Wirtschaft : Geb. 1934

Michael Fiedler

Kerstin Decker

Von Beruf war er Kreuzberger. Wenn er in den neuen „Watergate“-Club wollte, sagte er: Ich wohne hier! Ich bin schon viel länger hier als ihr.

Der Stadt- und Regionalplaner Ümit Bayam sitzt an dem großen Tisch in seinem „Stadtteilausschuss Kreuzberg“-Büro und wartet. Dabei weiß er genau, dass Michael Fiedler nicht mehr kommt. Er selbst hat die Nachricht ins Fenster gehängt, vor der jetzt so viele stehen bleiben: „In tiefer Trauer um Michael Fiedler…“ Ein Foto ist darunter, das Foto, das er eben noch von ihm gemacht hatte mit der neuen Kamera. Das Foto, das er an dem Tag, als Michael Fiedler starb und er es noch nicht wusste, auf das Deckblatt seines „Jahresberichts 2002“ geklebt hatte. Neben ein Bild der Oberbaumbrücke und eines der Oranienstraße, direkt in die Mitte. Fiedler, die Mitte von Kreuzberg. Stimmt genau, dachte Ümit Bayam und war sehr zufrieden mit sich. Nein, er wartet nicht mehr. Aber müsste nicht gleich die Tür aufgehen mit diesem Michael-Fiedler-Knarrton? Ümit Bayam brauchte sich nie umzudrehen. Er hörte es, wenn Michael Fiedler kam.

Und er kam jeden Tag. Bayam hatte gerade seinen Arbeitsvertrag als Stadtplaner unterschrieben, sah auf den alten, aufgegebenen „Jugendzweirad-Laden“ in der Skalitzer Straße und dachte: Das hier wird also mein Büro! Als plötzlich so ein Zwei-Meter-Mann neben ihm stand, ihn herausfordernd ansah und fragte: Kommst Du da rein? – Wer will das wissen?, fragte Ümit Bayam zurück. – Michael Fiedler zögerte kurz. Dass man nicht weiß, wer er ist, war er nicht gewohnt. – Michael, sagte er trotzdem, ich wohne hier. Er hätte auch sagen können: Ich bin hier verantwortlich. Denn wenn einer irgendwo wohnt, ist er dann nicht auch verantwortlich?

So lernte der Stadtteilplaner Ümit Bayam den früheren Stadtteilausschussmitarbeiter und SO-36er Michael Fiedler kennen. Seit diesem Tage sagte Ümit Bayam zu Michael Fiedler, den alle nur „Micha“ nannten, „Herr Fiedler“. Denn für Menschen, die man sehr mag, braucht man besondere Namen. Also „Herr Fiedler“. Darauf wäre kein anderer gekommen. Und wenn „Herr Fiedler“ ging, sagte der, ehe er auf Fiedler-Weise mit der Tür knarrte, zu Ümit: „Salü mit ü!“ Denn es heißt ja auch Ümit und nicht Umit.

Ab sofort hatte der Stadtteilausschuss Kreuzberg einen offiziellen Mitarbeiter und einen inoffiziellen. Denn jeden Tag sagte Herr Fiedler Ümit mit ü etwas, was dieser unbedingt wissen musste. Er brachte ihm Bücher und Zeitungsausschnitte, die er unbedingt lesen musste. Oder Selbstgeschriebenes: „Bau und Geschichte des ehemaligen ,Block 129’ am ehemaligen Görlitzer Bahnhof. Ein Annäherungsversuch.“ Sechs Seiten.

Und wenn Ümit Bayam für Schüler oder Studenten eine Stadtteilführung machte, dann nahm er seinen Assistenten mit, das lebendige Gedächtnis Kreuzbergs. Wenn der Stadtteilplaner beiläufig Gewerbetreibende in der Dresdner Straße erwähnte, die es auch nicht gerade leicht haben, dann konnte es passieren, dass sein inoffizieller Mitarbeiter am nächsten Tag mit einem Plakat in seinem Büro stand. Auf dem Plakat waren Gewerbetreibende aus der Dresdner Straße zu sehen, die es auch nicht gerade leicht hatten. Darunter stand die Adresse einer Betroffenenvertretung. Das Plakat war aus den siebziger Jahren.

Nicht dass Michael Fiedler wie Ümit Bayam Stadtplanung studiert hätte. Der Waisenjunge aus Freiburg im Breisgau hat mal Tischler gelernt, aber hauptberuflich wurde Michael Fiedler Kreuzberger. Und steht Kreuzberg nicht in direkter Verbindung zum Universum? Jedenfalls Michael Fiedler stand in direkter Verbindung zum Universum, davon ist Ümit Bayam überzeugt. Und das ist ansteckend. Ümit Bayam hätte nie gedacht, dass er sich mal für die Weimarer Republik oder Hermann Hesses „Emil Sinclair“ interessieren würde. Und was hat jemand, dessen Familie aus einem kleinen Dorf in der Türkei kommt, eigentlich mit Lessings „Emilia Galotti“ zu tun? Natürlich nichts, dachte Ümit Bayam in der Schule. Alles!, denkt er, seit er Michael Fiedler kannte.

Manchmal saßen türkische Kopftuchmädchen in Ümit Bayams Büro und Michael Fiedler, der zwar kein Kopftuch, aber dafür die Michael-Fiedler-Baskenmütze trug, die er auch nie abnahm, hielt ihnen einen Vortrag über die Entwicklung des Görlitzer Parks aus dem Geist des Kreuzberger Universalismus. Worauf Kreuzberger Lehrer wiederum einen Schulaufsatz türkischer Mädchen über den Görlitzer Park aus dem Geist Michael Fiedlers sowie des Kreuzberger Universalismus lasen. Und weil ein Kreuzberger Universalist überall zu Hause ist, kann er auch Dia-Vorträge über Pamukkale halten, ohne je da gewesen zu sein. Denn Michael Fiedler hat sein Wrangeldorf nur in Ausnahmefällen verlassen.

Und wenn er in den neuen Club „Watergate“ wollte, was sich 68-Jährige sonst eher selten vornehmen und Einlasser auch nicht so gut finden, sagte Michael Fiedler nur: Ich wohne hier! Ich bin schon viel länger hier als ihr. – Das stimmte, das wusste ja jeder.

Doch eigentlich wusste es keiner. Denn es war noch niemand bei Michael Fiedler zu Hause. Auch Ümit Bayam nicht. Aber dass es ein überaus geheimnisvolles Zuhause sein musste, ein richtiges Sesam-öffne-dich-Zuhause, hat er geahnt. Wegen der Dinge, die Herr Fiedler Ümit von dort mitbrachte. Nicht nur Plakate aus die Siebzigern, auch Dosen aus den Fünfzigern. Und als er ihm einmal einen Blinker für sein Motorrad schenkte, zum Geburtstag, wusste Ümit Bayam, der ohne Vater groß geworden war, dass er gern einen Vater wie Michael Fiedler gehabt hätte. Nur Väter schenken ihren Söhnen was fürs Motorrad. Mütter nie.

Und dann betrat Ümit Bayam die Herr-Fiedler-Wohnung doch. Es war ein Sesam-öffne-dich. Die allererste Nummer der „taz“ war da, alle folgenden Jahrgänge vollständig, bis zur allerletzten Zeitung, die er gelesen hatte. 120 Quadratmeter begehbares Gedächtnis, ein Wohn-Gedächtnis. Wo denn sonst sollen Universalisten leben? Herr Fiedler aber lag im Bett ohne die Mütze, die er immer trug. Es war das Herz, sagten nachher die Ärzte. Vielleicht, dachte Ümit Bayam, hätte er die Mütze nicht abnehmen dürfen.

Vorn trug Michael Fiedler zwei umgeknickte Gewehre an der Mütze, aber darüber das Zeichen, das sonst nur denkmalgeschützte Häuser haben. Das Zeichen derer, die aus einem Gestern kommen und morgen immer noch da sind.

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