Wirtschaft : Geb. 1934

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Die DDR verließ der überzeugte Sozialist als verurteilter Spion. In Westberlin wurde er Trotzkist. Die Geschichte wusste es besser.

Neun Jahre Zuchthaus, fünf Jahre Sühnemaßnahmen". So kann ein Leben anfangen. Rolf Rost war noch keine zwanzig Jahre alt, als er im Sommer 1954 von der Stasi verhaftet und wegen Spionage und Vorbereitung des Sturzes der DDR-Regierung verurteilt wurde.

Dabei hatte der junge Buchdrucker und Sohn eines SED-Mitglieds nichts gegen den Sozialismus. Im Gegenteil, er glaubte an die historische Mission der Arbeiterklasse. Doch wenn Rost die Ansprüche des gerade gegründeten Staates mit der DDR-Realität verglich, schnitt die Wirklichkeit zu schlecht ab, um es einfach auf sich beruhen zu lassen.

Anders als viele Jugendliche, die in der Zeit für ein paar wütende Worte gegen die Russen oder eine versteckte Waffe aus Kriegszeiten eingesperrt wurden, hatte die DDR mit ihm einen echten Gegner erwischt. „Spionage und Vorbereitung des Sturzes der DDR-Regierung“ warf sie ihm vor, und tatsächlich hatte er bereits Anfang der 50-er Jahre begonnen, in Leipzig ein konspiratives Netz von jugendlichen Widerstandsgruppen aufzubauen. Dazu gehörten auch Kontakte nach Westberlin, zu der Jugendorganisation der SPD, den „Falken“, die er über die Arbeit der „FDJ“ informierte. Politische Kooperationen dieser Art waren in der DDR nicht erwünscht, und Rost wusste, was er tat. Er sah die DDR genauso kritisch wie die kapitalistische Bundesrepublik. Er verstand sich als Sozialdemokrat. In den 50-er Jahren glaubten viele Sozialdemokraten noch an einen dritten, einen demokatisch-sozialistischen Weg, jenseits der Konfrontation zwischen Ost und West. So wie Rolf Rost.

Also Gefängnis. Waldheim bei Leipzig. Nach zwei Jahren ließ man ihn frei. Rost floh 1957 nach Westberlin. Nach Schöneberg zu den „Falken“ und der SPD. Die „Falken“ veranstalteten damals in den Sommerferien riesige Zeltlager für die Berliner Kinder und Jugendlichen. Für Urlaubsreisen hatten die Familien noch kein Geld. Manchmal waren es 3000 junge Menschen, die gemeinsam nach Holland oder nach Norwegen fuhren, um dort am Lagerfeuer zu singen, Lesungen von Enzensberger zu hören oder mit den örtlichen Funktionären über „Norwegens Weg zum Sozialismus“ zu diskutieren.

Vor jedem Zelt stand ein Tisch, zu jedem Zelt gehörte ein Leiter. Die Zelte wiederum waren in „Dörfer“ zusammengefasst, die die n der Berliner Bezirke trugen. Rolf Rost war der „Bürgermeister“ des „Schöneberger Dorfes“. Schöneberg galt als besonders „rot“ und der stets etwas mürrisch dreinblickende Rost als politische Autorität. Er war jetzt „Trotzkist“, und das bedeutete, dass er den Ostblock-Sozialismus als „undemokratisch und bürokratisch entartet“ kritisierte, und dass er an die „permanente Revolution“ glaubte, die sich nicht in einem Land, sondern nur weltweit realisieren ließe.

Die Trotzkisten, das war so etwas wie ein international organisierter Geheimbund. Sie gehörten zum großen Ganzen und waren doch etwas Besonderes. Die „Avantgarde der Avantgarde“. Sie schlossen sich den großen Arbeiterparteien und Gewerkschaften an, um darin als „Ferment“ zu wirken, hielten aber kritische Distanz. Ein revolutionärer Kern mit dem besonderen Durchblick, der in der richtigen Situation zum ausschlaggebenden Faktor der Geschichte werden könnte. Soweit die Theorie.

Wo der Trotzkist Rolf Rost hinblickte, entdeckte er revolutionäre Prozesse, die es anzufeuern galt. Die Arbeiteraufstände in Ungarn, den Generalstreik 1968 in Frankreich, die Revolutionen in Algerien und Kuba. Er wirkte inspirierend, er konnte gut argumentieren. Seine Frau verliebte sich im Sommercamp in den selbstbewussten Agitator.

Doch die Bedingungen für seine politische Arbeit in Deutschland verschlechtern sich zusehens. Als die SPD 1959 in Bad Godesberg ein großes Stück nach rechts rückte, standen Rost und die Trotzkisten plötzlich nicht mehr im heimlichen Zentrum der Massenbewegungen, sondern ziemlich allein da.

Zu Hause in Berlin arbeitete er als Schaffner bei der BVG. Er lief durch den Bus, verkaufte Fahrscheine und rief die Haltestellen aus. Später arbeitete er wieder in einer Druckerei, als Hilfsarbeiter im Schichtdienst. Seine politische Gruppe hieß Spartacus. Spartacus mit C, nicht mit K, wie die gleichnamige verfeindete Gruppe, die zur DKP gehörte. Als er sich ein Bein brach, ging er auf Krücken zur Demonstration gegen den Vietnamkrieg. Ein schlaksiger Mann im geringelten Rollkragenpullover, mit geballter Faust und langem Seitenscheitel, so ist er auf einem Foto zu sehen.

1968 trat Rolf Rost endgültig aus der SPD aus. Irgendwann war die Einsicht nicht mehr abzuwenden, dass die alte Arbeiterbewegung an ihr Ende gelangt war. Dass die Weltrevolution inzwischen als Hirngespinst belächelt wurde, diese Einsicht traf ihn vermutlich härter als die Hafterfahrung in jungen Jahren. Aus dem Aktivisten wurde ein politischer Beobachter, der viel las und halbe Theaterstücke aus dem Kopf aufsagen konnte, der mit den Jahren älter und kranker wurde und sich immer wieder fragte, ob und wann das Ruder der Weltgeschichte wieder einmal in die andere Richtung umschlagen könnte – vielleicht ohne den Allwissenheitsanspruch der Vergangenheit.

Aber obwohl er bis zum Schluss jeden Morgen fünf Zeitungen las, fand er keine Antwort darauf.Kirstin Wenzel

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