Wirtschaft : Geb. 1938

Velautham Sittambalam

Maria Neuendorff

Erst sorgen die Eltern für die Kinder, dann sorgen die Kinder für die Eltern. Ein Kreis, der sich schließt. Oder auch nicht.

Warum haben Sie das getan, Herr Velautham? Warum so? „Erst mal setzen und Tee trinken…“, hätte er geantwortet. Und dann hätte er mit wenigen, wohl gesetzten Worten erklärt, warum er sich an einem Sonntag, dem ersten sonnigen Tag des neuen Jahres, mit Benzin übergossen und angezündet hat.

Velautham Sittambalam war ein schöner, stattlicher Mann: graumeliertes, welliges Haar, Cäsarenkopf, volle Lippen, warme Augen. Schauspieler hätte er sein können – wäre doch möglich, schließlich war er schon Polizist, Lehrer, Versicherungsvertreter, Dichter… in seinem früheren Leben auf der Insel Sri Lanka, die einmal Ceylon hieß. Ceylon? „Erst mal setzen und Tee trinken…“

Ceylon gab es nicht mehr, es gab nur noch Sri Lanka und Bürgerkrieg, und Velautham Sittambalam, der Tamile, ging in’s Exil nach Berlin. Alleine, ohne Familie zuerst, schlug er sich durch und fand eine Arbeit beim Roten Kreuz als Erzieher für junge Tamilen, die auch alleine und ohne Familie nach Berlin gekommen waren. Er gründete quasi eine Ersatzfamilie: die Jungs und ihr „uncle“, der Herr Velautham. Tag und Nacht saßen sie in seinem winzigen Büro, fragten ihn Löcher in den Bauch, saugten seine Worte auf, die alten Geschichten aus der Heimat von den guten und den bösen Göttern der Hindus. Er war streng, der „uncle“, sehr streng, es setzte auch so manche Ohrfeige: Schule, Ausbildung, Disziplin. „Legt Euch ein Konto an und werft Euer Geld nicht zum Fenster raus!“ Wie gut das tut! Da ist jemand, der an unsere Zukunft glaubt, einer, der es wissen muss, denken die Jungs voller Verehrung. „Haben Sie schon gegessen, uncle?“

Nein, der Herr Velautham isst jetzt nicht mehr so oft wie früher das höllisch brennende Essen der Tamilen mit seinen Jungs. Er hat es geschafft: fester Job, deutsche Staatsbürgerschaft und die Familie beisammen – die Frau, die zwei Töchter, der Sohn. Jetzt kocht die Frau, und Herr Velautham braucht beim Dienst im Jugendwohnheim nur noch seinen Tee und seine Zigaretten. Dann starrt er dem Rauch nach in seinem Dachkämmerlein und denkt nach, schreibt und schreibt, auf Tamilisch oder in seinem schönen alten Englisch. Ob Antrag oder Gedicht, Theaterstück für das Sommerfest der Jungs oder philosophische Abhandlung, er schreibt alles für die anderen Menschen, die Menschen, die ihn um Rat und Hilfe bitten. Sie sollen lernen, verstehen, ihr Leben meistern, so wie er, Velautham Sittambalam, sein Leben meistert.

Meistert er sein Leben? Die Zeiten der rauschenden Sommerfeste im Jugendwohnheim gehen vorüber. Für die Neuankömmlinge unter den tamilischen Jungs gibt es keine Zukunft mehr in Deutschland. Das Berliner Rote Kreuz muss Stellen streichen. Auch die von Velautham Sittambalam. Man verspricht ihm Vorruhestand und Frührente, wenn er auf die Abfindung verzichtet. Es ist unter seiner Würde zu schachern. Velautham Sittambalam nimmt seine Frau und zieht nach Hamburg, zur Tochter. Die ist wohl situiert, dafür hat er als guter Vater gesorgt. Den beiden Töchtern verhalf er zu einer soliden Ausbildung, zu ordentlichen Ehemännern, zu Wohlstand. Jetzt muss der Kreis sich schließen, jetzt sorgen die Kinder für die alten Eltern. So war das immer, von Generation zu Generation.

Der Kreis schließt sich nicht. Der Traum vom glücklichen Zusammenleben der Generationen unter dem Dach des schönen Hauses zerplatzt, scheitert an Geldproblemen. Nichts mit Vorruhestand und Frührente: Das DRK in Berlin ist pleite und Velautham Sittambalam plötzlich ohne Einkommen. Es beginnt ein Spießrutenlauf durch die Ämter, alle Anträge werden abgelehnt. Es gibt Streit mit dem Schwiegersohn, mit der Tochter, mit der Frau. Die Raten für das Haus drücken auf die Stimmung in der Großfamilie. Auch hier schachert ein Velautham Sittambalam nicht. Erst recht nicht mit den geliebten Menschen. Dann geht er eben, oder soll man sagen: er flieht?

Er flieht nach Indien zu Verwandten, in ein großes Haus, in dem die Generationen zusammenleben. Er unterrichtet die Nachbarskinder, deren Eltern das Schulgeld nicht aufbringen können. Wie gut das tut! Das strahlende Lachen der Kinder und die indische Sonne. Hier wird er gebraucht, ist keine Last, kann geben wie er das immer getan hat, wird verehrt, wie er immer verehrt worden ist. Doch auch dieser Traum zerplatzt: Das indische Visum des deutschen Staatsbürgers Velautham Sittambalam läuft ab.

So kehrt er nach Berlin zurück. Sein graumeliertes Haar ist weiß geworden, ein Altenheim in Reinickendorf wird sein Zuhause. Er ruft die Jungs von damals. Die können es nicht erwarten, ihren Herrn Velautham wiederzusehen, nehmen ein Taxi. Endlich der ersehnte Augenblick: Sie stehen vor ihm und was tut er? Er schimpft. Schimpft, dass sie soviel Geld verschwendet haben für ihn, er hatte ihnen doch den Weg genau beschrieben. Ach, wie gut das tut! Da sitzen sie wieder beisammen und er kocht Tee, so wie früher. Doch es geschieht etwas Unfassbares: Herr Velautham weint. Nein, das darf nicht sein, er doch nicht, er, der große Herr Velautham, weint doch nicht vor ihnen, den Jungs. Es ist etwas zu Bruch gegangen im Leben, nicht nur in seinem.

„Haben Sie schon gegessen, Herr Velautham?“ Die jungen Männer kochen und putzen das kleine Appartement im Seniorenstift. Vergebens. Sie können diesen Schmerz nicht lindern. Die Trennung von der Familie in Hamburg, die würdelose Existenz eines Sozialhilfeempfängers, der auf die Altersrente wartet, die Einsamkeit.

Ein letzter Versuch: Die andere Tochter, die mit ihrer Familie in München lebt, sie wird den alten Vater nicht im Stich lassen. Er kauft ein Ticket nach München. Doch dann sollen es die treuen Helfer auf einmal zurück bringen. Die jungen Männer sträuben sich, betteln, er möge doch zur Tochter fahren. Und der alte Mann wird noch einmal, ein letztes Mal, der „Herr Velautham“, ganz Würde, ganz Autorität: „Tut, was ich Euch sage. Ich will dieses Ticket nicht!“

Wo hatten Sie den roten Benzinkanister her, Herr Velautham? Es war Sonntag, die Sonne schien, endlich, und Sie hatten sich mit Ihrem Nachbarn Richard für Montag verabredet. Sie haben dann plötzlich diesen Kanister geholt, Sie sind hinter das Haus gegangen, haben sich unter den Baum gestellt, sich mit Benzin übergossen und angezündet. Tat das nicht furchtbar weh?

Gelacht hätte er, sein weises, joviales Lachen. Es gibt Dinge im Leben, die schmerzen mehr.

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