Wirtschaft : Geb. 1934

Wilfried Engel

Gregor Eisenhauer

Wilfried Engel

Er war einer der Bedeutenden in diesem Land. Woran man das erkennt? „Mein Haus, mein Auto, mein Boot…“ – daran bestimmt nicht. Das Haus musste nah am Wald stehen, aber groß musste es nicht sein; das Auto musste funktionieren: „Wozu brauche ich einen Mercedes, um meine 70 Kilo ins Institut zu chauffieren?“

Also, woran erkennt man einen bedeutenden Menschen, wenn man nicht über Aura sprechen will oder Persönlichkeit oder Charakter, all die unmessbaren Qualitäten, die für keine Statistik taugen?

Eine mögliche Antwort: Einen bedeutenden Menschen erkennt man daran, dass es nur fünf Menschen auf dieser Welt gab, mit denen er ein sinnvolles Gespräch über seine Arbeit hätte führen können.

Partygespräche natürlich ausgenommen. „Ich hab gehört, sie arbeiten an diesem Smart-Projekt, ulkiger Name übrigens für so ein Ding. Ja, nun erklären Sie mir doch mal in drei Sätzen, was Sie da so machen!? Ein Mikroskop bauen oder wie?“

Was kann man da antworten? Vielleicht hätte er es mit einem Vergleich versucht und sich zunächst entschuldigt, dass er mehr als drei Sätze braucht:

„Ehemals lag die Neue Welt zigtausend Kilometer entfernt und man brauchte ein Schiff, um hinzukommen. Unsere neue Welt liegt im Kleinen, und nur ausgeklügelte Elektronenmikroskope können ihr ein Gesicht geben: Bilder in fast atomarer Auflösung.“

„Is’ nich’ wahr? Und was kostet so was? Oder besser gefragt, was bringt so was?“

„In zehnmillionenfacher Vergrößerung erscheint ein menschliches Haar 600 Meter dick. Moleküle rücken in den Wahrnehmungs- und Bearbeitungsbereich. Die Materie selbst wird zur Baustelle.“

Natürlich wird der kritische Partygast einwenden, dass die Folgen solchen Tuns mal wieder gar nicht absehbar seien. „Und ob das in nächster Zukunft Arbeitsplätze schafft, ist doch alles noch sehr ungewiss – grade bei den enormen Kosten.“

Engel wäre sicher zu höflich gewesen, als dass er mit einer Gegenfrage geantwortet hätte: „Wie denken Sie darüber, haben sich die Anschaffungskosten für die Santa María, das Schiff, das Columbus nach Amerika gebracht hat, letztlich rentiert?“

Forscher sind einsame Menschen, in vielerlei Hinsicht. Als Physiker wird man geboren, das ist kein erwerbbares Talent. Und als Heranwachsender hat man darunter zu leiden, stets seiner selbst so sicher zu sein – die Vereinzelung droht.

„Ein heißer Typ, diese Schlafzimmeraugen! So ganz dunkel verschattet!“, flüsterte die Frau in der Kantine ihrer Freundin zu.

Und als sie dann mit ihm ins Gespräch kam, erfuhr sie sehr schnell, dass diese Schatten daher rührten, dass er Nächte durcharbeitete.

Im Alter von 33 Jahren hatte Wilfried Engel noch keine Urlaubsreise unternommen, Kleidung kümmerte ihn nicht, Freunde gab es keine, und die Schwester hatte schon damit abgeschlossen, dass er als Einsiedler enden würde.

Mit dem sorgfältig abgewogenen Satz: „Ich könnte mir vorstellen, mit Ihnen mein Leben zu verbringen…“ befreite sich Wilfried Engel aus seiner Einsamkeit. Die Ehe war glücklich, bot aber zuweilen genau die Kuriositäten, die man von einem genialischen Menschen erwartet. Dass er auf allem, was Papier war oder auch nur beschriftbar, seine Notizen hinterließ. Nichts durfte vorschnell entsorgt werden – könnte ja irgendwo die Weltformel draufstehen. Der Hausschlüssel im Kühlschrank oder im Buch als Lesezeichen versteckt. Der höfliche Gruß auf der Straße, der der eigenen Frau gilt.

Die einen nennen es Zerstreutheit, die anderen ein großes Talent, sich auf die Sache selbst zu konzentrieren.

Wilfried Engel hat durch diese Kraft der Bescheidung auf viele Leute Einfluss genommen, mit denen er zusammenarbeitete. Ein Meister des Teamwork, der mitansehen musste, dass die besten Leute nach Amerika gingen oder ganz aus der Forschung ausstiegen: Man kann gute Mitarbeiter eben nicht mit Ein-Jahres-Verträgen halten.

Zumal auf der allgemeinen Wertschätzungsskala Wissenschaftler hier zu Lande in alphabetischer Rangfolge kurz vor Zombie, weit unterhalb von Comedians, Fußballern und Talkmastern rangieren. Entsprechend rar sind große Forscher im Land der Dichter und Denker geworden, Physiker ohnehin. Und das in einem Moment, in dem ein Epochenumbruch stattfindet, dessen Dimensionen die wenigsten begreifen. Das hat Wilfried Engel tief bedauert, und es war zugleich sein Antrieb, diesem Smart-Projekt eines Elektronenmikroskops der nächsten Generation zum Erfolg zu verhelfen.

Nur noch einige Tage, dann sollte das Gerät zusammengebaut werden, ein erster Probelauf. Der Abschluss seines Lebenswerks, andere, Unbescheidenere, hätten gesagt: Krönung.

Natürlich war das mit Aufregungen verbunden, und Herzprobleme hatte er schon immer, davon hat er kein großes Aufhebens gemacht: „Über seinen Kadaver spricht man nicht.“ Und dann doch die Einweisung in die Klinik: die üblichen Herzrhythmusstörungen.

„Diesmal gehen wir gründlich vor: Eine elektrophysikalische Untersuchung der Schwachstellen im Herzmuskel. Routine“, beruhigte der Arzt. „In vier Tagen spaziert ihr Mann aus der Klinik!“ Stattdessen: sechs Wochen Koma, denn wurde bei diesem ganz alltäglichen Eingriff die Herzwand perforiert, durchbrannt geradezu. Die Folge: unstillbare Blutungen. „Das war der Statistikfall“, so die Antwort des Arztes auf die Nachfrage der Frau. „An sich, wie gesagt, war es ein Routineeingriff.“

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