Wirtschaft : Geb. 1937

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Um zwei saß er im Gugelhof, um sechs im Müller-Lüdenscheidt. Da trank er, da schrieb er, da trafen ihn die Leute.

Vielleicht war das mit der Asche ja nur so eine Idee. Ein Entwurf. Bestimmt war es das, denn Bertold Diel war keiner, der endgültige Entscheidungen traf, unumstößliche, an denen niemand etwas zu deuteln hätte. Bücher, die er machen wollte, kamen nicht zustande, weil noch dies nicht stimmte oder das. Weil er den richtigen Stift nicht gefunden hatte zum Beispiel, mit dem er seine längst fertigen Gedichte in einen Kunstband hätte schreiben können. Weil jener Vers doch auch ganz anders lauten könnte, nicht so, wie er grad mal da stand. Bertold Diel war ein Perfektionist, der sich auch jederzeit von einem Freund hätte sagen lassen: Was du da für perfekt hältst, ist es noch nicht.

Es gibt so etwas wie ein Testament. Darin hat er geschrieben, dass seine Asche überm Wasser vor Venedig verstreut werden soll.

Vorgestern Abend, als sich Bertold Diels Tod zum ersten Mal jährte, trafen sich ein paar von Bertolds Freunden auf dem schönen Friedhof zwischen Greifswalder Straße und Prenzlauer Allee. An einer Stelle, an der man meinen könnte, hier hört er auf, der Friedhof. Da gibt’s nur noch ein Grab, dann Unkraut und Gestrüpp. Ganz nah beim Grab steht eine Pappel. Eine Pappel stand auch vor Bertold Diels Fenster, zehn Minuten zu Fuß von hier.

Hätten sie seine Asche damals vor Venedig verstreut, hätten sie sich vorgestern gleich in der Kneipe getroffen, in die sie nun erst gingen, als der Friedhof geschlossen wurde. So aber setzten sie sich zunächst an sein Grab, um sieben, und tranken Barolo, seinen Lieblingswein. Von der CD, Bertold Diels CD, die eigentlich zu einen Buch gehören sollte, hörten sie seine Stimme. Brüchig und alt klang sie, er hat seine Gedichte drei Monate vorm Tod ins Mikrofon gesprochen.

berlin lebt in einer stadt

die jener gleicht

welche sie immer war –

als wäre sie so eine

wie jener

der aus dem

14ten stockerk

des bachmann’schen

new yorker

hotels

fällt

und unterwegs

um sich zu beruhigen denkt:

bis hierher

gings

doch

ganz

gut

wenns weiter so

läuft kanns

am schluss

noch gut

enden.

War Bertold Diel eigentlich ein Berliner? Er kam aus dem Hunsrück, flüchtete vor der Wehrpflicht nach Frankreich, dann nach Italien und schließlich in die Schweiz. Da lebte er sein längstes Leben, war Setzer, Lektor, Werbetexter, dann Pädagoge, Jugend- und Sozialarbeiter. War auch Vater und schrieb Gedichte, saß in Kneipen, hatte Freunde, viele Freunde. Und fuhr nach Italien, immer wieder Italien. Da wissen sie zu leben, können genießen, inszenieren das Leben. Als es ihm zu eng wurde in der Schweiz, fast 60 war er da, wollte er ganz in den Süden ziehen. Venedig oder Sizilien, es hätte niemanden gewundert.

Er zog nach Berlin, Prenzlauer Berg. Plötzlich war er da, mittendrin, niemand wusste so recht warum. Aber er gehörte hierher, das sagen die Freunde, die Maler, die Schreiber, der Kneipier, die vielen, die er hier kennen lernte, die ihn kennen lernten. Sie sagen: Er war mal einer, der gab. Einer, der nicht nach Prenzlauer Berg kam, weil es hier hip ist, weil man schick mitschwimmen kann. Bertold Diel habe die große Welt mitgebracht in diese kleine.

Wie genau so was geht, das kann niemand sagen. Ein Trick vielleicht war dies: Diel setzte sich in Restaurants, wenn sie leer waren. Immer zur selben Zeit, immer an den selben Platz. Um 14 Uhr in den Gugelhof, um 18 und um 23 Uhr ins Müller-Lüdenscheidt. Da las er Zeitung, schrieb ins Notizbuch, trank seinen Wein. Man wusste, dass er da war, wusste bald auch, dass andere dabei saßen, man traf sich bei Diel. Was er zu geben hatte, das gab er auch schriftlich. Schrieb Briefe, die Essays waren, klebte Collagen, bekritzelte Zeitungsfotos, kopierte, arrangierte, steckte die Werke in Couverts, die Couverts in die Briefkästen der Freunde.

Wer ihn zum erstem Mal traf, der dachte: Was will denn der? Eine Mark? Er sieht ja nicht gut aus, zerzaust irgendwie. Der Hut auf dem schütteren Haar zerknautscht, der Bart fusslig, die Klamotten zu alt. Für Anziehbares gab Bertold Diel kein Geld mehr aus. Wichtiger war ihm das Essen, der Wein – und auch weiße Tischdecken. Die lagen auf der langen Tafel in seiner Wohnung, an die er die Freunde einlud.

Nun haben sie zwei Bänke an sein Grab gezogen, mit gutem Wein angestoßen auf ihn, der am guten Wein gestorben ist. Und sie haben sich an seine letzte Lesung erinnert, bei der hinter ihm, er konnte das gar nicht sehen, an einem Hinterhoffenster ein Paar stand und sich küsste. Dann ging der Mann, und die Frau hockte sich aufs Fensterbrett, gehüllt in eine Decke, und hörte Bertold Diel zu, wie er im Hof las mit seiner brüchigen Stimme.

Jetzt knarzte sie noch einmal über den Friedhof. Das mit der Asche war ja nur so eine Idee. David Ensikat

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