Wirtschaft : Geb. 1937

Dagobert Dielitz

Kirsten Wenzel

Er war ja immer größer als die anderen. Abends, an der Theke, da haben ihm die Freunde auf die Schulter gehauen: Warum ist so einer wie du nicht Musikredakteur, warum hat so einer wie du nicht promoviert?

Um zehn nach zwölf fuhr das Taxi vor, die Gäste der „Besenwirtschaft“ konnten die Uhr danach stellen. In der Kneipentür musste Dagobert Dielitz sich bücken. Mit seinem langen weißen Bart und dem schwarzen Hut, mit dem handgefertigten Fuchsmantel in Übergröße und dem großen silbernen Ring im Ohr. Er war schon immer größer als die anderen. Schon als er klein war.

Er war ein Sonntagskind, und er lebte allein, mit seinen Eltern am Mohriner See. Das ist heute in Polen, etwa 20 Kilometer hinter der Grenze. Ihr Haus stand am anderen Ufer, um im Dorf einzukaufen, mussten sie über den See rudern. Der Vater ging mit hohen Gummistiefeln im See fischen, die Mutter weckte Erdbeeren ein und las Dagobert Gedichte vor. Wie der Geruch des Flieders blieben die Verse in seiner Erinnerung hängen. Andere Kinder kannte er nicht. Und er wusste nicht, dass die Menschen sich ständig vergleichen.

Als sie an den Stadtrand von Berlin zogen und er in die Schule kam, fiel ihm das Lernen leicht. Natürlich, dachte er, ich bin ja begabt. Die Eltern hatten es ihm oft genug gesagt. Aber die anderen Kinder lachten über ihn. Lulatsch, riefen sie, weil er einen Kopf größer war als sie. Die Zwerge. Dagobert, der bis dahin nicht viel Grund gehabt hatte, über die Normmäßigkeit seiner Körperhöhe nachzudenken, zog seine Schlüsse und sich aus der Schusszone. Mit einem unbekannten Kunstgriff ließ er sich auf Dauer vom Schulsport befreien und konzentrierte sich ganz auf das, was ihm leicht fiel: seine intellektuellen Stärken. Er spielte, ohne es je wirklich gelernt zu haben Harmonium und später Orgel in der Kirche. Doch eine Dose aufmachen, das fiel ihm noch als erwachsener Mann schwer. Als seine Wohnung renoviert werden musste, floh er mit einer Bücherkiste für vier Wochen nach Helgoland.

Als er aufhörte zu wachsen, war er einen Meter 99 lang. Im Bus zur Schule las er die Werke von Thomas Mann und Gottfried Benn, dicke Bücher über Päpste, Habsburg, russische Geschichte im 17. Jahrhundert. Er begann ein Studium der Germanistik an der Freien Universität, fuhr zu den Festspielen nach Bayreuth. Jedes Jahr wuchs sein Gedächtnis weiter, schmiss nichts weg, baute immer nur an, und fast alles, was er gelesen und gehört hatte, konnte er bei Gelegenheit zitieren. Den ganzen Ring, seitenweise Goethes Gedichte plus Naturphilosophie und eine ausgewählte Liste der Namen einzelner Mineralien aus Goethes Steinsammlung.

Ein Professor an der Freien Universität gab dem begabten Studenten eine Stelle. Gemeinsam arbeiteten sie an einer neuen Hauptmann-Ausgabe. Bis eine beeindruckend hohe Semesterzahl erreicht war, und der Professor starb, ohne ihm ein Thema für die Abschlussarbeit vorgeschlagen zu haben. Als ein Freund ihm sagte: Du hast ein tolles Organ, versuch es doch mal beim SFB, als Sprecher, da sagte Dagobert Dielitz: Warum eigentlich nicht? Er musste seine Stimme niemals schulen. Die saß einfach, noch so ein Talent. Perfektion ohne Anstrengung, so sollte es sein. Es wurden 31 Dienstjahre daraus.

Am 31. Dezember 2002 trat Dagobert Dielitz in den Ruhestand, fünf Tage später starb er. 31 Jahre lang war er die männliche Stimme des Musikprogramms im SFB. Sonor und bedächtig kündigte diese Stimme Streichquintette und Operngalas an. Widmete sich souverän einer zungenbrecherischen Liste von italienischen, französischen, russischen, japanischen Namen, ohne Angst vor dem Versprecher, denn Dagobert Dielitz las aus Prinzip nichts vor, was er nicht kannte oder nicht verstand. Die Stimme wurde sogar berühmt, bekam Post aus ganz Deutschland, montags wurde das Programm bundesweit übertragen. Und trotzdem, trotz der perfekten russischen Aussprache, auf die sie so stolz war, las die Stimme die Texte von anderen vor. Texte? Eigentlich waren es Namenslisten – von dem Rücken der Hüllen von Langspielplatten.

Nein, würde die Stimme widersprechen. Ich habe auch Opern begleitet, bis zu zehn Minuten lang zwischen den Akten gesprochen, die Handlung zusammengefasst, die Interpreten interpretiert, sogar eine Weile lang eine Operettensendung moderiert, und das, ohne einmal im Lexikon nachschlagen zu müssen. Aber als es vorbei war, liebe Stimme, als man deine Sendung aus dem Programm nahm, da hast du nicht widersprochen und nicht gekämpft, sondern gewartet, dass man dich noch einmal bittet, dass man entdeckt, dass du mehr bist als eine Stimme. Abends, an der Theke, da haben dir deine Freunde auf die Schultern gehauen und gesagt: Warum ist so einer wie du nicht Musikredakteur, warum hat so einer wie du nicht promoviert?

Du warst so selbstbewusst, so begabt, eine Autorität. Und hast doch nie die Initiative ergriffen. Wenn die nicht merken, was sie an mir haben, selber schuld, hast du gesagt, und weiter in der Teeküche zwischen deinen Einsätzen den Kindern von Kollegen Nachhilfe in Latein gegeben, hast die Nase über die Fehler der anderen gerümpft. Was, die weiß nicht, wie man Sarasin ausspricht? In der „Besenwirtschaft“ und bei deinen Festen, da warst du der Mittelpunkt. Alle hingen an deinen Lippen, wenn du ausschweifend und unter Bezugnahme auf die letzten fünfhundert Jahre der ungarischen Geschichte erzählt hast, wie du dich einmal in Budapest ausgesperrt hast, nachts, ohne was an. Oder wenn du kokett gereimt hast: „Gott schuf mich im Grimme. Er gab mir nichts als eine schöne Stimme.“ Als deine Kollegin dich fragte, ob du ihr ein Stück für ihr Papiertheater schreiben würdest, liefertest du in kurzer Zeit zwei Manuskripte ab. Warum musstest du immer gefragt werden?

Warum muss denn jeder ehrgeizig sein? Dagobert Dielitz mochte sein Leben, so wie es war. Lang ausschlafen und sich dann dem Tag widmen. In den letzten Jahren fing sein Dienst um 17 Uhr an. Viel Zeit zum Lesen, keine Geldsorgen. Um zehn nach zwölf fuhr das Taxi in der „Besenwirtschaft“ vor, Dagobert Dielitz stieg aus. Mit seinem langen weißen Bart und dem schwarzen Hut, mit dem handgefertigten Fuchsmantel in Übergröße und dem großen goldenen Ring im Ohr. Er sah er aus wie ein Zauberer. Oder wie ein Aristokrat: stolz, hedonistisch, erfolgsverwöhnt, jede Streberei verachtend. Oder verwegen wie ein Pirat, wie ein kleiner Junge ihn einmal nannte: ein Pirat, der nie eine Niederlage riskierte. Ein Pirat, der an einem Sonntag in seinem Bett starb, die Lesebrille auf dem Kopfkissen neben sich.

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