Wirtschaft : Geb. 1937

Achim Burgdorf

Thomas Loy

Er war fürs Kreative zuständig. Seine Anzüge und Hemden musste Horst besorgen.

Eugen kaut Berni wieder das Ohr ab. Aneinander gekuschelt liegen sie auf dem Ledersofa, die Terrierbrüder Eugen und Berni. Alles okay. Alles wie immer. Doch manchmal trippelt Berni, der Introvertierte, Sensiblere, durch den Flur in das Zimmer, wo Achim früher malte, legt sich auf die Couch, zieht seine Stirnfalten zusammen und trauert. Ist eben doch nicht alles wie immer.

38 Jahre haben sie zusammen gelebt, Achim und Horst, ein unzertrennliches Paar. Hunde waren immer dabei. Achim, der Introvertierte, Sensiblere, war für Kunst und Küche zuständig. Horst für alles andere. Um die Hunde kümmerten sie sich gemeinsam. Wenn Achim wieder ein Bild fertig hatte, bat er Horst um sein Urteil. Für einen Künstler ist das ein entscheidender Moment. Das Werk tritt aus der intimen Schutzsphäre seines Schöpfers auf die Bühne der Öffentlichkeit. Das kann auch schiefgehen.

„Warum hast du da abgebrochen? Ich würde das ausmalen.“

„Du hast ja gar keine Ahnung von Kunst.“

„Warum fragst du mich dann?“

Achim ärgerte sich über Horst, Horst über Achim, aber niemals länger als drei Tage. Nicht mal die Kunst konnte ihrer Beziehung etwas anhaben. Später habe er gelernt, „dass das so gewollt ist“, das mit den weißen Stellen auf der Leinwand, sagt Horst. Seitdem findet er es gut. Zum Beispiel die schütteren Schwarzflächen auf dem Hommage-an- Beuys-Gemälde über dem Sofa. Links liegt der Beuys-Hut auf einem leuchtend gelben Rechteck, rechts weiden Schimmel. Achim mochte Beuys, den Tabubrecher.

1996 hatte Achim eine Ausstellung im Berliner Grand-Hotel. Das Foto im Katalog zeigt ihn mit langen, windzerzausten Haaren, der Blick verwegen, sehnsuchtsvoll, romantisch. Jung und schön sieht er aus. Jedenfalls nicht wie 58. „Geboren 1947 in Bielefeld“, steht im Lebenslauf. Da hatte er sich glatt um zehn Jahre verrechnet. Sein Alter war ihm nicht wichtig, aber vielleicht war es anderen wichtig. Er hatte spät zur Malerei gefunden und befürchtete, den Durchbruch nicht mehr rechtzeitig zu schaffen. „Bis 70 wollte er in vorderster Reihe stehen“, sagt Horst.

Deshalb zogen sie vor zwei Jahren von Bielefeld nach Berlin. Wo sonst sollte ein Maler leben? Achim machte bei der Buddy-Bären-Aktion mit. Da hängte er sich richtig rein, suchte nach Sponsoren und freute sich riesig über die Artikel in den Zeitungen: Burgdorf, der Bärenmaler. Am beliebtesten war der Knef-Gedenkbär mit den vielen Rosenblüten und dem Liedtext zu ihrem Evergreen: Für mich soll’s rote Rosen regnen… Achim malte danach eine ganze Serie von Rosenbildern. Sein Stil war mal gegenständlich, mal abstrakt. Einige Bilder erinnern an Picasso, andere an Warhol oder Magritte. Er probierte immer wieder Neues aus. Er suchte. Wenn ihm Bilder nicht mehr gefielen, übermalte er sie.

Achim und Horst lebten zusammen, und sie arbeiteten zusammen. Sie nannten sich „kreative Werbeagentur“. Achim machte das Kreative, Horst alles andere. Sogar die Anzüge und Hemden für Achim besorgte Horst. Was dem einen gefiel, war dem anderen auch recht. Mit den Jahren wurde alles selbstverständlich, wie bei einem alten Ehepaar.

Nun ist Horst allein in der gemeinsamen Wohnung. Aber er fühlt sich nicht einsam, sagt er. Allen Freunden, die anrufen, sagt er das. Er fühlt sich nicht einsam. Und wundert sich selbst darüber. Wahrscheinlich arbeitet das Gefühl langsamer als der Verstand. Im Flur hängt noch der Zettel, den er schrieb, an jenem Tag. „Achi, bin zu Dalibor. Hundis waren draußen!“ Achim konnte die Nachricht nicht mehr lesen. Er hatte sich hingelegt, die Hände ineinander gefaltet und dann kam der Herzinfarkt. Er war so mächtig, dass Achim nur wenige Sekunden blieben. Auf seiner Urne lag ein Trauergesteck mit roten Rosen.

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