Wirtschaft : Geb. 1934

Manfred Gramzow

Ingrid Carell

Die Freunde seiner letzten Jahre trugen Namen wie Pylades, abraxas, reluctance oder Schattenjäger. Die meisten hat er nie gesehen. Sie waren „Perm-OPs“, und er war ihr Administrator.

Auf dem neun Jahre alten Foto stützt er sich gegen das Ortsschild „Gramzow – Kreis Beelitz“, klein, ein bisschen pummelig, weißhaarig. Abgesehen von der Kleidung und ohne Bart hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit Sokrates, dem Philosophen, der mit jedem Athener, dessen er habhaft werden konnte, ein Gespräch begann. Manfred Gramzow führte seit drei Jahren philosophische Gespräche mit allen möglichen Menschen, die meisten davon haben ihn nie gesehen. Alcibiades nannte er sich im Internet-Chatraum „Philosophische Gespräche“ bei www.spinchat.de . In so einem Chatraum unterhalten sich Leute, die stumm vor ihrem Computer sitzen und kurze Nachrichten hineintippen – sie „chatten“. Ihre Nachrichten sind für alle Beteiligten auf der Internetseite zu lesen – und so ergibt sich nicht selten eine spannende Diskussion zwischen Leuten, die kaum mehr voneinander wissen, als das, was ihr „Profil“, ihre „Chatlegende“ verrät. Für Manfred prangte da ein Bild eines muskelgestählten jungen „Alcibiades, der Held“, daneben spärliche persönliche Angaben: Augen blau, Sternzeichen Krebs, positive Eigenschaften: lernbegierig und negative: bequem. Dazu das Seneca-Motto „Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht, verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre.“

Seine Freunde in den letzten drei Jahren hießen Pylades und Apis, abraxas und silent, reluctance und Kwisatz, Schattenjäger und Eisenvater. Manfred-Alcibiades war der Administrator, der Chef des Chat-Raums, die oberste Philosophie-Instanz. Er hatte die oben genannten zu seinen „Perm-OP’s“ gemacht, zu „Permanenten Operatoren“. So hießen die Aufpasser im Chatraum, die ebenso wie er die Macht hatten, bloßes Gelaber zu unterbinden, und Chatter, die die Regeln nicht einhielten, aus dem Chatraum hinauszuschmeißen. Bei aller Anonymität legte Alcibiades Wert auf Etikette. Eine Begrüßung musste sein, auch wenn diese nur aus „Hi“ bestand. Dann kam immer von ihm ein „Hallo“ zurück, ehe er sich wieder dem Thema zuwandte, das gerade im Gespräch war. Und jedes Thema war willkommen, sobald es zu fruchtbaren Diskussionen führte. Er schrieb auf jede Frage eine Antwort, er wusste eine Internetseite, die weiterhalf, er gab Literaturtipps.

Manfred war der Mentor, auch der Mäzen, der Ansprechpartner für all diejenigen, die mit Problemen in der Schule oder an der Universität kämpften, oder zu Hause nicht die Ansprechpartner für ihre philosophischen Ambitionen hatten. Für silent suchte er eine Gehörlosenschule, Dist vermittelte er einen C64-Computer und bezahlte auch noch das Porto fürs Verschicken, und er überredete Pylades, ein Literatur- und ein Theaterlexikon zu verschicken, weil ici keines hatte.

Nur Karin widersetzte sich ihm, Karin aus Fleisch und Blut, Karin außerhalb des Internet. Sie beschaffte sich keinen Computer, da konnte er reden, so viel er wollte. Die Freundin aus Kindertagen kam ab und zu noch zu Besuch, schimpfte über seine Chatsucht, verachtete die jungen Leute, von denen er ihr lang erzählte: Lebensuntüchtig seien sie und anmaßend. „Die nutzen dich doch nur aus.“ Für Manfred aber waren die „philosophischen Gespräche“ das Fenster zur Welt. Endlose Telefonate führte er, wenn er die kleine Computer-Schrift auf dem Bildschirm nicht mehr lesen konnte.

Die Augenkrankheit hatte ihn auch gezwungen, seinen geliebten Beruf als Deutsch, Mathematik- und Musiklehrer 1990 aufzugeben. Einige Zeit unterrichtete er noch Deutsch an der Volkshochschule Weißensee, dann zog er sich in seine Pankower Zwei-Zimmer-Wohnung zurück, in der ihn Tausende Bücher umgaben. Manfred liebte die alten Philosophen und die Klassiker, allen voran Goethe. Das verriet er nicht im Chatraum, sondern im „Dia“, einem kleinen Internet-Fenster, das man öffnen konnte, um ungestört mit ihm allein zu „reden“, ohne dass andere mitlesen konnten.

Hobbypädagoge war Manfred bereits während der eigenen Schulzeit. Sein Schulfreund Klaus erinnert sich noch gut daran (er selbst wohnte im französischen Sektor, Manfred im russischen). Manfred half den Mitschülern, gründete Arbeitskreise, dilettantisch mitunter, doch pädagogisch ergiebig, denn er weckte bei den Mitschülern das Interesse an Literatur, Theater und Musik. Eine Familie hat Manfred nie gegründet, er widmete seine ganze Liebe dem Beruf. Fachlich und auch methodisch war er erste Wahl, und so wurde er zum Fachberater und auch -beurteiler seines Schulamtsbereichs. Er war sozusagen der oberste Deutschlehrer des Stadtbezirks Mitte.

Manfred war kritisch und doch stets loyal. So hielt er es auch mit Staat und Partei, der er nach langem Zögern beigetreten war. Von seinen Mühen erfuhr Klaus, der alte Freund seit 58 Jahren und schließlich Besucher aus dem Westen, in vielen Gesprächen: „Wenn man was verändern will, soll man das von innen tun.“

In den letzten zwei Jahren verließ Manfred sein Heim überhaupt nicht mehr. Er war ein hochgebildeter Eremit mit Internetanschluss geworden. Sein Tagesablauf: nachts am Computer im Chat, tagsüber im Bett, die einzige Bewegung: der Gang vom Bett in die Küche und zum Computer.

Zwei Tage vor seinem 69. Geburtstag starb Manfred. Er hatte sich ein anonymes Grab gewünscht, auf dem Französischen Friedhof in der Chausseestraße hat er es bekommen. Neben einer Hand voll alter Freunde, begleiteten ihn auch einige seiner Chatpartner auf seinem letzten Weg, Leute, denen er von Angesicht zu Angesicht, ohne „Chatlegende“ niemals begegnet ist. In der Friedhofskapelle stand vor der blumengeschmückten Urne das Foto mit dem Ortsschild. Ganz in Manfreds Nähe liegen Hegel und Fichte.

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