Wirtschaft : Geb. 1935

Franz-Jürgen Gieffers

Dagmar Rosenfeld

Die Freunde und Verwandten waren drüben. Mission erfüllt. Aber halt! Tante Hedwig fehlte noch.

Ein Paket Sprengstoff im Kofferraum seines Wagens als Gruß aus der Vergangenheit. Ein Gruß aus einer Zeit, über die Franz-Jürgen Gieffers gesagt hat: „Ich bin froh, dass ich es getan habe. Aber ich möchte es nicht wieder tun.“ Viele Jahre zuvor hatte er zur Gruppe Girrmann gehört. Der Jura-Student Detlef Girrmann half nach dem Mauerbau gemeinsam mit Kommilitonen Ost-Berlinern bei der Flucht.

Das war nun lange her und ein für alle Mal vorbei. Doch dann lagen da die gelben, weichen Plastikstäbe in seinem Kofferraum: Sprengstoff, genug um ein Mietshaus in die Luft zu jagen. Ein Freund, ein Mitstreiter von damals, hat ihn ins Auto gelegt. Mit Franz-Jürgen Gieffers’ Einverständnis. Obwohl der eigentlich fand, dass man das Zeug besser im Stössensee versenken sollte.

„Anwalt brachte geheimnisvollen Sprengstoff zu Verfassungsschutz“ titelte die B.Z. „Der Inhalt eines mysteriösen Pakets bereitet Polizei und Staatsanwaltschaft Kopfzerbrechen: Sprengstoff. Ein Berliner Anwalt hat dieses Paket der Behörde übergeben. Aber er hat nicht verraten, woher dieses gefährliche Paket stammt, und wer es ihm übergeben hat.“ Die Berliner Zeitungen spekulierten über Anschlagspläne. Dass die Sache längst gelaufen war, blieb Gieffers Geheimnis – bis heute.

Mit Sprengstoff wie diesem hatte die Gruppe Girrmann im Mai 1962 ein Loch in die Berliner Mauer gebombt und so rund 60 Menschen die Flucht aus der DDR ermöglicht. Das Bündel, das Jahre später beim Verfassungsschutz landete, war damals übrig geblieben und hatte lange Zeit unbeachtet in einem Berliner Keller gelegen.

Begonnen hatte die ganze Sache mit der Fluchthilfe am Sonntag, dem 13. August 1961. Gieffers saß bei seinen Eltern am Mittagstisch, es gab Braten, als die Meldung ganz Berlin und auch den Rest der Welt aus der sonntäglichen Behäbigkeit riss: Die DDR riegelte den Westsektor ab. Gieffers hat seinen Braten nicht aufgegessen. Er hat sich den VW-Käfer seines Vaters geliehen und ist in den Osten gefahren, das ging zunächst noch. Er fuhr zu seinen Freunden, zu Joachim und Heiner. Die beiden wollten weg, und man entschied sich für die Flucht mit West-Berliner Ausweisen. Zurück im Westen fragte Gieffers Freunde und Bekannte. Die Ausweisbesitzer mussten Heiner und Jürgen ähnlich sehen, ein bisschen wenigstens.

Es funktionierte. Mit West-Ausweisen und in der S-Bahn kamen die Freunde über die frisch betonierte Grenze. Sie passierten die noch recht laxen Kontrollen am S-Bahnhof Friedrichstraße ohne Probleme. So wie Heiner und Joachim kamen in den ersten Tagen nach dem Mauerbau Tausende Ost-Berliner in den Westen. Zehn Tage nach dem 13. August wurde die Grenze aber auch für WestBerliner dichtgemacht.

Da hatte sich für Gieffers das mit der Fluchthilfe eigentlich erledigt: Die Freunde und Verwandten hatte er herübergebracht – Mission erfüllt. Dachte er. Als er in Gedanken noch einmal die Häupter seiner Lieben zählte, fiel es ihm auf: Tante Hedwig war noch drüben. Auch sie musste rausgeholt werden, ganz klar. Nur war das jetzt viel schwieriger und auch viel gefährlicher geworden.

Gieffers war Auslandsreferent der katholischen Studentengemeinde in Berlin und dadurch hatte er viele belgische Freunde. Das half ihm nun bei der „Befreiungsaktion Hedwig“, denn westliche Ausländer durften weiterhin nach Ost-Berlin einreisen. Er bat die Belgier um Ausweise – einen für Hedwig, einen für ihre Freundin Lotte und einen für sich selbst. Bloß geliehen, natürlich. Die Ausweise mussten diesmal allerdings ein wenig verändert werden: Fotos austauschen und Stempel nachziehen. Die Suche nach einem Fälscher führte Gieffers schließlich zu Detlef Girrmann. Tante Hedwig kam so samt Freundin Lotte in den Westen und Gieffers zur Girrmann-Gruppe.

Gieffers sollte noch mehr belgische Pässe besorgen. Der Vater eines Freundes war Senator in der belgischen Regierung. An ihn wandte sich Gieffers. Mit einem schwarzen Cadillac wurde er am Brüsseler Flughafen abgeholt. Der Chauffeur wartete in grauer Uniform und mit gezogener Mütze. Der Senator selbst sah aus wie ein groß gewachsener Jean Gabin: silbernes Haar, dunkelblauer Nadelstreifenanzug und eine Rosette im Knopfloch. Er hörte Gieffers stumm zu, dann nickte er nur, und die Audienz war beendet. Wenige Wochen später erhielt Gieffers per Post ein kleines Paket aus Belgien. Darin: 32 Blankopässe, frisch aus dem Druck. Etwa 130 Menschen konnten mit diesen Pässen in den Westen flüchten.

Viele Jahre später ist Gieffers in Kanada Kanu gefahren. In seinem Reisebericht schrieb er: „Es gibt Momente, wo ich mir sage: Okay, wenn ich hier und jetzt aufhören müsste, dann hätte es sich schon gelohnt. Als wir den Yukon hineintrieben, war ein solcher Augenblick. So lange hatte ich davon geträumt, so oft hatte ich mir das vorgestellt, so viel hatte ich zuvor ackern müssen, jetzt war es da. Glück, das ist ein kleines Boot auf einem großen Fluss.“

Glück – das ist auch, einen Menschen wie Franz-Jürgen Gieffers gekannt zu haben. „Einen, der für andere was riskiert“, sagt Joachim, einer der Freunde aus dem Osten. Obwohl Gieffers Angst hatte. So viel Angst, dass er später gestand, er würde es nicht noch einmal tun.

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