Wirtschaft : Geb. 1936

Gitta Nickel

Katja Füchsel

Gitta Nickel

Rote, gelbe und blaue Konfetti segeln bei jedem ihrer Schritte auf die Stufen. Es ist mitten in der Nacht und ganz still im Haus, als Gitta Nickel nach der Faschingsparty zur zweiten Etage hinaufsteigt. Gitti, das Blumenmädchen: Sie trägt ein buntes Kleid als Kostüm, einen Hut mit breiter Krempe und einen Bastkorb für die Sträuße.

Auf dem ersten Absatz nimmt Gitti die Hand vom Geländer, stützt sich auf ihren Stock. Draußen fährt ein Wagen an, es sind die Freunde, die sie eben an der Haustür auf ihre Art verabschiedet hat. „Lasst mich doch in Ruhe, die Treppe schaffe ich ja wohl noch alleine, ihr seid doch sowieso besoffen…“ So klingt es, wenn Gitti Danke-aber-wirklich-nicht-nötig sagt.

An Gitti ist alles üppig: der Busen, die hochgetürmte Frisur, der Hut mit den aufgesteckten Blumen. „Eine echte Berliner Kiez-Prolli-Größe“, sagt die Tochter. Sie legt die Fotos auf den Tisch wie ihre Mutter früher beim Skat die Trümpfe: Gitti neben ihrem ersten Fernseher, Gitti beim Grillen in der Vorarlberger Straße, Gitti beim Tranchieren eines mächtigen Bratens. Auf einem Bild posiert sie im silbrig-glänzenden Abendkleid neben zwei Flamingos aus Porzellan. Es ist im Prälaten Schöneberg aufgenommen, im Ballhaus der kleinen Leute. Gitti schert sich nicht um solche Etiketten, Gitti tanzt fürs Leben gern.

Selbst schuld, wer Gitta Nickel komisch kommt. Sie wird am Nollendorfplatz mehr auf der Straße als zu Hause groß. Zu Hause – das sind eineinhalb Zimmer im Hinterhaus und fünf Geschwister. Nach der Schule arbeitet Gitti als Kabelformerin bei Siemens, bei Bilka füllt sie die Regale auf, sie putzt im Schultheiss-Stübchen, hilft im Elektroladen oder ist die Kaltmamsell: Wenn andere feiern, packt Gitti kalte Platten voll mit Bouletten, Gürkchen, Hackepeter, Würstchen. „Ick habe zwei gesunde Hände“, sagt Gitti. „Ick brauch’ keinen Mann, um meine Gören durchzubringen.“

Sie ist 22 und hat zwei Kinder, als sie Witwe wird. Später heiratet sie Gerd, den Kraftfahrer, Tischler, Dachdecker, und bekommt noch drei Kinder dazu. Die fünf wachsen wie ihre Mutter in den Schöneberger Straßen auf, wo die Nachbarn Fernseh-Fritz, Taxi-Hubert und Feuerwehr-Max heißen. Wo der Ersatzschlüssel gegenüber beim Lotto-Laden liegt, in dem Gitti einkauft, was sie in der Woche so zum Lesen braucht: die Freizeitrevue, das Goldene Blatt, das Echo der Frau, die Hörzu.

Ihr Gerd, das ist ein Ruhiger. Einer, der viel Zeit im Sessel und im Keller verbringt, wo er Puppenhäuser und Regale baut. Es ist Gitti, die sonntags bestimmt: „Heute fahr’n wir raus!“ Schon kurz nach dem Morgengrauen steht die Familie dann vor der noch geschlossenen Kasse am Strandbad Wannsee an. Endlich drin, hetzen die sieben dann los, im Galopp zur ersten Reihe am Strand, zu den besten Plätzen, bepackt mit Stühlen, Tischen, Decken, Handtüchern, Buddelzeug, Luftmatratzen und prall gefüllten Kühlboxen. Nächste Woche will Gitti dann lieber in die Pilze. Oder raus „Zum Alten Fritz“ nach Tegel, wo am Wochenende immer die Blaskapelle spielt, die Kinder auf der Wiese toben und die Eltern tanzen können.

Gitti kennt alle im Kiez, die Anständigen, die Fleißigen, die Geizigen, die Halunken und die Prostituierten. Im „Schultheiss-Stübchen“ geht sie ein und aus, montags spielt sie im Hinterzimmer Maumau, jeden Freitag Skat. Und sie ist Mitglied im Stübchen-Sparverein, bei dem von der Geld-Ausschüttung jeder was hat: bei der Party, Tombola oder beim Ausflug ins Sauerland, nach Bayreuth oder Kühlungsborn. Aus Dinkelsbühl erreicht Gerd eine von Gittis Karten: „Mein lieber Gerd! Da ich dich telef. nicht erreicht habe, grüße ich dich von hier. Gruß Gitti“.

Manchmal malt sich Gerd aus, dass es bei den Nickels wie bei anderen Familien wäre: die Frau am Herd, folgsam und still. Seine vorsichtigen Vorstöße aber finden ein jähes Ende: „Pass mal auf, du Vogel! Wenn du dich dicke machen willst, kannste gleich gehen!“, schnauzt Gitti. Also macht Gerd Schluss, zieht aus, reicht die Scheidung ein – und bereut es schnell. In den Siebzigern feiern Gerd und Gitti ein zweites Mal Hochzeit.

Beim Skat hat Gitti, Mitgliedsnummer 2689 im Deutschen Skatverband, eine feste Regel: „Du musst dir merken, was raus ist.“ Sie trägt Auszeichnungen und Pokale nach Hause, wird drittbeste Spielerin der Stadt. „2753294408504640 verschiedene Kartenverteilungen gibt es im Skatspiel an drei Spieler“, steht auf einer der Urkunden für die „Skatfreundin Gitta Nickel“. Sie hängt sie im Durchgangszimmer übers Sideboard neben die Familienfotos, das rosafarbene Glücksschwein, das gusseiserne Schiff und die Teller aus dem Harz.

Als Gerd nach 32 Jahren Ehe stirbt, sagt Gitti: „Ich geh’ gleich hinterher.“ Lange trägt sie schwarz, lässt die bunten Kunstfaser-Blusen im Schrank verstauben. Im Kiez zählt Gitti viele Verehrer, Nachbar Gerhard will sie bald zur Frau: „Mensch, Gitti, sei doch nicht doof!“, redet er auf die Witwe ein. „Bei der Rente, die ich kriege!“ Nee, sagt Gitti und bleibt dabei. Zweimal hat sie aus Liebe geheiratet, dann noch einmal und jetzt ist es gut.

Was ja nicht heißt, dass man gleich unter die Nonnen gehen muss. Mit 61 zeigt sich Gitti wieder mit festem Freund, einem, der an Gerd erinnert: ruhig, hilfsbereit, zurückhaltend. Als Gitti zum Fasching will, bleibt Klaus daheim, trotzdem kauft und knüpft er vorher die Sträuße für Gittis Korb. Ihr Freund schläft fest, als Gittis Fuß auf der Treppe plötzlich ins Leere tritt, und als sie rückwärts fällt. Am Morgen findet ein Jogger Gitti mit gebrochenem Genick im Flur. Die Tochter sagt: „Sie sah richtig zufrieden aus.“ Wie sie da so lag, im bunten Konfetti, neben sich der mit Blumen verzierte Hut.

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