Wirtschaft : Geb. 1933

Hanno Kremer

Kerstin Decker

Hanno Kremer

Im Frühjahr 1950 kam ein junger Bayer nach Berlin, um Journalist zu werden. „Zeitungswissenschaft“ an der Freien Universität wollte er studieren. Der Assistent des Professors besah den Bajuwaren, der nicht klein und bäuerisch-gedrungen war, sondern feingliedrig, groß und schmal, und fragte ihn, welche der Künste denn wohl die höchste sei. Heute will man von späteren Außenpolitik-Redakteuren ganz andere Dinge wissen.

Nun hätte Hanno Kremer „Die Dichtung!“ rufen müssen, schließlich schrieb er selbst Geschichten, vorsichtshalber unter dem Pseudonym Marie Jordan. Frauen gegenüber ist man viel nachsichtiger. Und sein Vater, der Kunstmaler, der sehr viel gelesen hatte, vor allem Hamsun, schrieb schließlich auch. Wenn er als kleiner Junge ins Bett gegangen war, fing sein Vater mit dem Schreiben an. Einer der väterlichen Romane hieß „Marsch durch die grauen Tage“, später in „Gottes Rune“ umbenannt. Das lag am Geist der Zeit. Seine Mutter aber war Bildhauerin, eine Tätigkeit, nach deren Analogie Aristoteles einst fast seine ganze Philosophie gebildet hatte. Den Kopf des kleinen Hanno hatte sie aus Stein geformt. Zu den Olympischen Spielen 1936 meißelte die Mutter eine Gruppe mit vier Stafettenläufern. Das lag ebenfalls am Geist der Zeit. Bildhauerei also, die höchste aller Künste? Unmöglich. Zu viel Stoff. Also nannte Hanno Kremer kurz entschlossen: Die Musik! Die unstofflichste von allen Künsten. So stand es auch bei dem Kunsthistoriker Pinder, den Hanno Kremer aus dem Bücherschrank seines Vaters kannte. Der Assistent des Professors zeigte sich augenblicklich von der journalistischen Eignung seines Kandidaten überzeugt, denn er selbst war ein Pinder-Schüler.

So hatten der Vater und sein Bücherschrank Hanno Kremer die Tür geöffnet, die er nie wieder zuschlagen würde. Und wegen seines Vaters war er hier. Denn Hanno Kremer musste herausfinden, wie man im Gartenhaus eines kleinen Schlosses am Starnberger See als Kind so glücklich gewesen sein konnte, ohne je eine Spur des großen Unglücks draußen zu bemerken. Er musste erklären, wie es möglich war, einen Vater zu lieben, der bald nach Beendigung des Romans „Gottes Rune“ Hauptstellenleiter in Goebbels Reichspropagandaleitung in Berlin wurde. Ja, Berlin war der richtige Ort für ihn.

1959 fing Hanno Kremer beim Rias an, zuerst nur, um hier in Ruhe seine historische Dissertation zu Ende zu schreiben. Nun taugen Rundfunkhäuser höchstens frühmorgens um sechs als Orte akademischer Kontemplation, und Hanno Kremer wurde wie nebenbei Journalist, lange bevor er wusste, dass seine Dissertation ein ewiges Fragment bleiben würde. Warum eigentlich bloß einmal im Leben Forscher sein? Ein Journalist ist doch auch ein lebenslanger Forscher.

Ein Aufklärer war er, aber einer nach der Maxime: Selbstaufklärung geht vor Fremdaufklärung. Er misstraute denen, die die Menschheit unaufhörlich warnen, weil sie selbst einmal eine Gefahr übersehen haben. Er war einfach keiner, der auf ein Extrem mit einem anderen Extrem reagierte. Soll ich wirklich zum Rias gehen?, fragte sich Hanno Kremer 1958. Denn zum Kommunistenfresser hatte er ja auch kein Talent. Alles eine Frage der Tischsitten, beschloss Kremer, es kommt immer auf das Besteck an. Und Kremer ging zum Rias. Er nahm dort Platz, wo andere überhaupt keine Sitzgelegenheit vermuten: zwischen allen Stühlen. Der langjährige Leiter der Abteilung Außenpolitik und Ostpolitik schätzte den Vorzug solcher Polster, denn man kann nie darauf sitzen bleiben, man muss sie jedesmal neu herstellen. Von Kommentar zu Kommentar, von Sendung zu Sendung. Und wer zwischen den Stühlen sitzt, braucht auch einen weiten Blick dafür, was für Stühle es überhaupt gibt. Natürlich waren da Kollegen, die nicht verstanden, seit wann Thomas Mann etwa zur Außenpolitik gehört. Und Kremer liebte Thomas Mann. Außerdem wusste er, dass es nichts gibt, das nicht doch irgendwie zur Außen- und Ostpolitik gehört. Kabarett im Rundfunk machte Kremer auch.

Ein Leben für die Außen- und die Ostpolitik. Zwischen Schreibtisch und Mikrofon. Man könnte ein solches Dasein für ereignisarm halten. Fast vierzig Jahre im selben Rundfunkhaus, in derselben Abteilung. Aber Hanno Kremer war zufrieden so. Vielleicht hätte er die neuen Flexiblen für Fliehende gehalten.

Vielleicht gibt es Journalisten wie Hanno Kremer bald nicht mehr. Und nicht nur, weil er als junger Mann eine Redaktion betrat, um sie als alter Mann wieder zu verlassen. Nicht nur, weil er bei Mitarbeitern den nicht ganz falschen Eindruck erweckte, er sei allwissend. Vor allem weil er eines war – leise. Zurückhaltend und leise. Mit solchen Qualifikationen könnte man heute Bäcker werden. Oder Maler. Maler war Kremer auch. Ein Freund sagt, er war ein Mensch mit einem Vordergrund und einem Hintergrund. Als ob das etwas Besonderes ist. Warum sollen denn die Vordergründigen keine Hintergründe haben? Aber vielleicht meinte er etwas anderes. Dass Hanno Kremer beides nie durcheinander brachte.

Im Frühjahr 2000 musste er sich operieren lassen. Er hatte dazu vor allem eine Frage: Wie lange dauert das? Hanno Kremer bereitete gerade eine Sendung über den Koreakrieg vor, fünfzig Jahre danach. Er hatte eigentlich keine Zeit für Ablenkungen. Der Arzt nannte eine beruhigend kurze Zeit. Als Hanno Kremer auf der Intensivstation aufwachte, überprüfte er seine journalistische Einsatzfähigkeit. Er sah nichts, die Brille war weg; er konnte auch nicht sprechen. Sie hatten ihn am Kiefer operiert. Sein Körper war verkabelt wie ein Computer. Im Augenblick war er also ein miserabler Journalist. Und Hanno Kremer hatte nur einen Gedanken: Was wird aus dem Koreakrieg vor fünfzig Jahren? Das hier könnte länger dauern.

Den Krebs besiegte Hanno Kremer nicht mehr. Aber er bewies, dass auch Menschen, die künstlich ernährt werden, hervorragende Ski-Abfahrtsläufer sein können. Er stand wieder auf der Piste wie der Junge aus Bayern, bevor er nach Berlin ging. Und war um keinen Tag älter. Die letzten Sätze, die Kremer schrieb, handelten nicht mehr von Politik, sondern wieder von der Musik. Nicht nur, weil sie die höchste der Künste ist, sondern weil sie wie ein säkularer Gottesbeweis ist. Weil Hanno Kremer wusste, wenn er Musik hörte, dass niemand wirklich verloren gehen kann.

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