Wirtschaft : Geb. 1937

Susanne Thaler

Eckard Kipping

„Als Politiker sagt man doch nicht, was man denkt. Sie sind für die Politik gänzlich ungeeignet.“

Sie sind leicht zu übersehen, die drei kleinen Bilder im Wohnzimmer von Susanne Thaler und ihrer Familie. Ihr Vater als Soldat im Ersten Weltkrieg. Das Eiserne Verdienstkreuz, das sie ihm an die Brust gesteckt haben, baumelt über der fleckigen Fotografie: Großer deutscher Held.

Im Rahmen daneben schwarzer Samt. Darauf ein Stern aus Stoff mit Aufschrift: Jude. Das haben sie ihm Jahre später angehängt: Feind von Volk und Vaterland.

Darunter steht: Nie vergessen!

Im dritten Rahmen: Der Lagerausweis von Susanne Thaler. Das sechsjährige Kind im Auffanglager Westerborg, Holland. Sie teilte das Schicksal mit Anne Frank. Von dort aus sollte es mit Vater, Mutter und Bruder nach Theresienstadt gehen oder auch nach Auschwitz. Ins Gas und in die Verbrennungsöfen.

Dass es unsere Familie, wie sie hier um den Tisch sitzt, überhaupt gibt – der Mann von Susanne Thaler zeigt in die Runde, zeigt auf die Tochter und den Sohn – haben wir einem Mann zu verdanken: Hans Calmeyer. Er hatte über „rassische Zweifelsfälle“ zu entscheiden. Über Leben oder Tod. Dieser Mann hat nicht stillschweigend seine Pflicht getan. Seine Pflicht als Deutscher. Er war ein Saboteur. Ein Mensch.

Er ließ sich auf die Lügen von Susannes Mutter ein und bescheinigte der Familie das Recht, weiter leben zu dürfen. Ausnahmsweise. Aus Volksfeinden wurden Brüder. Im Namen des deutschen Volkes.

Vergleichbar mit Schindlers Liste gab es die „Calmeyer Liste“. Sie enthält die Namen von 17 000 Juden, die dank Calmeyer der Vernichtung entgingen.

Als es vorbei war mit Führer, Volk und Vaterland, gingen sie zurück nach Berlin. Susannes großer Bruder traute dem Frieden nicht, er wählte die andere Richtung und nahm das Schiff nach Amerika.

Beatrice, die Tochter von Susanne Thaler, trägt offen und selbstbewusst den Davidstern an einem silbernen Kettchen um den Hals: Das kann ich mir nur zu Hause erlauben. Man hat uns geraten, ihn unter der Kleidung zu verstecken. Zu gefährlich, sagt sie, lebensgefährlich sei es geworden, damit auf die Straße zu gehen. Deutschland im Jahr 2003.

Haben die denn gar nichts gelernt aus der Geschichte, hat meine Mutter gesagt. Langsam fängt es an, ganz allmählich, wie damals. Zuerst ist es die Gewöhnung an die Angst. Das Sich-Abfinden.

Meine Mutter war Ortsvorsitzende der Partei, die die Worte frei und demokratisch in ihrem Namen trägt. Jahr für Jahr hat sie bei ihren jüdischen Freunden für diese Partei geworben. Für sie war die FDP eine Partei, die ein Jude wählen konnte.

Die Äußerungen von Jürgen Möllemann gegen Juden in Israel und Deutschland trafen meine Mutter mitten ins Herz. Ein bekannter Schmerz. So was lässt sich nicht vergessen.

Weitere Schmerzen folgten: Die Parteiführung, die sich in Schweigen hüllte. Meine Mutter schrieb ihnen Briefe. Briefe, die unbeantwortet blieben. Das war kurz vor der Wahl. Wollten sie eine Stimmung im Land nutzen? Eine antisemitische Stimmung?

Meine Mutter bekam Drohbriefe. Dutzende, alle anonym.

Sie ging hin zu den Großen der Partei, bekannte Namen, ließ nicht locker. Sie hat sie zur Rede gestellt. Überall, wo sie auf sie traf. Privat und vor den Fernsehkameras. Sie wollte wissen, woran sie war. Sie wollte nicht schweigen und das Schweigen der anderen ertragen. Mama war eine streitbare Frau. Es waren ihre Freunde. Sie hat viele Freunde in der Zeit verloren. Auf solche Freunde konnte sie verzichten.

Und was sie sich anhören musste. Sie sei zu emotional, nehme alles zu persönlich, viel zu persönlich. Ich bin Berlinerin, hat sie gesagt, mit Leib und Seele. Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Auch wenn’s euch nicht passt. Ich bin halt so und kann nicht anders.

Aber ich bitte Sie, gnädige Frau. Wo denken sie hin. Als Politiker sagt man doch nicht, was man denkt. Sie sind für die Politik gänzlich ungeeignet. Da hat sie ihr Parteibuch hingeworfen und ist gegangen.

Susanne Thaler, die Ungeduldige. Als sie am Mittwoch zur letzten Ruhe hinabgelassen wurde, waren sie zahlreich versammelt: freie Demokraten, in bewährtem, andächtigem Schweigen.

Einen Kranz hat die Partei ihrer Abtrünnigen nicht ans Grab legen lassen.

Eckard Kipping

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