Wirtschaft : Geb. 1937

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Was war denn falsch daran, für eine gute Sache Geld von den Amerikanern zu nehmen? „Kommerzieller Fluchthelfer“? Gegen die Bezeichnung hat er sich gewehrt.

Manchmal geht es im Leben zu wie im Film: wohlkomponierter Spannungsbogen, Happy End und Fortsetzungsdrama inklusive. Ein Kapitel im Leben von Domenico Sesta sieht ganz so aus. Ein Abenteuerfilm aus dem Jahr 1962. Drehort: West-Berlin, Bernauer Straße 73, gleich neben der Mauer. Das Abenteuer: ein Tunnel unter dem Todesstreifen, 126 Meter lang, mehr als fünf Meter unter der Erdoberfläche, Ausstieg in Ost-Berlin. Ein Film, von dem es mehrere Versionen gibt. Wie das so ist bei Heldengeschichten.

Lassen wir den Film ein Stück laufen. Der Keller einer stillgelegten Fabrik. Domenico Sesta, für die Freunde „Mimmo“, sein italienischer Kumpel Gigi und etwa 40 andere Studenten buddeln sich zwischen Mai und September 1962 im Schichtdienst in den Osten vor. Schwerstarbeit mit Schaufeln, Spitzhacken, mit bloßen Händen. Manche wollten Freunde aus der DDR holen, manche ihre Familie. Lust aufs Abenteuer und vor allem Wut auf die Mauer verband die jungen Leute. Am Eingang des Schachts hing zur Motivation bei der Maloche ein Foto von Peter Fechter, dem verbluteten „Republikflüchtling“.

Rückblende: Wie kamen zwei Italiener Anfang der sechziger Jahre auf die Idee, einen Tunnel nach Ost-Berlin zu buddeln? Wie kamen sie überhaupt nach Berlin? Domenico Sesta und sein Freund Gigi hatten sich auf einem Internat des Salesianer-Ordens an der Grenze zu Jugoslawien kennen gelernt. Zwei echte Klosterschüler also, mit Latein, Griechisch und gewählten Manieren im Gepäck. Domenico Sesta kam aus Apulien, aus Vieste, direkt vom Sporn des Stiefels. Ein begabter Junge, der mit vier Jahren schon in die dritte Klasse ging. Ein Waisenknabe, deshalb die Klosterschule.

Als sein Freund Gigi zum Grafikstudium an die Hochschule der Künste ging und ihm von Berlin vorschwärmte, folgte Domenico nach Deutschland. Er wollte Bauingenieur werden und ging zunächst für ein Praktikum zu Henkel nach Düsseldorf. Dort lernte er nicht nur im Eiltempo Deutsch, mit dem Pons in der Hand, sondern auch gleich seine Verlobte kennen: eine zierliche Düsseldorferin mit hochgestecktem, rotem Haar. Dann ging es zum Studium an die Technische Universität Berlin. Im Frühsommer 1961 war das, wenige Monate vor dem Mauerbau.

Ein Foto zeigt zwei lässige junge Männer mit Zigarette und Sonnenbrille, mit weißem Hemd und weißer Hose, wie sie die Mauer inspizieren. Nach dem 13. August 1961 kam Gigis Kommilitone Peter aus Ost-Berlin nicht mehr zur Uni. Die Italiener besuchten ihn und seine Familie in Wilhelmshagen, und Peter bat: Holt uns hier raus.

Domenico und Gigi versprachen es, fuhren zurück in ihr Zweibettzimmer im Studentenwohnheim Hardenbergstraße, suchten auf der Karte eine geeignete Stelle für den Tunnel, zogen die weißen Klamotten aus, hängten ihr Studium an den Nagel und schaufelten im Mai 1962 einfach los. So war das eben. Simple Freundespflicht, Ehrensache, ohne groß das Für und Wider abzuwiegen. Als ginge es darum, eine Kiste im Wald zu vergraben. Und nicht einen 126 Meter langen Tunnel unter dem Todesstreifen zu bauen, durch den am 14. September 29 Menschen nach West-Berlin flüchten konnten. So hat es Domenico Sesta seiner Frau erzählt.

„Operatione Buco di Muro“ – Operation Mauerloch, so nannten die beiden Italiener ihr Vorhaben. Doch was ein solcher Bau kostet: das Holz, der Transport, die Lastkarren und Werkzeuge, die Zeit, das sei ihnen erst klar geworden, als sie schon mitten drin steckten in der Arbeit, tief unten in der Erde. Und da erst hätten sie die zündende Idee gehabt. Die Idee, diesen Abenteuerfilm, den sie gerade selbst erlebten, filmen zu lassen. Wenn sich das Leben etwas traut, was für die Fiktion zu unrealistisch ist, dann ist das schließlich eine Sensation. Also gingen sie mit einem dritten Partner, einem Deutschen, zur amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC und verkauften die Filmrechte am Tunnel für 50 000 Mark. Eine Menge Geld damals, der durchschnittliche Lohnempfänger lebte von gut 600 Mark brutto im Monat.

Der Tunnelbau war finanziell kein Problem mehr. Dafür war ab jetzt Geld im Spiel, und Geld bedeutet Streit. Die meisten freiwilligen Helfer und auch die Menschen in Ost-Berlin, die auf ihre Flucht warteten, wussten von dem Geschäft mit der NBC nichts. Das war ungeschickt, vielleicht aber auch eine Sache der Notwendigkeit. Auf jeden Fall eine, die den Abenteuerfilm zur Tragödie werden ließ.

Die Kameraleute filmten, wie Peter mit Familie und die anderen 25 völlig aufgelöst in das Scheinwerferlicht hinaustraten – und es kam zum Eklat. Die Wiedersehensfreude war kurz. Hatten Domenico Sesta und seine Partner den Flüchtenden nur geholfen, um Geld mit dem Film über den Tunnel zu verdienen? Hatten sie den Freund aus dem Osten als Darsteller verkauft?

Das Happy End war nur im NBC-Film zu sehen. Die Bilder bewegten Menschen vor den Fernsehern in der ganzen Welt, die NBC verdient mit dem Film bis heute ein Vermögen. In der Wirklichkeit fiel schon die Party am Abend ins Wasser. Und die Freundschaft zwischen den Italienern und Peter zerbrach, für die doch alles einmal begonnen worden war.

Domenico Sesta hat nie verstanden, was falsch daran war, sich für eine gute Sache das nötige Geld zu besorgen. Ohne die Amerikaner, hat er immer wieder gesagt, hätten wir den Tunnel nicht bauen können. Und warum durfte nicht eine gewisse Summe für die Verantwortlichen übrig bleiben? 30 000 Mark, geteilt durch drei. Kommerzieller Fluchthelfer, gegen diese Bezeichnung hat er sich sein Leben lang gewehrt.

Er war entsetzt, als Egon Bahr ihn und seine Freunde ins Rathaus zitierte und ihnen den Kopf wusch für die Torheit, die sie begangen hätten, politisch gesehen. Und er war auch nicht begeistert, als er und sein Freund Gigi nicht vorkamen in der Spielfilmfassung des „Tunnel“, die letztes Jahr im Fernsehen lief. Noch nicht einmal als fachliche Berater hat man sie hinzugezogen. Ein billiger Triumph der Fiktion über die Wirklichkeit. Zum Glück gab es die Kritiken. Da hieß es: „Sehr schön, aber lange nicht so packend wie der Dokumentarfilm von 1962“. Das hat Domenico Sesta gefreut. Er wusste aus es ja aus eigenem Erleben: Die Wirklichkeit macht einfach die besseren Filme. Kirsten Wenzel

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