Wirtschaft : Geb. 1938

Jörn Schönberg

Stefan Jacobs

Er liebte die Ordnung. Und hielt auch mal Autos an, deren Tankklappe offen stand.

Jörn Schönbergs wichtigstes Arbeitsgerät war der erhobene Zeigefinger. Bei einem knapp zwei Meter großen, kräftig gebauten Polizisten macht ein Zeigefinger mindestens so viel Eindruck wie eine erhobene Kelle.

Zwei Mal hätte ihn seine Leidenschaft fast das Leben gekostet. Jörn Schönberg liebte es, auf großen Straßenkreuzungen zu stehen. Beim ersten Mal holte ein Lkw-Fahrer beim Abbiegen zu weit aus und zielte direkt auf sein Treppchen in der Kreuzungsmitte. Im allerletzten Moment ergriff Jörn Schönberg den Außenspiegel wie Tarzan die Liane. Der Fahrer hätte vor Schreck fast einen weiteren Unfall gebaut, als er den baumelnden Verkehrspolizisten an seine Tür klopfen sah. Doch dann fand er die Bremse und kam mit einer strengen Ermahnung davon.

Der unachtsame Trabifahrer ein paar Jahre später hatte weniger Glück: Zum Ausweichen war es zu spät, Jörn Schönberg stürzte mit dem Kopf zuerst durch die Frontscheibe. Er holte sich eine Platzwunde über der Stirn; die Beule wurde er sein Leben lang nicht mehr los. Auch für den Autofahrer war die Sache noch lange nicht ausgestanden, denn Trabi-Frontscheiben waren damals wirklich schwer zu bekommen.

Begonnen hatte Jörn Schönbergs Karriere an der inzwischen verschwundenen Kreuzung von Siegfriedstraße und alter Frankfurter Allee nahe dem Bahnhof Lichtenberg. Jeden Morgen stieg der Polizist auf sein Türmchen und regelte per Knopfdruck die Ampel. Seit die Lichter ab Ende der sechziger Jahre automatisch umschalteten, tat Jörn Schönberg auf anderen Lichtenberger Straßen Dienst. Doch er kehrte oft an den Ort seines Debüts zurück, wenn durchrauschende Staatsbesuche oder die störanfällige Ampelsteuerung wieder den Handbetrieb erforderten. Der Blumenhändler an der Ecke, der Uhrmacher und die Frau vom Wäschereikombinat – sie freuten sich, Jörn Schönberg in der Pause oder auf dem Weg vom Dienst zu treffen und mit ihm über die Welt im Allgemeinen und die Tücken des Straßenverkehrs im Besonderen zu plaudern. Auch die Busfahrer, denen er mal als Kreuzungsdirigent und mal als Fahrgast begegnete, grüßten ihn. Er war ein Verkehrspolizist, dem sie gern begegneten, weil er vorausschaute und niemals vor einem nahenden Bus den Arm hochriss.

Bei Straßenbahnen war Jörn Schönberg noch vorsichtiger, denn seit er den Tram-Führerschein gemacht hatte, wusste er, wie schlecht sie bremsen. Er besaß zwar nie ein Auto, aber fahren konnte er so ziemlich alles. Einmal kutschierte er eine zerknitterte Straßenbahn zum Betriebshof zurück, weil ihm die Fahrerin nach dem Unfall zu aufgeregt zum Weiterfahren schien.

Jörn Schönberg liebte es, wenn alles seine Ordnung hatte – auch die Kleinigkeiten. So stoppte er manchen Linksabbieger, um dessen offen stehende Tankklappe zu schließen. Und wer glaubte, noch schnell am erhobenen Polizistenarm vorbeihuschen zu können, musste eine Strafminute auf der Kreuzung verbringen, während Jörn Schönberg alle anderen an ihm vorbeiwinkte.

1967 würdigte das „Neue Deutschland“ sein Reglertalent: „Im Wettbewerb der Berliner Volkspolizisten um den Titel ,Bester Verkehrsregler der Hauptstadt‘, der am Montag auf der Kreuzung Oranienburger Tor ausgetragen wurde, belegte der Meister der VP Jörn Schönberg den 2. Platz.“ Die Geschichte war mit einem Foto des Siegers garniert, der kerzengerade und mit entschlossenem Blick inmitten einer autofreien, gepflasterten Weite steht.

Nach der Wende, als die Dienstwege länger wurden, verschlug es Jörn Schönberg in die Bußgeldstelle. Aber er umgab sich lieber mit Menschen und Autos als mit Papier und Ordnern; nach einem Jahr war er wieder auf den Straßen in seinem Lichtenberger Kiez unterwegs. Amüsiert sah er, wie Kollegen neuerdings zu viert den Verkehr auf Kreuzungen regelten, die er früher allein unter Kontrolle hatte.

Während er durch die Straßen von Lichtenberg ging und nach Verkehrsrowdys und abgelaufenen TÜV-Plaketten Ausschau hielt, kam ihm die Idee, den Wandel in seinem Viertel zu fotografieren. Er hatte ja schon eine über drei Jahrzehnte gewachsene Sammlung – auch wenn auf den meisten Bildern verbeulte Autos oder entgleiste Straßenbahnen im Vordergrund waren. Als Rentner wollte er sich Zeit nehmen, die Fotos zu sortieren. Ein paar Monate noch. Doch plötzlich versagte sein Herz. Die Fotos liegen jetzt bei seinem Sohn zu Hause. Unsortiert.

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