Wirtschaft : Geb. 1937

Joachim Ritzkowsky

Thomas Loy

Statt einer einzigen wohlgeratenen Weihnachtstanne holte er 20 krumm-zauselige Föhren nach Hause. Einen „Weihnachtswald“. Ein Zeichen gegen die Diskriminierung war das. Und natürlich eine Allegorie auf die menschliche Gesellschaft.

Die einen denken sich die Welt von links nach rechts, die anderen entgegengesetzt. Joachim Ritzkowsky dachte sie sich spiralförmig, von unten nach oben und zugleich von innen nach außen. Von der Basis zum Überbau und zurück, aber zur gleichen Zeit.

Das war dann so, 1993, als die Initiative „Leben mit Obdachlosen“ begann, dass alle sofort helfen wollten, auch Joachim Ritzkowsky. Nur warf er plötzlich dieses merkwürdige Wort in die Runde: Theoriebildung. Alle waren, vorsichtig formuliert, überrascht. Was meint der Achim jetzt damit? Was sollen die Obdachlosen mit einer Theorie? Die brauchen was zum Essen, zum Anziehen und eine warme Koje zum Schlafen. Aber Pfarrer Prof. Dr. Ritzkowsky, der lieber „Achim mit der Schürze“ heißen wollte, dachte eben spiralförmig: Jetzt fangen wir mal an, den Obdachlosen zu helfen und fragen sie gleichzeitig, wer sie sind und was ihnen fehlt. In der nächsten Windung der Spirale können wir ihnen dann schon besser helfen.

Die Spirale, ein uraltes Symbol. So was gefiel Achim, dem Kenner der Mythologie. Die Steinzeitmenschen ritzten sie in ihre Höhlen. Die Ägypter schmückten sich mit ihr. Die Maori in Neuseeland tragen sie noch heute als Tätowierung. Die Spirale steht für stete Bewegung, Kraft und Energie, für Werden und Vergehen. Lief er mit seinen Wanderfreunden durch die Natur, ritzte Achim die Spirale auf seine Wanderstöcke. Oder er dozierte zu den mathematischen Grundlagen des spiralförmigen Tannenzapfens. In der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg, wo er Pfarrer war, ist sein Lieblingssymbol für immer in den Boden eingelassen.

Achim war ein Großer, sagen seine Freunde, ein Genie. Jetzt dürfen sie damit heraus, denn Achim würde solch schamlosen Lobspendern, wenn er noch könnte, gehörig in die Parade fahren. Er lehnte es ab, herausgestellt, gewürdigt oder nur fotografiert zu werden. Der Starrummel des Fernsehens, den Tanz um das goldene Kalb, wollte er nicht mitmachen. Als ihm die Humanistische Union für seine Obdachlosenarbeit den Ingeborg-Drewitz-Preis verlieh, übergab er anstelle eines Porträtfotos eine Zeichnung: Zu erkennen ist Pfarrer Ritzkowsky, an einer großen Glocke hängend.

Dabei haben seine Freunde Recht. Achim war ein Universalartist. Er schrieb Romane und theologische Traktate, dichtete Verse und komponierte, bastelte Figuren und zeichnete, spielte jeden Morgen auf der Geige und war ein exzellenter Kenner der heimischen Botanik. Er lebte in vielen Welten und wusste immer genau, wo er sich gerade befand. Es machte ihm, dem Privatgelehrten und sensiblen Musiker, nichts aus, einen zerlumpten Obdachlosen mit den Händen aus der Gosse zu ziehen. Achim sah einen Menschen, der Hilfe brauchte.

Und er hörte sich die Geschichten der Gescheiterten an, fragte, warum sie Tätowierungen tragen und so viele Mäntel übereinander. Die Geschichten schrieb er abends auf. Ständig hielt er fest, was ihm auffiel, was der Tag gebracht hatte, wie sich die Ereignisse zu einem neuen Gedankengerüst zusammenfügen ließen. Auch beim Wandern schrieb er, mit einem winzigen Bleistiftstummel auf winzigen Papierstreifen. Seine Manuskripte füllen Regale. Alles handgeschrieben. Veröffentlicht ist nur ganz wenig.

Er war ein altmodischer Kauz, ein Querkopf, ein Oppositioneller, sagen viele. Er konnte sehr direkt sein, wenn jemand seinen Ansprüchen nicht gerecht wurde: „Das war ja wohl nichts.“ Dass es mit ihm nicht einfach war, wurde schon früh deutlich. Achim war neun und fragte seine Oma, ob er eigentlich ein selbstständiger Mensch sei. Die Oma war sich der Bedeutung der Frage nicht bewusst, sagte Ja, und Achim griff den Rucksack und die Lebensmittelkarten und verschwand. Es war Heiligabend 1946. Weit kam er nicht, aber bei den älteren Geschwistern hatte er sich Respekt verschafft. Ihr kleiner Bruder brütete etwas aus und zog es durch. Sein Abituraufsatz in Deutsch war ein einziger langer Satz, verschachtelt und gedehnt über viele Seiten. Welche Note er für diese Zumutung erhielt, ist nicht überliefert.

Achim machte vieles anders, auch später, als die eigenen Kinder da waren. Statt Pantoffelkino lief meistens das Programm „Basteln mit Musik“. Da wurde Draht geflochten, mit einer Mischung aus Klopapierfetzen und Kleister beklebt, und heraus kam eine Schar verwegener Gesellen, die als Jesus plus Jünger beim Abendmahl zu gelten hatten. Seine subversive Grundeinstellung konnte sich auch in 20 krumm-zauseligen Föhren manifestieren, die er anstelle einer einzigen wohlgeratenen Edeltanne als „Weihnachtswald“ nach Hause holte. Ein Zeichen gegen die Diskriminierung aller vermeintlich hässlichen Nadelbäume. Und natürlich eine Allegorie auf die menschliche Gesellschaft.

Achim pflegte seinen Widerspruchsgeist auch am Arbeitsplatz. Als Vikar kämpfte er für eine Reform der Pfarrer-Ausbildung, als junger Pfarrer in der Gropiusstadt für Jugendeinrichtungen und Spielplätze. Als die Heilig-Kreuz-Kirche Mitte der siebziger Jahre von RAF-Sympathisanten besetzt wurde, vermittelte er. Berührungsängste kannte er nicht. Die Obdachlosen, die jetzt regelmäßig die Kirche aufsuchen, standen ihm näher als viele bürgerlich Behauste.

Als die Krebszellen seinen Körper eroberten, nahm Achim wie selbstverständlich die neue Herausforderung an. Seinem Willen, der schon Richter und Beamte niedergerungen hatte, traute er auch zu, sich gegen die Krankheit durchzusetzen. Dass er sich diesmal irrte, wollte er bis zuletzt nicht wahrhaben. „Ich sterbe jetzt“, sagte er, nur um den Widerspruch herauszufordern. Er machte weiter wie immer, plante Seminare, von denen er wusste, dass er sie nicht mehr halten würde. Nachts hielt er sich wach, um Schlafes Bruder keine Gelegenheit zu geben. Wie sollte er auch ahnen, dass der Tod mittags um zwölf beim Schlag der Kirchenglocken an sein Bett treten würde.

Mehr als 500 Menschen kamen zur Trauerfeier. Für Rosemarie, Kuttel, Bernd und all die anderen, denen er geholfen hat, war Achim ein guter Freund. Im Tod ist er einer von ihnen geworden. Er hatte sich gewünscht, dass man ihn in der neuen Grabstelle für Obdachlose auf dem Jerusalem-Kirchhof begräbt. So ist es geschehen. Thomas Loy

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