Wirtschaft : Geb. 1939

Maria Kempas

Gregor Eisenhauer

Sie stellte Badewannen für die Vögel in den Garten. Und sie schrieb Faxe, viele Faxe.

Wellensittich im Sektglas ertrunken.“ Die Schlagzeile, sauber ausgerissen, hing bei ihr in der Wohnung. Sie hätte ebenso gut in ihrer Kneipe hängen können. Da war auch so viel Krimskrams, auf dem Tresen, an der Wand, auf dem Boden.

Die Kneipe war im zweiten Hinterhof Kantstraße, neben den Kantgaragen. Ein kleiner Raum, mit einer winzigen Bühne. Im zweiten Stock die Wohnung, schön, mit Wintergarten und Blick auf die S-Bahn. Maria war Vogelfreundin, deshalb wollte sie nie Katzen, obwohl sie irgendwie zu ihr gepasst hätten. Die Vögel kamen zu ihr in die Wohnung. Überhaupt, an der S-Bahn kannte sie alle Tiere, selbst ein Marder streunte da rum, nur als sie mal Mäusekäckerle auf dem Tresen entdeckte, da wurde sie schrill.

Im Wohnzimmer stand ein großer Tisch, was da aufgefahren wurde, wenn es Essen gab, war enorm. Enorm groß war auch der Kühlschrank, schon wegen der Stullen für die Kneipe. Und natürlich lagen überall die Zigarettenschachteln griffbereit. Als Mahnung an alle Nichtraucher, sich mal ein bisschen locker zu machen, hatte sie im Garten ein altes HB-Männchen platziert: „Aber wer wird denn gleich in die Luft gehen…“

Dann standen da noch kleine Badewannen für die Vögel im Garten, und natürlich viel Krimskrams, zum Beispiel die alte, dünne Schaufensterpuppe am Eingang zur Kneipe, die jedes Jahr neu eingekleidet wurde.

Maria selbst war eine ziemlich korpulente Person, mit langen Gewändern und tausend Ringen um den Arm, die man hätte wegsägen müssen. In der Klinik hat sie’s irgendwann mal unterschrieben, dass die entfernt werden dürfen im Notfall. Aber einen Notfall gab es nicht, denn Maria ging einfach nicht mehr zum Arzt: tödliche Diagnoseangst. Allenfalls mal zum Zahndoktor, aber da musste man sie hinschieben und ihr hinterher einen Orden anheften.

Ein bisschen bockig war sie schon, manchmal richtig trotzig, und gar nicht selten kindisch: Auf dem Boden in der Wohnung hatte sie Münzen fest geklebt, und wenn sich dann einer bückte – Gekicher, Gekicher.

Immer Freitag und Samstag ab 22 Uhr öffnete sie die Kneipe, und es gab Kleinkunst. Sie hat die Einladungsbriefe geschrieben, und die Stullen runter getragen, den Korb mit Zigaretten natürlich auch. Dann wurde ein bisschen Luft reingelassen, denn fünf Tage war die Kneipe zu, und es roch immer etwas miefig, wie auf einem uralten Schiff. Kleine holländische Teppiche lagen auf dem Tisch, überall Handtücher drunter, falls einer kleckerte, die wurden auch regelmäßig gewechselt. Dann schloss sie das Klo auf und vertrieb die ersten Gäste. Auch wenn Winter war, denn zu früh durfte keiner rein: Da war sie Diva und Kiezmutter zugleich.

Und dann stand sie hinterm Tresen, der war berühmt, da wurden Lieder drüber geschrieben: „Und wenn Maria gute Laune hat, dann gibt sie dir auf Pump Rabatt, Berlin dein Winter ist kein Spaß…“ Das lag überhaupt nur an ihren Stullen, dass der Winter in Berlin erträglich war. Brote tellergroß, Kartoffelsalat drauf, und noch ein Schokokäfer extra. Was übrig blieb, wurde im Treppenhaus verschenkt. Zuletzt blieb viel übrig, weil kaum noch Gäste kamen. Künstler schon, aber selbst die hatten es nicht ganz einfach mit ihr, schon gar nicht, wenn einer sich mal das Rauchen verbeten hat. Dann kauerte sie hinter dem Tresen und piffte heimlich eine.

Nach Ende des Konzerts hockte sie dann gern noch eine Stunde oder zwei oder länger am Stammtisch. Blablabla, Gott und die Welt, eine Kippe nach der anderen, dazu finnischen Wodka. Irgendwann, auch wenn die anderen sich noch so amüsierten, hieß es plötzlich: „Ick bin müde, wir wollen jetze gehen.“

Dann wurde noch mit dem Teppichroller von Muttis Mutti sauber gemacht, und aus war es. Irgendwann hatte sie dann überhaupt keine Lust mehr. Der Laden strengte nur noch an und brachte nichts mehr ein. Sie gab ihn an Jüngere weiter, sah noch ein Jahr mit an, wie er endgültig Bankrott ging, gab gute Tipps, die nichts halfen.

War ja nicht so, dass sie sonst nichts zu tun hatte. Im Gegenteil, sie hat sich immer geärgert, wenn die Leute glaubten, sie wäre unbeschäftigt, nur weil sie den ganzen Tag zu Hause war. Sie hat viel geschrieben, Tagebuch, jeden Tag, auch wenn nichts passiert ist. Und sie hat unheimlich gern gebadet.

Sie hatte eine wunderschöne Schrift, eigentlich hätte sie lebenslänglich Speisekarten beschriften müssen, stattdessen schrieb sie ein Dutzend Faxe am Tag, auch wenn grade nicht so viel Wichtiges zu berichten war: „Warte mal“, schrieb sie dann, „ich muss mir jetzt ne Piffe anzünden.“ Oder sie stellte existenzerhellende Fragen der Art: „Kennst du Fritz Kunzehuhn? Nee? Ich auch nicht.“

Man konnte sich den Tag über damit beschäftigen, ihre Faxe zu beantworten, und weil die wenigsten dafür Zeit hatten, hat sie irgendwann begonnen, das Wohnzimmer grün zu streichen. Irgendwo auf halben Weg zwischen Farbeimer, Badewanne und Fax ist sie dann einfach umgefallen.

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