Wirtschaft : Geb. 1940

Henner Kolitzus

Sonja Niemann

Henner Kolitzus

Henner Kolitzus mochte es, wenn Entscheidungen getroffen wurden. Wenn er dabei sein konnte, wenn sich das Schicksal des Landes in die eine oder andere Richtung wandte. Doch als Politiker Entscheidungen treffen, das wollte er dann doch nicht. Reden schreiben, Akten wälzen, die Vorarbeit zu den Entscheidungen leisten – das genügte ihm. Auch so bekam er hautnah mit, wie Geschichte geschrieben wird.

Manchmal war er in der Tagesschau zu sehen, neben Richard von Weizsäcker, als der Berliner Bürgermeister war. Er rief dann seine Töchter an den Fernseher, und sie waren stolz auf ihn und staunten angemessen. Auch wenn mal nur sein linkes Ohr im Bildausschnitt zu erkennen war.

In seinem Gütersloher Elternhaus ging es streng zu. So zog er dort aus, kaum dass er sein Abitur in der Tasche hatte. Erstmal zur Bundeswehr. Dann eine Banklehre in Hamburg, dort hatte er eine Tante, bei der er wohnen konnte. Oder sollte er studieren? Vielleicht – aber was? In seiner Ratlosigkeit schrieb er dem hoch verehrten Politiker Gustav Heinemann, damals noch nicht Bundespräsident, einen Brief: Er, Henner, könne gut zeichnen und interessiere sich ein wenig für Architektur, aber auch für Musik, Politik und vieles mehr. Ob Herr Heinemann ihm wohl sagen könnte, was man da studieren soll. Heinemann schrieb zurück: Wenn es eine Herzensangelegenheit gebe, etwas für das er brenne, dann solle er dies tun. Wenn es so etwas aber nicht gebe, dann wäre Jura immer eine gute Wahl. So studierte Henner Jura.

Seine Frau Erika lernte er bei einer Semesterabschlussparty kennen. Sie kam auch aus Gütersloh, sah an diesem Abend Henner auf sich zukommen – und duckte sich erst mal hinter eine Freundin: Der da hinten, das war doch einer von den braven Gütersloher Jungs, die auf dieses evangelische Elite-Gymnasium gegangen waren. Mit so einem wollte sie nun gar nichts zu tun haben! Doch unbeirrt forderte er sie immer wieder zum Tanz auf, und Erika stellte fest, dass er für so einen Streberjungen eigentlich ganz geistreich war. Er ging wie sie gern ins Theater und in Konzerte, sie lasen die gleichen Bücher, am liebsten Thomas Mann. Und witzig war er: Er konnte die albernsten Wortspiele machen, und sie lachte sich darüber kringelig. Also wurden sie ein Paar.

Sie zogen nach Berlin, bekamen zwei Töchter, und Henner war ein begeisterter Vater: Stundenlang las er vor, so gerne und so gut, dass er diesen Job auch gerne für die anderen Kinder der Hausgemeinschaft übernahm. Auch öfter mal für die Töchter der Nachbarin, der Journalistin Ulrike Meinhof, bis Frau Meinhof eines Tages verschwand.

Nach dem Studium wurde er persönlicher Referent des Berliner Bürgermeisters, erst von Dietrich Stobbe, dann Richard von Weizsäcker. Er schätzte Herrn von Weizsäcker sehr und erzählte euphorisch von seinem Beruf und den Konferenzen, bei denen er dabei sein durfte. Besonders interessierte er sich für den Ost-West-Konflikt. Anfang der achtziger Jahre bekam er ein Angebot, das er einfach nicht ablehnen konnte: Obwohl kein Diplomat, durfte er in die Ständige Vertretung nach Ost-Berlin wechseln.

Seine Aufgabe dort sollte sein, Ost- und Westmenschen aus Kultur und Kirche zusammenzubringen. Nichts tat er lieber als das. So zog die Familie Kolitzus 1983 von Dahlem nach Pankow.

Er gab Gesellschaften in seinem Haus, für die er sich wochenlang Gästelisten überlegte, doch die Treffen waren nie steife und rein berufliche Angelegenheiten. Hier in Ost-Berlin fand er seine berufliche Erfüllung, den intellektuellen Austausch mit Menschen, die er mochte, Freundschaften für die Ewigkeit.

Während Henner in Ost-Berlin die glücklichste Zeit seines Lebens hatte, fanden seine Töchter dort alles furchtbar: Die grauen Straßen, die Nachbarn, das Haus, die Spitzel. Der lange Schulweg über die Grenze nach Charlottenburg. Dass sie die Freunde nicht mit nach Hause bringen konnten. Dass sie abends nicht einfach mal weggehen konnten.

Nach fünf Jahren wurde Henner Kolitzus nach West-Berlin zurückbeordert. Seine Töchter und seine Frau waren heilfroh, aber für ihn war das ein schwerer Schlag. In Ost-Berlin zeichneten sich große Dinge ab, und er musste wieder hier sitzen, im Rathaus Schöneberg und sich mit denselben Dingen wie Jahre zuvor beschäftigen. Er kam zurück an einen Ort, an dem nichts passiert war, an dem sich keiner für seine Ost-Berliner Erfahrungen interessierte, und anstatt des verehrten Richard von Weizsäcker war nun Eberhard Diepgen Bürgermeister.

Auch zu Hause standen die Dinge nicht zum Besten. Nach der Wende gelang es ihm immerhin, ans Umweltministerium in Brandenburg zu wechseln, aber die Probleme in der Familie blieben. Zunächst flüchtete Henner sich noch in die Arbeit, doch schließlich trennten sich die Eheleute.

Über die neue Frau in seinem Leben, die verheiratet war, sollte keiner etwas wissen, die Fragen seiner Töchter ließ er unbeantwortet. Über Gefühle spricht man nicht, man will ja niemanden belasten. Auch nicht mit dem Lungenkrebs, der erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wurde. In seiner letzten Woche im Krankenhaus waren die Töchter Tag und Nacht bei ihm. Sie trafen dort Kollegen ihres Vaters, seine beiden besten Freunde aus Ost-Berlin, alte Schulkameraden, die neue Frau.

Diese Menschen lieferten ihnen die Puzzleteile seines Lebens, die er ihnen vorenthalten hatte. Und alle sagten ihnen, wie sehr ihr Vater sie vergötterte.

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