erstarren? Dazu hatte Käthe Weber zu viel erlebt.

Den Tod ihrer Tochter versuchte sie, auf ihre Art zu verarbeiten. Sie hat sich umso mehr um ihre anderen Kinder gekümmert. Sie kochte ihnen jedes Essen, das sie mochten, sie strickte ihnen Pullover mit den aufwändigsten Mustern. In den Winterferien war sie es, die die Schneeballschlachten begann, in jeden Bach hielt sie ihre Füße, ihre Schuhe ließ sie schwimmen – Hauptsache, den Kindern gefiel das.

Käthe Weber war keine, die ins Theater oder in die Oper ging – lieber besuchte sie mit der Familie die Grüne Woche. Und als die Kinder schließlich aus dem Haus waren, da legte sie sich eine noch größere Familie zu: Mehr als 70 Puppen bevölkern noch heute die Regale der kleinen Wohnung, die größten einen halben Meter hoch. Wenn beim Fernseh-Verkaufskanal neue Modelle präsentiert wurden, verbrachte Käthe Weber Stunden vor dem Fernseher. Sie bestellte aber nur die guten Puppen, die mit Zertifikat. Sie lebten schließlich mit im Haus, in jedem Zimmer, in jeder Ecke. Doch die schönsten Tage waren doch jene, an denen die richtige Familie zusammenkam, die aus Fleisch und Blut. Zur Silbernen Hochzeit zum Beispiel. Zur Goldenen im August sollten auch alle kommen.

67 Jahre war sie alt, als der Arzt Brustkrebs feststellte, vier Jahre später wuchs ein Tumor in der Hüfte, im vergangenen Herbst kam der Knochenkrebs dazu. Käthe Weber begann, Bücher zu lesen. Eines hieß: „Sorge Dich nicht, lebe!“ Aber das war ohnehin ihr Lebensmotto. Obwohl sie am Ende kaum noch aus der Wohnung ging, kaufte sie sich noch einen Marlene-Dietrich-Anzug mit breitem Schlag. Zur Goldenen Hochzeit wollte sie sich für die Familie noch einmal fein machen. Ihre Schmerzen waren da schon sehr stark, manchmal sagte sie: „Jetzt will ich sterben.“ Aber dann setzte sich ihre Tochter an den Bettrand, und sie sprachen über das Fest. Da begannen die Augen der Mutter zu leuchten – „Das will ich noch erleben“.

Kurz vor ihrem 73. Geburtstag und acht Monate vor der Goldenen Hochzeit starb Käthe Weber. Da hatte sie ganz für sich die Goldene Hochzeit längst gefeiert: In Gedanken hatte sie sich ausgemalt, wie es sein würde, wer alles kommen, wer wo sitzen, was es zu essen geben sollte.

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