Wirtschaft : Geb. 1936

Edith Schinz

Torsten Hampel

Genau der richtige Job für eine, die selbst bestimmen will: Dispatcher.

Die Berufe mit den vagen englischen Namen gibt es entgegen der landläufigen Meinung hier schon lange. Diese Begriffe haben die Amerikaner sehr früh hergebracht. „Sehr geehrtes Fraeulein Schinz!“, schrieben sie auf einer ihrer Schreibmaschinen ohne Kenntnis der Umlaute, „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen“, da hatten sie sich an das deutsche Ü erinnert, „dass Sie vom 15. Mai bis 31. Oktober 1961 von unserer Firma aushilfsweise als Traffic Representative V mit einem Monatsgehalt von DM 400.- eingestellt werden.“ Auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn, 30 Jahre später, wird Edith Schinz von Beruf Dispatcher sein. Die Amerikaner, das war in ihrem Fall die Fluggesellschaft PanAm.

Edith Schinz ist den Amis sehr zugeneigt. Die halbe Familie ist nach Amerika gegangen in den zwanziger Jahren. Sie selbst zieht nach New York als junge Frau, hilft dort einer reichen Familie beim Kindererziehen. Die Amis, die haben Edith Schinz nicht an die Wand gestellt. Das waren die Russen.

1945, Blönsdorf, bei Jüterbog, südlich von Berlin. Die Rote Armee hat den Verdacht, Ediths Vater sei ein NSDAP-Funktionär gewesen. Deshalb wollen die Soldaten dessen Frau und die Tochter erschießen. Sie kommen aber nicht mehr dazu. Ein Offizier sagt kurz vorher noch stopp. Aber an der Wand haben die beiden Frauen schon gestanden.

Vielleicht hat Edith Schinz daher die Ahnung, dass das Leben auch einmal zu Ende geht. Jedenfalls weiß sie ziemlich zeitig, was sie anstellen will mit dem Rest. Selber bestimmen. Auf diese Weise müsste doch mehr passieren und Besseres und vor allem nur das, was einem selber passt. Das muss doch besser sein, als mit sich umspringen zu lassen.

Sie hat einen Traum, noch als Kind, sie sitzt allein auf einem Eisenbahnwagen, oben offen ist der, so eine lange flache Pritsche, auf der sonst Baumstämme oder Panzer transportiert werden. Der Zug soll gleich losfahren, aber noch stehen Leute um ihn herum. Die kleine Edith zeigt vom Wagen auf ein paar von ihnen herunter, nacheinander, du kommst mit, du auch und du.

Sie erzählt oft von dem Traum. Die Menschen sollen wissen, woran sie bei ihr sind.

Einmal, 1960 auf der Reise von der reichen New Yorker Familie nach Berlin – die spätere Fluggesellschaftsangestellte fährt mit dem Schiff – ist es ein junger Mann, den sie sich aussucht. Ein Lehrer, er kommt aus dem Irak und ist sehr nett, sie verloben sich. Zwei Jahre später, als er sie mit zu sich nach Hause nimmt, mal Bagdad zeigen, verlässt sie ihn wieder. Bei aller Liebe, aber sie hätte in Bagdad ja nicht mal aus dem Haus gehen dürfen. Das bestimmt dort die Tradition.

So wird es weitergehen. Sie wird allein bleiben in den restlichen Jahren, eine Ehe geht sie jedenfalls nicht mehr ein. Die Männer, mit denen sie zu tun hat, erweisen sich nicht als passend, nichts dauert länger. Wer auswählt, irrt sich auch manchmal.

Einer, der Edith Schinz gut kennt, hat sich das aus der Ferne angesehen all die Jahre. Er hat eine Theorie: Eine starke Frau zieht schwache Männer an. Solche Frauen haben ihre Vorstellungen, sie wissen, wo es lang geht und sie hören nicht auf zu fordern, bloß weil da jetzt einer dazugekommen ist, den sie lieben. Sie wollen was haben von den Männern, aber was kann einer, der eigentlich nur ein bisschen Deckung sucht, schon bieten?

Einen Tag, bevor sie ihr Testament schreibt, bevor sie klar und nüchtern verfügt, wie viel Geld an die Patenkinder gehen soll, wie es aufgeteilt wird, damit nichts durch die Erbschaftssteuer verloren geht, setzt sie die Krankenhausverwaltung noch von Folgendem in Kenntnis: „Sehr geehrte Damen und Herren, herzlichen Glückwunsch zur Wahl ihres Caterers. Es muss sich bei diesem Unternehmer um eine sehr gründliche Person handeln. Ich nehme an, dass er seine Köche in ein Lebensmittelgeschmacksentfernungsseminar geschickt hat, welches sie alle mit Auszeichnung bestanden haben.“ Die Krankenschwestern freuen sich über den Brief, sie kennen das Essen schon länger. Und die Verwaltung kommt ans Bett und verspricht Besserung.

Was war am Ende ihr Beruf, was ist ein Dispatcher? Ein Dispatcher, wenn er wie Edith Schinz bei PanAm auf dem Flughafen in Tegel arbeitet, der sitzt in seinem Büro, hinter dem Fenster ist das Rollfeld. Er erledigt dort alles was nötig ist, damit Flugzeuge losfliegen können. Er macht die Papiere fertig, wie schwer ist das Gepäck, das mit soll, wie viel Kerosin muss in die Tanks, welche Flugroute; es ist Schichtarbeit. Dispatcher müssen sehen, wo die Gefahren sind. Das ist das Wichtigste am Fliegen überhaupt, auf manche wirkt die dauernde Vorsicht aber übertrieben.

Einmal, im Jahr nach dem Mauerfall, fährt sie mit Freunden raus aus der Stadt in den Spreewald. Auf einem Parkplatz an der Strecke stehen Pilzverkäufer. Maronen, Steinpilze, Pfifferlinge. Die Freunde: „Wir kaufen was und du kommst morgen zum Pilzessen zu uns.“ Edith Schinz: „Nein, nach Tschernobyl rühr’ ich die Dinger nicht mehr an.“

Im Wörterbuch steht das Wort Dispatcher nicht. Nur das Verb to dispatch. „(Ab)senden, (ab)schicken“, steht da, und: etwas „rasch erledigen“.

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