Wirtschaft : Geb. 1940

Marianne Puder

Meike Bruhns

Marianne Puder

Um ihre Beerdigung kümmerte sie sich selbst. „Rat mal, was ich heute gemacht habe“, sagte Marianne Puder ihrer Freundin am Telefon. „Ich habe mir einen Sarg ausgesucht.“ Schlicht war er, ohne Schnickschnack. Den Ablauf der Trauerfeier hat sie noch in ihrem Bett im Hospiz aufgeschrieben, ihren Freunden wollte sie das nicht zumuten. Auf dem Zettel steht auch, welche Liedstrophen gesungen werden sollten. Als Text wünschte sie sich Moses I, Vers 12,1. Die Stelle, an der Gott Abraham sagt, dass er das Land seiner Väter verlassen soll. So wie sie, die erst nach Nepal ging und dann, als die Knochen die langen Fußmärsche auf 2500 Meter Höhe nicht mehr aushielten, nach Brandenburg.

„Wir hätten nicht jede aus dem Westen genommen“, sagt ihr Nachfolger in der Eberswalder Gemeinde. Aber eine, die jahrelang als einzige Europäerin in einem nepalesischen Bergdorf wohnen kann, würde wohl auch als Pfarrerin in einer kleinen Ost-Gemeinde zurecht kommen.

Recht hatten sie. Wer sonst hätte so dafür gekämpft, dass die städtische Kita im Brandenburgischen Viertel nicht geschlossen, sondern nahtlos von der Kirche weitergetragen wurde. Wer sonst hätte den Kita-Mitarbeiterinnen so selbstverständlich Unterricht gegeben und sie dann getauft? Marianne Puder ging es dabei nicht in erster Linie ums Bekehren, sondern darum, dass die Frauen ihre Jobs behalten.

Dass aus dem Steglitzer Mädchen, das stundenlang auf der Straße Hopse spielte, früh rauchte und schrecklich gerne Feste feierte, eine Pfarrerin wurde, lag an Neuendettelsau. An dem freiwilligen diakonischen Jahr, dass die Abiturientin dort in der Psychiatrie verbrachte, weil sie nicht wusste, was sie aus ihrem Leben machen sollte. „Die Frömmigkeit der Patienten, ihre Spiritualität, haben sie tief beeindruckt“, erzählt ihre Freundin. „So etwas hatte sie zuhause nie kennen gelernt.“

Die Familie war von dem plötzlichen Wunsch, Theologie zu studieren, zunächst wenig begeistert. „Aber wenn Marianne an etwas glaubte, setzte sie es durch.“ So wie das Studium an der Kirchlichen Hochschule, so wie die beiden Auslandssemester in Basel bei dem berühmten Theologen Karl Barth, wo die Freundinnen sich kennen lernten. 1961 war das.

Die Freundschaft hielt 43 Jahre lang. Hielt, als die Jungpfarrerinnen ihre ersten Gemeinden übernahmen. Hielt, als Marianne ihre Gemeinde bald wieder verließ, weil sie mehr wollte, als sonntags in Neukölln zu predigen. Sie wollte dorthin, wo sie wirklich gebraucht wird. „Mit Privatchristentum konnte Marianne nichts anfangen“, sagt die Freundin. „Glaube, das war für sie die soziale Dimension. Etwas, das man leben muss.“

Dabei machte sie es sich nicht immer leicht. Wenn es ans Grundsätzliche ging, war Marianne Puder kompromisslos bis zur Schroffheit. Ob Nato-Doppelbeschluss oder später der Irak-Krieg, für die Pazifistin gab es kein „Ja, aber“. Nächtelang konnte sie sich über die Probleme der Dritten Welt oder theologische Fragen den Kopf heiß reden. Immer hatte sie die wichtigen Texte längst gelesen. Und wehe, die Argumente des Gegenübers hatten nicht Hand und Fuß.

Marianne Puder machte keine halben Sachen. 1970 ließ sie sich am Klinikum Steglitz zur Krankenschwester ausbilden, ging zu Zusatzkursen ans Tropeninstitut, machte ein Praktikum auf der Kanalinsel Wight. Nur das mit Nepal war Zufall. Es hätte auch Afrika sein können, aber dort wurde gerade niemand gebraucht.

Drei Monate lang lernte sie in Kathmandu Nepali, arbeitete sich in einem Krankenhaus in Amp Pipal ein, dann ging es weiter fünf Stunden zu Fuß bergauf in eine Lehmhütte. Dass ihr als Mitarbeiterin der „United Missions to Nepal“ das Missionieren verboten war, störte Marianne Puder nicht. Sie zog durch die Dörfer, gab Ernährungskurse, half, die Kranken besser zu pflegen. Fotos zeigen eine strahlende, sehnige Frau. Wie soll man bei Erbsenbrei, Gemüse und langen Märschen auf schmalen Bergpfaden auch dick werden?

Alle paar Monate kam sie nach Amp Pipal, holte Medikamente und die Post, schickte Briefe an die Freunde. Einmal rief sie aus Kathmandu an. „Ich habe mir Sorgen gemacht weil ich so lange nichts von dir gehört habe – ist alles in Ordnung?“, fragte sie die Freundin.

Wenn Marianne Puder an sich gezweifelt hat in all den Jahren, so erfuhren ihre Freunde das kaum. „Da war ein Teil von ihr, da hat sie einen nicht rangelassen“, sagt die Freundin. Nicht, dass sie nicht geschrieben hätte, oder sich gekümmert. Nur Privates behielt sie eben für sich. Männer waren für Marianne Puder nie ein Thema.

Wäre die Mutter in Berlin nicht krank geworden, sie wäre wohl länger in Nepal geblieben. So kam sie nach drei Jahren wieder nach Berlin, wurde Pfarrerin in Lankwitz, bis die Mutter starb. Dann ging es sofort wieder zurück , diesmal in ein anderes nepalesisches Dorf, ebenso hoch, ebenso abgelegen. Hier brachte Marianne Puder Kindern und Frauen Lesen und Schreiben bei.

Lachende Kinder wuseln auf den Fotos durch Marianne Puders Hütte. Hier in den Bergen ließ die Pfarrerin, die sich in Berlin stets dagegen gewehrt hatte, 24 Stunden im Dienst zu sein, ihre Tür immer offen. Um Geld für die Frauen im Dorf zu beschaffen, transportierte sie die Handarbeiten der Frauen zwölf Stunden mit dem Bus nach Kathmandu, verschickte die Sachen nach Deutschland, wo sie auf Kirchenbasaren verkauft wurden. Doch die Höhenluft und das harte Leben machten ihr zu schaffen. 51 war sie, als sie endgültig nach Deutschland zurückkehrte und die Eberswalder Gemeinde übernahm.

Was hatte sich Marianne Puder auf ihren Ruhestand gefreut! Sie, die so gerne ins Kino ging und lange Ausflüge machte. Die zu Silvester mit Taschen voller Böller anrückte. „Obwohl sie in Nepal sehr einfach gelebt hat – eine Asketin war sie nie“, sagt die Freundin. Da waren die guten Abendessen mit den Freunden, die langen Spieleabende. Sie sollte nicht lange etwas davon haben. Der Nierenkrebs war schon da.

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